Pascal Mancini darf wieder starten

Wegen rechtsextremistischer Facebook-Einträge wurde Sprinter Pascal Mancini vom Leichtathletikverband gesperrt. Nun hat er seine Lizenz wieder erhalten – zumindest vorläufig.

Daniel Fuchs
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Eigentlich scheint der Inhalt der beiden Facebook-Posts harmlos, die Pascal Mancini zum Verhängnis geworden sind. Doch der 29-jährige Freiburger Sprinter und Psychologiestudent teilte sie dieses Jahr auf seiner offiziellen Facebook-Fanpage. Und der Autor der verhängnisvollen Zeilen in den geteilten Posts war alles andere als harmlos: Er hiess Léon Degrelle, war belgischer NS-Kollaborateur, SS-Offizier und zählte später zur Neonazi-Prominenz.

Dem Schweizerischen Leichtathletikverband Swiss Athletics war die Gesinnung Mancinis längst bekannt. Und mit den beiden Degrelle-Posts verstiess Mancini aus der Sicht des Verbands gegen eine von ihm 2014 unterzeichnete Vereinbarung. Darin hatte Mancini sich verpflichtet, künftig darauf zu verzichten, seine offizielle Facebook-Fanseite für diskriminierende und rassistische Botschaften zu nutzen. Dem Verband reichte der Umstand, dass die harmlos klingenden Sätze aus der Feder Degrelles stammen. Logische Konsequenz: den Bruch der Vereinbarung auch zu ahnden. Am 31. Juli entzog er dem Athleten vorsorglich die Lizenz und leitete ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein. Die Europameisterschaft in Berlin vom August fand ohne Pascal Mancini statt.

Spendenaufrufe und Trainingslektionen

Auf Facebook klagte Mancini nach dem Lizenzentzug: «Ich kann nicht mehr rennen.» Die Schuld schob er den Medien zu. Diese, so Mancini, versuchten ihn zu zerstören, indem sie ihn daran hinderten, für Geld zu rennen. «Sie wollen, dass ich wegen meiner Meinungen meine Karriere beenden muss.» Und so bat er seine Facebook-Freunde um finanzielle Unterstützung.

In der Zwischenzeit hat Mancinis Anwalt gegen den Entscheid des Zentralvorstandes einen Rekurs eingereicht. Dieser hat aufschiebende Wirkung, was heisst: Bis auf weiteres hat Mancini seine Lizenz zurückerlangt. «Ich kann also wieder rennen», schreibt er unserer Zeitung in einer Mail. Was ihm allerdings wenig nütze, wo die Wettkampfsaison für dieses Jahr doch bereits vorüber sei.

Via Paypal-Konto gingen rund 1000 Franken von Spendern ein. Fast doppelt so viel seien ihm auf der französischen Crowdfunding-Plattform Tipeee in Aussicht gestanden. Doch dieses Geld sei nie zu ihm gelangt, beklagt sich Mancini. Tipeee habe ihn zensuriert und sein Konto gelöscht. Ob die Sperrung durch den französischen Onlinevermittler mit Mancinis extremistischen Posts zusammenhängt, beantwortete die Firma nicht.

Um neben dem Studium und Training nicht gänzlich auf Spenden angewiesen zu sein, bietet Mancini nun auch Trainings an. «Maximales Ergebnis bei minimalem Aufwand», bewirbt er seine Angebote. 90 Minuten kosten 60 Franken. «Ja, ich hatte Anfragen», schreibt er auf Anfrage, «die Leute waren sehr zufrieden mit meiner Arbeit.»

Schiedsgericht wird entscheiden

Und so hofft Mancini auf die ­Saison 2019. Voraussetzung dafür ist allerdings, das Schiedsgericht des Leichtathletikverbandes gibt ihm recht, und Swiss Athletics erteilt ihm die Lizenz. Bis zu Beginn der Hallensaison im Januar wird der definitive Entscheid des Leichtathletikverbandes auf jeden Fall vorliegen. Das Schiedsgericht von Swiss Athletics hat übrigens kaum Arbeit. Einen einzigen Fall musste das Gremium in den letzten Jahren beurteilen: den sogenannten Quenelle-Gruss, der in Frankreich als Nazi-Geste gilt, von genau diesem Mancini im Jahr 2014.

Mancini selbst will kein Interview geben, nicht über seine wahre Gesinnung sprechen. Und Swiss Athletics verweigert mit Hinweis auf das laufende, nichtöffentliche Verfahren eine Stellungnahme. Stützt das Schiedsgericht das Vorgehen des Verbands und bestätigt es damit die Lizenzverweigerung gegen Mancini, bleibt diesem als nächste Instanz der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne. Vor diesem hatte vor vier Jahren auch der kroatische Fussballnationalspieler Josip Simunic erfolglos geklagt (siehe Kasten). Die zehn Spielsperren wegen des Rufes von faschistischen Parolen bedeuteten das Ende seiner Karriere als Nationalspieler. Er beharrte darauf, keinen Fehler gemacht zu haben. Ähnlich ist das bei Mancini. Auf Facebook schreibt er, er sage, was er denke. Doch Mancini ist sich auch bewusst, dass er aneckt, Leute vor den Kopf stösst. Er sei aufrichtig und spontan, «sicherlich zu viel für diese Gesellschaft».

Die Warnung des Sportlerberaters

Über die Posts, Verteidigungs- und Rechtfertigungsversuche Mancinis kann der Basler Anwalt, SVP-Grossrat und Sportlerberater Heinrich Ueberwasser nur den Kopf schütteln. Mancini solle dringend eine Auslegeordnung machen und seine Ziele definieren, persönlich und beruflich. Der juristische Weg sei das eine, sagt er. «Doch selbst wenn Mancini vor Gericht siegt, hat er Verbände, Publikum und Sponsoren noch nicht wieder für sich gewonnen», sagt er zu dieser Zeitung. Auch ein 29-jähriger Spitzensportler dürfe Fehler machen. Aber er müsse schleunigst daraus lernen. «Mancini soll sich überlegen, eine Sanktion zu akzeptieren und subito einen Neustart zu machen.» Ein juristischer Sieg könne auch zum Pyrrhus-Sieg werden. «Mancini muss auch mit sich selbst, mit dem Verband, den Sponsoren und den Fans ins Reine kommen.» Sonst, warnt Ueberwasser, verspiele sich Mancini die Chance, weiterhin Spitzensport machen zu können. Und er riskiere auch eine Karriere danach.

Schenkel: «Das hat schizophrene Züge»

Mancinis früherer Staffelmitläufer Amaru Schenkel (30) mit Wurzeln in Westafrika nahm seinen Teamkollegen in Schutz. Er sei kein Rassist, sagte er im Interview mit dem «Blick». Und doch ist auch für ihn unverständlich: Warum die Posts? Was will Mancini damit bezwecken? «Das hat schon schizophrene Züge», so Schenkel. Mancini hingegen betont auf Facebook, er wolle sagen, was er denke. Im Falle der verhängnisvollen Posts war es aber ein Nazi, der dachte. Mancini zitierte.