MARATHON FRAUEN: Inauen: «So schön, wäre gerne noch weitergerannt»

Mit der Luzernerin Franziska Inauen feiert eine Läuferin mit ungewohntem Ansatz und Antrieb den Sieg.

Jörg Greb
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Ohne Ambitionen und dennoch erfolgreich: Marathonsiegerin Franziska Inauen. (Bild Roger Zbinden)

Ohne Ambitionen und dennoch erfolgreich: Marathonsiegerin Franziska Inauen. (Bild Roger Zbinden)

Auf dem Retourweg der zweiten Runde über die Allmend fragte die 27-Jährige den Begleiter auf dem Spitzen-Velo, ob sie sich nicht auf den Gepäckträger setzen dürfe. Es war ein Scherz nach über zwei Rennstunden und über 30 Rennkilometern. Denn die Müdigkeit konnte Franziska Inauen überwinden, zumal auf die Strapazen eine einzigartige Perspektive lockte: der Tagessieg. «Das ‹Beissen› zahlte sich aus», sagte sie sich, denn wenig später änderte das Gefühl: «Am Schluss sah ich mich getragen durch die Masse der vielen Zuschauer beim KKL, in der Stadt, vor dem Ziel im Verkehrshaus.»

Bereits beim Mountainman gesiegt

Nach 2:55.50 Stunden und zurückgelegten 42,195 km überquerte Franziska Inauen die Ziellinie strahlend. «Ich bin überrascht, bin schlicht platt», bilanzierte sie. Zwar waren ihr in Luzern in den Vorjahren mit den Rängen 3 (2013), 4 (2012) und 9 (2011) bereits beachtliche Ergebnisse geglückt. Doch vorgezeigt bekommen hatte sie gerade letztes Jahr die Differenz zur wahren Schweizer Elite. Schier 20 Minuten betrug der Rückstand auf Martina Strähl, welche mit ihrer Leistung (2:39.14) die Limite für die Leichtathletik-Europameisterschaften vom vergangenen August unterboten hatte. Und der Triumph beim Mountainman, dem Bergmarathon Titlis–Hasliberg–Pilatus im Sommer, änderte an ihrer Selbsteinschätzung auch nichts.

Eigendruck wird vermieden

Auf Sieg laufen war nicht die Strategie gewesen von Franziska Inauen. Vielmehr wollte sie ihre Möglichkeiten ausreizen bei ihrem vierten Start über die Originaldistanz in Luzern. Und dass sie in Führung lag, sei ihr lange nicht bewusst gewesen. Klar, hatte sie doch eine Widersacherin neben und vor sich, die ebenfalls mit der Marathon-Startnummer unterwegs war. Erst als diese ihr mitteilte, dass sie es mit der halben Distanz bewenden lasse, wurde sie sich ihrer Möglichkeiten gewahr.

Keinen Massstab bildete die letztes Jahr in Zürich realisierte Marathon-Bestzeit von 2:52 Stunden. «Andere Strecke, nun schwierigerer Parcours», sagte sie sich, und «ich lief einfach, möglichst nah am Limit, aber nicht darüber.» Da dringt bei solchen Aussagen eine auf diesem Level seltene Einstellung zum Leistungssport durch. Franziska Inauen bestätigt: «Ich laufe primär nach dem Lustprinzip, will meinen Sport ohne Druck ausüben.» Der Ergotherapeutin, die in der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern mit einem 80-Prozent-Teilpensum arbeitet, bedeutet das Laufen primär Freiheit. In dieser möchte sie sich nicht selber einschränken. Darum versucht sie ihren Sport ohne jeglichen Eigendruck auszuüben.

Kein Klub, kein Coach

Und diese Vorgabe setzte sie perfekt um. Lachend sagte sie unmittelbar hinter der Ziellinie: «So schön, ich wäre gerne noch weitergerannt.» Da drang durch, dass die Freude über den Ambitionen steht. Ambitionen, denen sie kritisch gegenübersteht. Sie sagt es so: «Ambitionen würden auch die Gefahr bürgen, dass ich die Freude verlieren könnte.» Ambitionen hegt sie deshalb keine höheren. Ohne Verein, ohne die Anleitung eines Coaches läuft sie. Der Antrieb kommt von ihr selber, aus ihrem Innern. Und weil sie ein «Bewegungsmensch» ist, fällt ihr Disziplin gegenüber sich selber nicht schwer. Meist täglich bewegt sie sich und variiert dabei zwischen Intensität und Trainingsdauer. Abstimmen tut sie ihr Sportprogramm mit sonstigen Schwerpunkten, etwa der Familie und Freunden. Schön, wenn die Kombination aufgeht.

Ihr jüngster Triumph fiel deutlich aus. 10.15 Minuten nahm sie der zweitplatzierten Simone Hegner ab, 10.44 Minuten der Dritten, Simone Hertenstein.