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Handball-Profi Andy Schmid: «In der Schweiz sind Lebenswege wie auf Schienen vorgegeben»

Andy Schmid (34) startet in seine neunte Saison in der deutschen Bundesliga. Er spricht von den Unterschieden des Profi-Daseins in Deutschland und der Schweiz. Und von seiner Art, in privaten Dingen oft «gut schweizerisch» vorsichtig zu denken.
Interview: Etienne Wuillemin
Andy Schmid ist der Leader des Schweizer Nationalteams in der EM-Qualifikation ab Oktober. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Zug, 12. Juni 2018))

Andy Schmid ist der Leader des Schweizer Nationalteams in der EM-Qualifikation ab Oktober. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Zug, 12. Juni 2018))

Wie steht es um den Schweizer Handball?

Besser als auch schon. Das darf man sicher so sagen. Auch wenn es nur in kleinen Schritten vorangeht. Dass sich aber mittlerweile einige junge Schweizer im Ausland etablieren wollen, ist toll. Denn der Weg führt nur über das Ausland.

Deutschland wollte Sie einmal gar einbürgern. Wie lief die Geschichte ab?

Es gab einmal eine lose Anfrage. Sie wollten abtasten, ob da etwas möglich wäre. Aber das war für mich nie ein Thema. Wenn ich meinen Lebensmittelpunkt auf alle Ewigkeit in Deutschland sehen würde, wäre das vielleicht etwas anderes. Aber ich fühle mich als Schweizer, bin stolz, dass ich mein Land im Handball vertreten darf.

Alles begann in Luzern

Das Handballspielen hat Andy Schmid bei Borba Luzern gelernt – er durchlief dort alle Juniorenstufen. Von 2002 bis 2004 spielte er für die damalige SG Stans/Luzern in der Nationalliga B. Sein NLA-Debüt gab er 2004 beim Grasshopper Club Zürich, von 2007 bis 2009 spielte er beim Stadtrivalen Amicitia und wurde zweimal Schweizer Meister.

Von Zürich wechselte Schmid mit 25 Jahren nach Dänemark zu Bjerringbro-Silkeborg. Seit 2010 gehört er den Rhein-Neckar Löwen in Mannheim an. Mit dem Klub holte er zweimal den Meistertitel. Seit 2014 wurde er fünfmal in Folge als wertvollster Spieler der Bundesliga ausgezeichnet.

Der Vater zweier Söhne wird kommende Woche 35 Jahre alt. Ab Oktober führt Schmid die Nationalmannschaft in die EM-Qualifikation gegen Kroatien, Serbien und Belgien. Die ersten beiden Teams werden sich für die EM 2019 in Dänemark und Deutschland qualifizieren. (red)

Ist der Anreiz, Handballprofi zu werden, in der Schweiz gross genug?

(Überlegt)

Schwierige Frage! Es ist halt schon nicht so, dass mit einem Handballvertrag ausgesorgt ist bis ans Lebensende. Und wenn dann ein erstes Auslandengagement auch noch mit finanziellen Abstrichen verbunden ist, dann verstehe ich auch Spieler, die sagen: Ich gehe den sicheren Weg. Wer Handball spielt, tut das primär aus ideologischen Gründen. Einerseits sind wir in der Schweiz extrem erfolgreich, eigentlich Wahnsinn bei knapp acht Millionen Einwohnern, aber andererseits ist die Schweiz halt doch kein Sportland. Unsere Lebenswege sind wie auf Schienen vorgegeben.

Können Sie das präzisieren?

Zuerst gehe ich in die Schule. Dann in die Oberstufe. Dann möglichst in die Kantonsschule. Nach der Matur oder dem Sek­abschluss mache ich eine Lehre oder gehe studieren. Nach dem Studium lerne ich eine Frau kennen. Mit 29 oder 30 bekomme ich das erste Kind. Aber ja nicht früher, weil es sonst ja nicht normal wäre. Ich muss natürlich finanziell abgesichert sein, weil ich dem Kind auch etwas bieten sollte. So ein bisschen überspitzt ­formuliert ist das halt unsere Schweiz – aber das ist gleichermassen auch das, was unser Land erfolgreich macht.

Wird «Profisportler» Ihrer Meinung nach in der Schweiz als Beruf anerkannt?

Nein, das wird es noch immer in weiten Teilen nicht. Viele Schweizer können beispielsweise auch nicht verstehen, dass ein Fussballspieler viel Geld verdient.

Nehmen Sie das in Deutschland anders wahr?

Ganz anders. In Deutschland werden Sportler mit anderen Augen angeschaut. Ich habe einmal ein schönes Bild gesehen. Ein Eisberg, der aus dem Wasser ragt. Das Sichtbare sind die Sonnenseiten, die Erfolge und Annehmlichkeiten eines Profisportlers. Die sieht jeder. Aber der Hauptbestandteil des Eisbergs ist unter dem Wasser. Das sind all die Investitionen, die Leidenschaft, das Training, der Ehrgeiz, der Umgang mit Verletzungen, Auswirkungen auf die sozialen Kontakte, der Verzicht auf so vieles – und das sehen die Leute dann häufig nicht. Noch einmal: Ich will das nicht verurteilen, ich bin stolzer Schweizer, was wir in unserem Land haben, ist einmalig. Aber als Profisportler ist es nicht einfach in der Schweiz.

Wie sind Sie denn zum Handball gekommen?

Ganz simpel. Ein Freund hat mich in Luzern mitgeschleppt. Ich hatte keine familiäre Vorbelastungen (lacht). Ich bin mitgegangen zum Training. Dann hat es mir den Ärmel reingezogen.

Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten, um Ihre Familie von Ihrem Weg zu überzeugen?

Es braucht schon einiges, ja. Meiner Mutter zu sagen: «Ich möchte jetzt mein Studium unterbrechen und nach Dänemark gehen, um Handball zu spielen», das hat einiges an Wille gebraucht. Genauso, wie ich an die Uni musste, um zu sagen: «Können wir meine Credits einfrieren?» Da fragt man sich dann schon: Ist es wirklich der richtige Weg? Man kann eine Entscheidung ja fällen. Aber alle, die sagen, man habe schon immer zu 100 Prozent gewusst, dass es die richtige Entscheidung war, das sind Lügner. Man kann überzeugt sein – aber mehr nicht.

In Deutschland scheint der Stellenwert des Handballs unverändert gross. Ist die Sportart noch immer die Nummer zwei hinter ­Fussball?

Das denke ich, ja. Der Weltmeistertitel 2007 hat viel Drive erzeugt. Das sieht man dann auch an den Infrastrukturen. Ich will nicht nörgeln, aber es ist nun mal so, dass in Deutschland viel mehr Platz vorhanden ist. Wenn dort die Idee aufkommt, eine Halle zu bauen mit 8000 Zuschauern – dann ist am nächsten Tag der Spatenstich. Und dann kommt nicht ein Hans Meier und sagt: «Da ist aber noch mein Schrebergärtchen – und wenn jetzt da eine Halle hinkommt, wachsen meine Tomaten nicht mehr.»

In guten Hallen lässt sich Handball auch besser ­vermarkten.

Absolut. Die tollen Hallen sind ein Grund dafür, dass die Handballspiele gut vermarktet werden können. Es ist mehr als ein Spiel, man kann den Sponsoren etwas bieten, ist für drei Stunden gut unterhalten, der Sport wird zum wichtigen Forum für Wirtschaft und Politik. Wenn man aber in eine durchschnittliche Halle in der Schweiz einen Sponsor einlädt und ihm ein heisses Wienerli plus Bier anbieten kann, dann liegt der Gedanke «Wow, das muss ich unbedingt wieder tun!» nicht unbedingt nahe.

Sie wurden fünfmal in Serie zum MVP der Bundesliga erkoren. Der beste Spieler in der besten Liga der Welt, und Sie hätten auch Welthand­baller werden können – wenn die Wahl nicht abgesagt worden wäre.

Das ist eine leidige Geschichte. Zunächst einmal: Mir ist es völlig egal, ob ich bei dieser Wahl irgendeine Rolle spiele oder Auszeichnung erhalte. Der Beste der Welt? Nein, das bin ich nicht. Vielleicht einer der besten Angriffsspieler. Aber egal. Es macht unseren Sport lächerlich, wenn eine Wahl zum Welthandballer des Jahres angesagt ist, und diese dann abgesagt wird, weil zu wenige Leute abstimmen. Damit diskreditiert sich die ganze Handballwelt gleich selbst.

Bei den Rhein-Neckar Löwen haben Sie noch einen Vertrag für die nächsten zwei Jahre. Wie sieht Ihre Planung aus?

Ich möchte sicher noch bis 2021 oder 2022 weiterspielen. Solange der Kopf mitmacht, tut es der Körper auch. Zudem ist es ein riesiger Traum, einmal mit der Schweiz an einem grossen Turnier teilzunehmen. Deshalb mache ich im Nationalteam weiter. Zweiter werden in der EM-Qualifikationsgruppe mit Kroatien, Serbien und Belgien – da sehe ich durchaus Chancen.

Könnten Sie sich vorstellen, als Spieler nochmals in die Schweiz zu kommen?

Das habe ich mir überlegt. Aber wenn ich zurückkommen sollte, wären die Erwartungen riesig. Da kann man fast nur enttäuschen. Zwei, drei schlechte Spiele und dann kommen die Fragen: Ist er vielleicht doch nicht so gut? Ist er das Geld wert? Nein, es sieht danach aus, als würde ich den Vertrag mit den Löwen noch einmal verlängern.

Noch dauert es also bis zur Rückkehr in die Schweiz. Dabei wird Ihr grösserer Sohn schon bald eingeschult.

Ich dachte schon, dass es toll wäre, wenn er in der Schweiz eingeschult würde. Aber wir sind ja nicht in einem Drittweltland, wo das Schulsystem nicht funktioniert. Ich muss generell einiges relaxter sehen. Wir Eltern projizieren manchmal Dinge in Kinder hinein, die gar kein Thema sind.

Ist das wieder typisch ­schweizerisch?

So ist es. Wir sind extrem behutsam. Wir wurden so erzogen und so wachsen wir auf. Und geben das darum auch wieder weiter. Auch ich muss mir selbst darum manchmal wieder sagen: «Gemach, gemach, mach dir nicht so viele Gedanken!»

Ihre Frau ist Norwegerin – tickt sie anders?

Total anders. Da ticken die Uhren anders. Ich spüre eine extreme Lockerheit und Offenheit. Ich weiss nicht, woher das kommt, ob es die grosse Fläche zum Leben ist oder die gute Gesundheitsversorgung des Staats (lacht). Das Gute ist: Wir finden häufig einen Mittelweg – und ich habe schon manchmal gelernt, den Alltag etwas lockerer zu sehen.

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