Ski alpin
Lindsey Vonn - Die Rekordjägerin

Die amerikanische Abfahrts- und Super-G-Dominatorin findet ihre Freiheit auf der Skipiste und fährt gerade darum so stark.

Martin Probst, Val d’Isère
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Lindsey Vonn investiert viel in ihren Sport. Trainingspausen gönnt sie sich selten.

Lindsey Vonn investiert viel in ihren Sport. Trainingspausen gönnt sie sich selten.

EPA/GUILLAUME HORCAJUELO

Wer soll Lindsey Vonn stoppen? Fünfmal ist sie in dieser Saison gestartet, viermal hat sie gewonnen. Zweimal in der Abfahrt, einmal im Super-G und zum ersten Mal seit fast drei Jahren im Riesenslalom. Ist sie besser denn je? Vonn überlegt lange, lacht und sagt dann: «Mein Niveau ist wohl in etwa so gut wie in der Saison 2011/12.»
Damals hatte sie 12 Weltcuprennen gewonnen. So viele wie in keiner anderen Saison. Sie holte die Siege im Gesamt-, Abfahrts-, Super-G- und Kombinationsweltcup. Zudem gewann sie 2011 erstmals einen Riesenslalom und stieg in den illustren Kreis von nur sechs Frauen auf, die in jeder Disziplin im Weltcup gewonnen haben.

Nun also erneut ein Sieg im Riesenslalom. Wiederholt sich die Geschichte? Vonns Lust auf Bestmarken ist gross. Aber seit sie sich 2013 zweimal in Folge das Kreuzband gerissen hatte, ist etwas anders geworden in ihrem Leben als Spitzensportlerin: Die einst so verbissene Rekordjägerin lebt bewusster, geniesst ihre Tage. «Ich habe viel mehr Respekt vor meinem Job. Das Skifahren ist meine grosse Liebe und wenn ich auf der Piste bin, fühle ich mich immer wohl. Darum fahre ich», sagt die 31-Jährige. Seit Jahren leidet sie an Depressionen. Dem «Tagesanzeiger» sagte sie: «Ich hoffe, dass ich nach meiner Karriere vielleicht ohne Antidepressiva leben kann. Aber zurzeit wäre das nicht die allerbeste Idee.»

Fast unschlagbar

Die Rekordjagd stoppt dies nicht. Der Wille zum Sieg bleibt. 71 Weltcupsiege hat Vonn. Es fehlen noch 15, dann ist die Bestmarke von Ingemar Stenmark (86) egalisiert. Lange galt die Marke als unerreichbar. Bei den Frauen ist Vonn bereits Rekordsiegerin. Sie hat 19 Kristallkugeln für Siege in Disziplinenweltcups, davon vier für den Gesamtsieg. Der Gewinn der nächsten grossen Kugel sollte seit dem Verletzungs-Out von Mikaela Shiffrin nur noch Formsache sein.

Lindsey Vonn lächelt ob dieser Feststellung verlegen. «Für diese Saison sieht es ...» Wieder lächelt sie und ringt nach einer Erklärung, die die Gegnerinnen nicht despektierlich entwertet: «... ganz gut aus.» Die Amerikanerin ist sich bewusst, dass sie nicht zu schlagen sein wird, wenn sie gesund bleibt. Obwohl sie sagt: «Ich bin nicht unschlagbar und muss konzentriert bleiben. Wenn ich nur kurz meine Konzentration verliere, ist es vorbei.»

In Val d’Isère, wo heute eine Superkombination und morgen eine Abfahrt stattfinden, hat Vonn schon fünfmal gewonnen (dreimal in der Abfahrt, zweimal in der Kombi). Die Ausgangslage für die zwei Tage ist somit klar: alle gegen Vonn.

Überhaupt dreht sich im Skizirkus fast alles um die Amerikanerin. Doch Vonn bewältigt den Rummel so souverän, wie sie auf der Piste dominiert. Geduldig und charmant beantwortet sie Fragen in fast einwandfreiem Deutsch. Sie erzählt viel, nicht nur über den Sport. «Weihnachten werde ich mit meiner Schwester in Florenz feiern. Sie hat einen Freund, den ich noch nicht kennen gelernt habe. Das wird sicher spannend.» Sie selbst reist nach der Trennung von Golfer Tiger Woods alleine nach Italien. «Den richtigen habe ich für mich noch nicht gefunden», sagt sie. Später will sie einmal eine Familie gründen, doch das habe Zeit. Ihr Fokus gilt im Moment ganz dem Skisport. Ihrer treuen Liebe.

Endlich frei

Vonn will weiterfahren. Sicher noch bis zu den Olympischen Spielen 2018, wo sie Gold gewinnen will. Es würde ihre unglückliche Beziehung mit Grossanlässen versöhnlich beenden. Bisher waren WM und Olympische Spiele kein guter Ort für sie. Zwar gewann sie zwei Olympiamedaillen (Gold und Bronze) und sechsmal WM-Edelmetall (zweimal Gold, dreimal Silber und einmal Bronze). Doch die WM 2013 und Olympia 2014 verpasste sie verletzt und zuletzt an der Heim-WM lief es ihr wie 2011 nicht nach Wunsch.

Die Enttäuschungen sind vergessen. «Ich muss niemandem mehr etwas beweisen», sagt sie. «Doch so lange mein Knie mitmacht und ich Freude habe, werde ich Ski fahren.» Vielleicht auch über 2018 hinaus. Für die Konkurrenz sind das keine guten Aussichten, genau wie für den Rekord von Stenmark. «Der 86. Sieg ist weit weg, doch ich komme näher.» Noch hat Vonn grosse Lust: «Beim Fahren schalte ich den Kopf ab. Dann bin ich frei.»

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