LUZERN: Der Run auf den Halbmarathon

Der Ansturm auf die Volksläufe ist in der Schweiz ungebrochen. Die Zahl der Finisher steigt von Jahr zu Jahr. Immer weniger Hobbyläufer starten jedoch über die Marathon-Distanz. Eine Suche nach den Gründen.

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Der Swiss City Marathon Lucerne – das Bild stammt vom letzten Jahr – zieht jeweils Tausende Sportler an. (Bild: Philipp Schmidli)

Der Swiss City Marathon Lucerne – das Bild stammt vom letzten Jahr – zieht jeweils Tausende Sportler an. (Bild: Philipp Schmidli)

Stefan Klinger

Es ist ein bitterer und zugleich erfreulicher Schritt: Als sich zu Beginn der vergangenen Woche bereits 7138 Hobbyläufer für den Halbmarathon beim zweiten grossen Luzerner Lauf­event des Jahres angemeldet hatten, mussten die Organisatoren des Swiss City Marathon Lucerne die Anmeldeliste schliessen. Ausgebucht. «Das Problem ist, dass beim Halbmarathon in der Regel alle Läufer innerhalb einer Dreiviertelstunde das Ziel erreichen», sagt Beat Schorno von der Geschäftsleitung, «daher müssen wir die Teilnehmerzahl aus Kapazitätsgründen limitieren. Wir haben im Ziel wie auch unterwegs das ein oder andere Nadelöhr. Bei noch mehr Läufern im Halbmarathon bräuchten wir viel breitere Strassen. Beim Marathon entzerrt sich dagegen alles ein bisschen.»

Doch so bitter es für die Veranstalter ist, interessierte Breitensportler abzuweisen, so sehr freut es sie, dass auch im Jahr 2015 der Swiss City Marathon Lucerne bei den Hobbyläufern äusserst beliebt ist – zumindest, was den Halbmarathon betrifft. Denn im Gegensatz zu der seit der Premiere 2007 massiv angestiegenen Teilnehmerzahl über die halbe Marathonstrecke nahm die Zahl der Finisher nach 42,195 Kilometern (siehe Tabelle) in den vergangenen Jahren kontinuierlich ab.

Internationaler Trend

Der Trend, dass der Halbmarathon für Breitensportler immer attraktiver und der Marathon immer unattraktiver wird, ist bis auf ganz wenige Ausnahmen in den schillerndsten Städten der Welt ein internationaler. Ein wesentlicher Grund dafür ist der enorm unterschiedliche Aufwand in der Vorbereitung auf den Laufevent. Wer zwei- bis dreimal pro Woche laufen geht, kann sich mit geringfügigen Änderungen seines Trainings gut auf den Halbmarathon vorbereiten. Wer sich aber seriös auf einen Marathon vorbereitet, muss über einen längeren Zeitraum ganz andere ­Trainingsumfänge absolvieren.

«Allein die spezifische Marathon-Vorbereitung geht zehn bis zwölf Wochen und sollte fünf bis sechs sogenannte Long Jogs beinhalten, also zwei bis drei Stunden lange Läufe», verdeutlicht der Chef Breitensport von Swiss Athletics, Florian Koch. «Gerade für Berufstätige ist das dann sehr schnell eine Zeitfrage.» Daher ist die seit ein paar Jahren flächendeckend angebotene Alternative Halbmarathon, durch die sich die Veranstalter trotz der Marathon-Krise ihre Gesamtteilnehmerzahl bewahren, für viele eine reizvolle Versuchung.

Ein exklusives Erlebnis soll es sein

Die hiesigen Veranstalter stehen ­zudem vor einem weiteren Problem. Weil die Breitensportler in der Vorbereitung auf einen Marathon im Alltag und in der Ernährung auf vieles verzichten müssen, ist die Teilnahme an einem Marathon meist ein Projekt, aus dem sie einen Event machen. Daher wollen sie dann auch oft ein exklusives Erlebnis, wie sie es bei einem Marathon in New York, Paris, London oder Berlin haben. Einen Lauf durch eine Stadt voller touristischer Höhepunkte, der sich am besten gleich noch mit ein paar Tagen Ferien kombinieren lässt.

So verbuchte Paris mit 40 262 Finishern über die 42,195 Kilometer ebenso wie London (37 644) und Berlin (36 817) in diesem Jahr einen Finisher-Rekord auf der Marathon-Distanz. Und auch beim grössten Marathon der Welt in New York, der in diesem Jahr am Sonntag in einer Woche stattfindet, gab es 2014 mit 50 433 Finishern einen Rekord. Bei all diesen Läufen mit am Start: ­mehrere hundert Schweizer.

Mehr Hemmungen in der Schweiz

Ein anderes Phänomen, das die steigende Anzahl an Teilnehmern bei Läufen in den USA erklärt, ist die dortige Mentalität. Einerseits ist die Hemmschwelle niedriger, weil niemand Angst haben muss, sich zu blamieren. «Wenn man in den USA nach sieben Stunden ins Ziel kommt, wird man bejubelt», verdeutlicht Koch. «Wenn du in der Schweiz sagst, dass du viereinhalb Stunden für den Marathon brauchst, wirst du schräg angeschaut und bekommst zu hören: Warum machst du das? Zudem können die Veranstalter in Zürich die Strecke nicht noch ein paar Stunden mehr für den Verkehr sperren.»

Andererseits hat der Laufsport bei den Frauen in den USA einen weitaus höheren Stellenwert. Bei mehreren US-Marathons lag in diesem Jahr der Frauenanteil unter den Finishern bei über 40 Prozent. In Portland, wo insgesamt 19 959 Frauen das Ziel erreichten, und in Orlando überquerten gar mehr ­Frauen als Männer nach 42,195 Kilometern die Ziellinie. In der Schweiz dagegen beträgt der Frauenanteil nur um die 20 Prozent.

Luzern setzt auf Charme

Doch ein Aussterben der Marathon-Distanz fürchten zumindest die Organisatoren des Luzerner Marathons nicht. Vor allem wegen des Beispiels in Genf, wo die Teilnehmerzahl nach einem massiven Einbruch vor fünf Jahren nun wieder stetig ansteigt. Denn die Genfer, denen es gelingt, über die vielen in der Region beheimateten ausländischen Unternehmen auch zahlreiche Läufer aus dem Ausland zu generieren, organisieren inzwischen ein mehrtägiges Lauf-Festival mit verschiedenen Läufen – unter anderem mit einem Night-Run über 10 Kilometer. Das kommt an, das beschert der Veranstaltung mehr Sympathie, Aufmerksamkeit, einen Zulauf insgesamt – und damit auch mehr Starter am Marathon. Das Beispiel zeigt, was die Macher in Luzern, die beispielsweise auf zahlreiche Musikformationen am Streckenrand setzen, seit jeher pflegen: Auf den Charme und die Verpackung der gesamten Veranstaltung kommts an.

Bild: Grafik: lsi

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