MARATHON: Das grausame Leiden von Kurt Liembd

Kurt Liembd
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Geschafft: Kurt Liembd läuft nach 42,195 Kilometern im Ziel ein. (Bild Roger Zbinden)

Geschafft: Kurt Liembd läuft nach 42,195 Kilometern im Ziel ein. (Bild Roger Zbinden)

Wenn du laufen willst, dann lauf eine Meile. Willst du aber ein neues Leben, dann lauf Marathon.» So der tschechische Wunderläufer Emil Zatopek. Ein neues Leben habe ich gestern zwar nicht erhalten, dafür eine neue Lebenserfahrung. Und zwar deshalb, weil ich noch nie so schlecht vorbereitet in Luzern am Start stand. Klar war ich vor sechs Wochen am Jungfrau-Marathon, am Swiss Alpine Marathon in Davos ebenfalls und bin mindestens ein Dutzend Halbmarathons und ebenso viele Berg- und Stadtläufe gelaufen. Was mir dieses Jahre aber fehlte, sind die «Long Jogs», also die sehr langen und langsamen Dauerläufe geradeaus, zur Verbesserung der aeroben Leistungsfähigkeit.

So zumindest stehts im Lehrbuch. Doch sind Theorie und Praxis oft zwei verschiedene Paar Schuhe. Und überhaupt: Schliesslich hat Marathon ja historisch auch einen Hauch von Mythos, versuche ich mir einzureden. Und so liess ich mich gestern für einmal von diesem Mythos leiten und weniger vom Theoriebuch. Der Grieche von damals ist ja auch nicht nach einem Lehrbuch gerannt.

Rituale vor dem Start

Meine Nervosität, gespickt mit Vorfreude, beginnt schon beim Umkleiden im Würzenbach. Habe ich alles dabei? Jeder hat da sein eigenes «Ritual». Noch die Brustwarzen mit Pflaster abdecken, damit diese nicht bluten wegen der Reibung – reine Routine bei Marathonläufern. Dann noch die Beine mit Teufelskralle einreiben – Schmieren und Salben hilft (bekanntlich) allenthalben. Auch wenns wahrscheinlich nichts nützt, riecht es wenigstens penetrant nach Menthol und Kampfer. Zumindest gut für die Psyche. Placeboeffekt eben. Marathon ist ja auch Kopfsache und manchmal irrational. Der Mythos lässt grüssen.

Kurz vor dem Startschuss stehe ich inmitten von 20 000 Beinen. Gespannte Ruhe herrscht. Als der Startschuss fällt, gibt es kein Zurück mehr. Fast 10 000 Läufer setzen sich in Bewegung. Schon nach 500 Metern ruft mir beim Hotel Palace ein erster Fan zu – der 83-jährige Georg Mattmann aus Hergiswil, der jedes Jahr voller Begeisterung am Strassenrand steht. Vor mir Läufer, die mir zu langsam sind. Doch meine innere Stimme hält mich zurück: Lauf lieber langsamer, denk an den Hammermann, lauf dein Tempo.

Ein richtiger Hexenkessel

Die Zuschauermassen bis zum Inseli sind unglaublich. Dazu Musik aus allen Richtungen – ein richtiger Hexenkessel. Doch bis hierhin ist es bloss ein lockeres Einlaufen, fast Vergnügen pur. Das soll sich aber noch ändern auf den restlichen 40 Kilometern. Es folgen lange Passagen mit Blick auf See und Berge rund um die Horwer Halbinsel und immer wieder Guuggenmusigen, Musikkapellen und Alphornbläser, selbst an entlegenen Orten. Es folgt der Winkel Horw, bekannt als «Hergiswiler Ecke», wo zahlreiche Leute aus dem Lopperdorf klatschen. Dann der Durchlauf in Horw bei Kilometer 13 mit viel Spektakel und Volksfeststimmung.

Das Highlight beim KKL

Erstaunlich, dass mich so viele erkennen in dieser Masse. Noch tragen mich meine Beine problemlos, alle Zeichen stehen auf Grün. Doch der Marathon-Kick folgt ja bekanntlich erst auf der zweiten Runde. Bis Kilometer 30 läufts problemlos. Doch nun meldet sich der Hammermann. Um mich herum die ersten Läufer mit Krämpfen und Erschöpfungszuständen. Die ersten kollabieren, die Sanität ist gefordert. Ab Kilometer 36 wird es grausam. Warum habe ich mich für den ganzen Marathon angemeldet? Ich erhalte spürbar die Bestätigung, dass mir die «Long Jogs» fehlen. Trotzdem gibt es ein Highlight beim KKL. Speaker Roland Bösch rennt neben mir und macht bei Kilometer 38 (laufend) ein kurzes Interview. Was ich gesagt habe, weiss ich nicht mehr, meine schmerzenden Beine hatten Vorrang. Mit Würgen und einem Kampf gegen den Hammermann laufe ich die letzten drei Kilometer, unterstützt von unzähligen Zuschauern vom KKL via Altstadt bis ins Ziel.

Eine Welle hier, begeisternde Zurufe da, Kuhglocken, Steelband, Brassband und vieles mehr. Eine solche Stimmung kenne ich nur von Luzern, Berlin oder New York. Nach 42,195 km ist es geschafft.

Beat Schorno von der Geschäftsleitung gratuliert mir am Ziel persönlich.