Machtdemonstration
Auf und davon: Marco Odermatt verblüfft und hängt seine Gegner im Gesamtweltcup ab

Marco Odermatt deklassiert im zweiten Riesenslalom von Alta Badia die Konkurrenz. Und bereits stellt sich die Frage, wer ihm in diesem Winter im Kampf um die grosse Kristallkugel überhaupt noch gefährlich werden soll.

Martin Probst
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Marco Odermatt freut sich über seinen Sieg in Riesenslalom von Alta Badia.

Marco Odermatt freut sich über seinen Sieg in Riesenslalom von Alta Badia.

Alessandro Trovati / AP

Wahnsinn. Das Wort fällt immer wieder, wenn über Marco Odermatt gesprochen wird. Und es ist ja in der Tat kaum zu fassen, was dieser 24-Jährige leistet.

Der Schweizer Männercheftrainer Tom Stauffer sagt: «Er besitzt eine aussergewöhnliche Rennintelligenz.» Es ist ein Versuch, etwas zu beschreiben, wo das Offensichtliche aufhört. Denn natürlich verfügt Marco Odermatt über eine herausragende Technik, über einen komplett austrainierten Körper und ist er mental so stark, um selbst mit turmhohem Druck umgehen zu können.

Doch das alles ist lernbar. Es ist möglich, wenn man bereit ist, viel zu investieren. Kann sein, dass Odermatt das eine oder ­andere etwas leichter fällt. Dass die eine oder andere körperliche Voraussetzung besser ist. Doch alleine steht er damit nicht da.

Raus aus dem Starthaus und die Ski nach unten

Trotzdem hat Odermatt nun drei von vier Riesenslaloms der Saison gewonnen, war am Sonntag in Alta Badia Zweiter, und hat die Konkurrenz am Montag an gleicher Stelle, auf einer der anspruchsvollsten Pisten, um mehr als eine Sekunde deklassiert.

Und hier kommt noch etwas anderes ins Spiel. Intuition. Oder eben: Rennintelligenz. Odermatt sagt, nachdem er als erster Schweizer seit Daniel Albrecht im Jahr 2008 auf der Gran Risa siegte, auf die Frage, wir er diese Intelligenz erklärt:

«Das ist am schwierigsten zu beantworten, weil es etwas ist, das man hat oder nicht. Wenn ich mich aus dem Starthaus stosse, geht alles wie von selbst, die Ski gehen nach unten.»

Und bringen ihn schnell ins Ziel. Luca De Aliprandini verlor als Zweiter 1,01 Sekunden auf Odermatt. Der Freund von Michelle Gisin gewann im Februar WM-Silber im Riesenslalom, am Montag stand der Italiener zum ersten Mal im Weltcup auf dem Podest. Auf Rang drei klassierte sich Alexander Schmid aus Deutschland.

Wer soll Odermatt noch gefährlich werden?

Justin Murisier, der wie schon am Sonntag als einziger Schweizer neben Odermatt überzeugen konnte, wurde Sechster. Der 29-Jährige verlor über eineinhalb Sekunden auf seinen Teamkollegen.

Marco Odermatt hat sich mit dem Triumph im Gesamtweltcup mit nun 633 Punkten weiter abgesetzt und man stellt sich bereits die Frage, obwohl erst zwölf von 36 Rennengefahren sind, wer soll ihn da noch abfangen? Zumal seine Konkurrenten fast alle mit Problemen zu kämpfen haben, während er selbst sorgenfrei ist.

Alexis Pinturault (234 Punkte): Der Titelverteidiger aus Frankreich wurde vor der Saison als Odermatts stärkster Konkurrent gehandelt. Doch nicht erst nach einem 15. und 18. Rang in Alta Badia liegt er bereits weit zurück. Der 30-Jährige erklärte gegenüber französischen Medien, dass er sich müde fühle: «Ich spüre eine Leere in mir, mental und physisch.»

Alexis Pinturault.

Alexis Pinturault.

Gabriele Facciotti / AP

Viele Jahre sei die grosse Kristallkugel sein Ziel gewesen, nun, da er sie gewonnen habe, fühle es sich anders an. Er sagt, dass er eigentlich Abstand bräuchte, er aber gleichzeitig nicht noch mehr zurückfallen wolle.

Aleksander Aamodt Kilde (329 Punkte): Vor zwei Jahren hat der Norweger den Gesamtweltcup gewonnen. Damals hat der Speedspezialist aber auch wichtige Punkte im Riesenslalom geholt. Nach einem Kreuzbandriss, den er sich im vergangenen Januar zugezogen hat, verzichtet er bisher auf Starts in dieser Disziplin. Trotzdem ist sein Saisonstart angesichts der Vorgeschichte überragend. Drei seiner vier letzten Rennen gewann er und in der Abfahrt in Gröden schied er mit Bestzeit aus.

Aleksander Aamodt Kilde.

Aleksander Aamodt Kilde.

Luciano Solero / EPA

Zu reden gab aber seine Beziehung mit Mikaela Shiffrin. Die Amerikanerin nahm ihn mit auf den roten Teppich und in die sozialen Medien. Dabei ist dem 29-Jährigen der persönliche Kontakt am wichtigsten. «Man muss wohl sehr lange suchen, bis man jemanden findet, der ihn nicht mag», sagt Odermatt über Kilde.

Henrik Kristoffersen (287 Punkte): Ganz anders ist der Ruf von Kildes Landsmann. Henrik Kirstoffersen eckt an – und als dann im vergangenen Winter die Resultate nicht mehr seinen Ansprüchen entsprachen, geriet er zunehmend unter Druck. Der Sieg am Sonntag war für den 27-Jährigen eine Befreiung, die man ihm ansah. Und mit Rang vier am Montag unterstrich er, dass es kein temporäres Hoch sein soll.

Henrik Kristoffersen.

Henrik Kristoffersen.

Gabriele Facciotti / AP

Für Kristoffersen, wie auch Pinturault, spricht, dass erst ein von zehn Slaloms gefahren ist, wo sie anders als Odermatt punkten können.

Matthias Mayer (405 Punkte): Der Österreicher belegt im Gesamtweltcup derzeit zwar Rang zwei. Als reiner Speedspezialist dürfte es für ihn aber schwierig werden.

Matthias Mayer.

Matthias Mayer.

Alessandro Trovati / AP