MARATHON MÄNNER 70: Ein Lauf gegen die Krankheiten

Toni Anderhalden hat es wieder einmal geschafft: Mit 76 Jahren läuft er den Marathon – und muss nicht mal auf die Zähne beissen.

Simon Bordier
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Toni Anderhalden kommt auch in diesem Jahr mühelos ins Ziel. (Bild Philipp Schmidli)

Toni Anderhalden kommt auch in diesem Jahr mühelos ins Ziel. (Bild Philipp Schmidli)

Ein Rekord war Toni Anderhalden gestern am Swiss City Marathon im Voraus sicher: Er würde zwar nicht mit den schnellsten Läufern mithalten können, aber alle anderen Teilnehmer zumindest altersmässig hinter sich lassen. Der am 21. Juni 1938 geborene Luzerner nahm als ältester Läufer die rund 42 Kilometer in Angriff und als einer von sieben Männern in der Kategorie der über 70-Jährigen. Aber ist das überhaupt vernünftig, im Pensionsalter noch solche Strapazen auf sich zu nehmen? «Ich versuche immer, massvoll mit den eigenen Kräften umzugehen, deshalb sehe ich kein besonderes gesundheitliches Risiko», meint Anderhalden im Gespräch. Er fange jeweils vier Monate vor dem Marathon mit dem Training an. «Ich laufe vier Mal wöchentlich zwischen einer halben und zweieinhalb Stunden, wobei ich den Puls mit einem Messgerät im Auge behalte.»

Bronze an Schweizer Meisterschaft

Den Laufsport habe er im Alter von etwa 45 Jahren für sich entdeckt, als er noch als Coiffeurmeister in Luzern arbeitete. «Die Arbeitsbelastung wurde zu dieser Zeit immer grösser. Eine Folge davon waren Migräneanfälle. Zufällig stiess ich dann auf einen Zeitschriftenartikel, in dem es hiess, dass Laufen gegen Migräne helfen könne. Ich folgte dem Rat, und es half wirklich.»

Den ersten Marathon lief Anderhalden 2005 in Zürich. Seitdem nimmt er fast jedes Jahr an einem Marathon teil, seit 2007 meistens in Luzern. Hinzu kommen jährlich ein halbes Dutzend Laufevents über kürzere Strecken, bei denen er regelmässig aufs Podest läuft. Zuletzt gewann er an den Schweizer Meisterschaften in Uster die Bronzemedaille im Halbmarathon in der Kategorie der über 75-Jährigen. Das war 2013.

«Ich gehe aber nicht mit besonderen Ambitionen an den Start, auch nicht am Luzerner Marathon», meint Anderhalden. Als Höhepunkt seiner bisherigen Läuferkarriere nennt er denn auch nicht einen Sieg, sondern die Überwindung einer weiteren Krankheit durch den Sport: «Im Frühling 2012 erlitt ich eine schwere Lebensmittelvergiftung. Ich lag drei Wochen im Spital und verlor in dieser Zeit 10 Kilogramm an Körpergewicht.» Dabei sei er schon vorher ein athletisches Leichtgewicht gewesen, so Anderhalden.

Am Jungfrau-Marathon dabei

Nichtsdestotrotz habe er wieder behutsam mit dem Lauftraining begonnen und dann einen besonderen Entschluss gefasst: «Ich hatte mich vor dem Krankheitsfall bereits für den Jungfrau-Marathon im Herbst angemeldet. Jetzt wollte ich trotz meines geschwächten Zustands daran teilnehmen.»

Der Jungfrau-Marathon: Das sind nicht nur etwa 42 Kilometer, sondern auch 1829 Höhenmeter auf- und 305 abwärts, welche die Läufer von Interlaken bis zur Kleinen Scheidegg überwinden müssen. «Ich wusste, dass für die Bergstrecke ein Zeitlimit von sechseinhalb Stunden bestand. Aber die Zeit nahm ich mir. Schliesslich kam ich in 6 Stunden und 25 Minuten ans Ziel», erinnert sich Anderhalden.

Die grösste Herausforderung am Luzerner Marathon ist seines Erachtens der Abschnitt zwischen dem Horwer Ortsteil Winkel und der Luzerner Allmend: «Die Strecke ist hier scheinbar flach, tatsächlich aber steigt man über zwei Kilometer langsam, aber kontinuierlich an.» Auch bei dieser Steigung sei Mass gefragt: «Es ist streng, aber auf die Zähne beissen muss ich deswegen nicht.»

Anderhalden erreichte gestern das Ziel gesund und munter in 4 Stunden und 9 Minuten und damit als drittschnellster seiner Kategorie. «Dies entspricht etwa meinen Vorjahresleistungen. Ich bin sehr zufrieden», meint der strahlende Läufer im Zieleinlauf.