Bei dem neuseeländischen Rugby-Team All Blacks herrscht ein Gerangel um die Nummer 10

Die Rugby-Championship ist die Meisterschaft der vier Top-Nationen der südlichen Hemisphäre. Zum Auftakt am Wochenende spielen in Sydney Australiens Wallabies gegen Neuseelands All Blacks und in Durban Südafrikas Springboks gegen Argentiniens Pumas.

Sissi Stein-Abel, Sydney
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Neuseelands Rugby-Star Beauden Barrett: Muss er seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft räumen? (Bild: Kai Schwörer (Christchurch, 28. Juli 2018))

Neuseelands Rugby-Star Beauden Barrett: Muss er seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft räumen? (Bild: Kai Schwörer (Christchurch, 28. Juli 2018))

Die Nummer 10 hat wie im Fussball auch im Rugby so etwas wie Ewigkeitsstatus. Aber es ist der Trainer, der über die «Zukunft der Nation» entscheidet. Und der hat vor dem Auftakt der Rugby Championship, dem Vierkampf der besten Nationalmannschaften der südlichen Hemisphäre, keinerlei Andeutungen gemacht, dass er in der Auftaktpartie des neuseeländischen Weltmeister-Teams, der All Blacks, am Samstag in Sydney gegen Australien nach drei Jahren Herrschaft einen neuen Spielmacher – den Verbindungshalf – zu präsentieren gedenkt. Dies, obwohl so viele Leute es fordern.

Steve Hansen hat (noch) nichts gesagt, trotz der Unzufriedenheit von Medien und Fans mit der wechselhaften Form, in der sich Beauden Barrett präsentiert hat, sowohl im neuseeländischen Nationaltrikot beim Ausrutscher gegen die britisch-irischen Lions vor einem Jahr, und auch während der gerade abgelaufenen SuperRugby-Saison; das ist die Meisterschaftsrunde der südlichen Hemisphäre mit Franchise-Teams aus Neuseeland, Australien, Südafrika, Argentinien und – entgegen geographischer Vorgaben – Japan.

Vielleicht aber auch nur, weil die Medienabteilung der All Blacks den Cheftrainer bei den täglichen Pressekonferenzen bislang nicht präsentiert hat. Stellvertretend hat es Hansens Assistent Ian Foster jedoch als «kein Thema» klassifiziert. «Es wird viel gequasselt, und es kommt und geht», sagte er und betonte, er habe nicht einmal die Notwendigkeit gesehen, die Sache mit dem 27-jährigen Barrett, der 65 Länderspiele auf dem Buckel hat, zu erörtern.

Richie Mo’unga ist in überragender Form

Nichtsdestotrotz hat sich die Diskussion seit dem Saisonende vor knapp zwei Wochen noch einmal verschärft, denn die Leistungen des Herausforderers Richie Mo’unga waren einfach zu überragend und die des zweifachen Weltspielers des Jahres zu durchschnittlich, um zur Tagesordnung überzugehen. Im Halbfinal war es sogar zum direkten Showdown gekommen, als Mo’unga mit den Crusaders aus Christchurch seinen Spielmacher-Rivalen und dessen Hurricanes (Wellington) förmlich überrollte. Im Final brillierte der 24-jährige Mo’unga gegen die Lions aus Johannesburg (Südafrika) und durfte den Meisterschaftspokal in die Höhe recken.

Richie Mo'unga von den Crusaders im Final gegen die Lions aus Johannesburg (Südafrika). (Bild: Phil Walter/Getty Images (Christchurch, Neuseeland, 4. August 2018))

Richie Mo'unga von den Crusaders im Final gegen die Lions aus Johannesburg (Südafrika). (Bild: Phil Walter/Getty Images (Christchurch, Neuseeland, 4. August 2018))

Während Crusaders-Assistenztrainer Ronan O’Gara, ein ehemaliger irischer Internationaler, forderte, Mo’unga auch bei den All Blacks als Nummer 10 einzusetzen und Barrett auf die Fullback-Position (Nummer 15) zu verpflanzen, dämpften die Kritiker aus dem Pro-Barrett-Lager die Euphorie über den Gipfelsturm des Spielmachers aus Christchurch, indem sie sagten, mit so brillianten Nebenleuten, wie Mo’unga sie in seinem Franchise-Team habe, hätte auch der Papst oder die Queen die Crusaders zum Titel geführt. Wobei so mancher vergisst, dass der 1,76 Meter grosse, kompakte Muskelmann während der Saison wochenlang wegen eines Kieferbruchs pausieren musste und nach seiner Rückkehr mit Spielkontrolle, Kommunikation, Tempo, Abwehrstärke, dem Blick für die Situation und seinen überragenden Kick-Fähigkeiten sofort wieder die Auftritte der Crusaders prägte.

Immerhin findet Ian Foster die Rivalität ausgesprochen wertvoll. «Der Fakt, dass Richie seine Ansprüche angemeldet, eine grandiose Saison gespielt und im Juni gegen Frankreich seinen Einstand bei den All Blacks gefeiert hat, ist unglaublich positiv für uns», sagt Foster «Ich denke nicht, dass es negative Auswirkungen auf ‚Beaudy‘ hat. Er hat grosse Dinge für uns geleistet. Er hat einen Job zu erledigen und muss sich darauf vorbereiten. Unsere Zehner müssen zusammenarbeiten. Sie treiben sich gegenseitig an, üben Druck aufeinander aus, und das kann nur positiv für uns sein. Wir haben jetzt drei Zehner zur Verfügung, und darüber sind wir höchst erfreut.“

Damian McKenzie ist der dritte Zehner

Es gibt da nämlich auch noch Damian McKenzie von den Chiefs in Hamilton. Der, so scheint es, sieht sich nach Mo’ungas überragender Runde aus der Kronprinzenrolle verdrängt, und seine Hoffnung, Barrett aus der Rolle des «Flyhalf» oder «First Five-Eighth» zu verdrängen, ist erheblich geschrumpft. Der 23-jährige Blondschopf wäre nicht der erste hochbegabte Vordenker, der angesichts solcher Aussichten resignieren würde. In Neuseeland bedeutet dies, ins Ausland zu wechseln und damit die Ambitionen, für die All Blacks aufzulaufen, aufzugeben. Wer für diesen Traum im eigenen Land bleibt, verzichtet auf erheblich besser dotierte Verträge in Europa – vor allem Frankreich und England – oder in Japan, wo im kommenden Jahr die nächste Weltmeisterschaft stattfindet. Da gilt es, die Chancen, das begehrte schwarze Trikot überstreifen zu dürfen, realistisch abzuwägen.

Crusaders produzieren Spielmacher dutzendweise

Der letzte Spielmacher, der aus diesem Grund dem Geld im Ausland den Vorzug gegeben hat, ist Lima Sopoaga, der im Januar von den Highlanders in Dunedin zu den Wasps in England wechselte. Zuvor hatten schon Aaron Cruden (Chiefs) sowie die Crusaders-Profis Tyler Bleyendaal, Tom Taylor und Colin Slade trotz überragender Leistungen die Hoffnung aufgegeben und das Weite gesucht.

Wie die Crusaders – wie jetzt Mo’unga - talentierte Spielmacher fast schon im Dutzend produzieren, ist ohnehin faszinierend. Hier war auch Dan Carter zu Hause, «Dan the Man», der die All Blacks 2015 zum Weltmeistertitel führte. Ein Überflieger, der seinesgleichen sucht und zwischen 2005 und 2015 dreimal Weltspieler des Jahres war. Nach dem Höhepunkt seiner Karriere wechselte der Maestro nach Frankreich zu Racing 92 Paris, und vor einem halben Jahr nach Japan, um auch finanziell den verdienten Lohn für seine Extraklasse zu kassieren.

Der mittlerweile 36 Jahre alte Carter, der mit 1598 Punkten einen Rekord für die Ewigkeit hält, drängt jedoch nicht auf den Einsatz seines indirekten Crusaders-Nachfolgers Richie Mo’unga, sondern unterstützt in der derzeitigen Spielmacher-Debatte seinen direkten All-Blacks-Nachfolger Beauden Barrett, einen eleganten und schlanken 1,87 Meter grossen Athleten mit überragendem Tempo, und zwar aufgrund dessen Erfahrung und Führungsqualitäten. «Ich war in derselben Position mit jungen Spielern, die einem auf die Pelle rücken», sagt Carter, «das sorgt dafür, dass man härter arbeitet und seine Rolle im Team noch ernster nimmt. Es ist phantastisch, dass bei den All Blacks solch eine Leistungsdichte herrscht.» Insofern gesehen ist die Spielmacher-Diskussion ein Luxusproblem, das den Rest der Rugby-Welt mit Neid erfüllt.