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Interview

FCB-Trainer Marcel Koller nach dem Knatsch mit Streller: «Wenn ich Ruhe brauche, gehe ich in Pension»

Drei Tage vor Saisonstart spricht Cheftrainer Marcel Koller über Ruhe, seinen SMS-Kontakt mit Marco Streller und wie gut der FC Basel wirklich ist.
Céline Feller
Marcel Koller will in der kommenden Saison YB ein Bein stellen. (Bild: Freshfocus)

Marcel Koller will in der kommenden Saison YB ein Bein stellen. (Bild: Freshfocus)

Es war die Geschichte des Schweizer Fussball-Sommers: Der FC Basel entscheidet sich für einen Trainer-Wechsel, ist sich mit Patrick Rahmen bereits einig, und am Ende räumt nicht der alte Trainer seinen Posten, sondern tritt Sportchef Marco Streller plötzlich zurück. Mittendrin: Marcel Koller. Der Zürcher war eigentlich schon weg, hatte seinen Spind bereits geleert - und ist trotzdem immer noch da. Die noch grössere Überraschung ist aber, dass seit Trainingsstart etwas Unerwartetes rund um den Klub herrscht: Ruhe.

Ist diese Ruhe trügerisch?

Marcel Koller: Zuerst einmal: Diese Ruhe ist wichtig. Sie ist folgerichtig, weil alle voll mit Einsatz dabei sind, die Stimmung gut ist und wir praktisch keine Verletzten haben. Ausserdem ist der Grossteil der Mannschaft zusammen geblieben, es ist kein ständiges Herumrennen, bei dem hier einer weg geht und da einer dazu kommt. Das war das Ziel. Denn das Gegenteil bringt Unruhe und das ist nicht das, was wir suchen. Unruhe hindert einen daran, gut arbeiten zu können. Als wir im vergangenen August übernommen haben, ging es nicht, diese Ruhe zu haben. Wir mussten die Leute kennen lernen, mussten Ergebnisse bringen. Da Ruhe rein zu bringen, war extrem schwierig. Ich habe immer betont, dass es Zeit braucht, Ruhe und Stabilität in eine Mannschaft zu bringen und dem Team unsere Spielideen zu vermitteln. Dies haben wir gegen Ende letzten Jahres und vor allem in der Rückrunde geschafft – nun braucht es eine Bestätigung in der neuen Saison.

Einen möglichen Unruhe-Herd gab es aber: die Nomination Valentin Stockers zum Captain und die damit einhergehende Degradierung Fabian Freis.

Valentins Nomination zum Captain ist kein Freifahrtschein und heisst nicht, dass er deshalb immer spielt. Das weiss er auch. Es geht vielmehr um übergeordnete Aufgaben in der Mannschaft und im Verein. Natürlich ist er aber auch der verlängerte Arm des Trainers, wir sprechen am meisten miteinander. Er hat sich dieses Amt durch seine grosse Erfahrung und seinen Einsatz verdient.

Die Nomination birgt Konfliktpotenzial, weil Stocker Frei den Posten weggeschnappt hat. Und das ausgerechnet jetzt, wo sich die ehemaligen guten Freunde sowieso kaum mehr etwas zu sagen haben. Wie handhaben Sie diese heikle Situation?

Für mich ist das nicht ersichtlich. Ich weiss aber auch nicht, wie gut die zwei befreundet waren. Fabian hat gut trainiert, war immer sehr fokussiert, hat seit wir da sind ja auch fast immer gespielt. Er ist nach wie vor ein wichtiger Spieler für mich.

«Fabian Frei ist nach wie vor ein wichtiger Spieler für mich.»

Sie sagen, Unruhe verhindert gute Arbeit. Im Sommer gab es enorm viel Unruhe. Wie gut kann man eine Saison vorbereiten, wenn man in Betracht nimmt, was alles passiert ist und geschrieben wurde?

Am besten, man liest es einfach nicht (lacht)! Nein, natürlich habe ich gewisse Dinge mitbekommen, die geschrieben und spekuliert wurden. Aber ich liebe den Fussball. Ich bin schon so lange dabei und habe schon so viel erlebt, dass es für mich entscheidend ist, was am Ende Tatsache ist und wer mich anruft. Was geschrieben wird in der Presse ist für mich nicht relevant. Das ist vielleicht ein Vorteil, wenn man bereits etwas älter und schon länger dabei ist. Da hat man das Eine oder Andere schon mal erlebt. Ich habe 14 Tage abschalten und geniessen können. Das war wichtig, das habe ich gebraucht, weil sonst praktisch rund um die Uhr an sieben Tagen der Fussball im Zentrum ist.

Aber auch wenn man viel erlebt hat: Man bekommt und es nimmt einen wohl trotzdem mit.

Natürlich bekommt man es mit. Ich sage dann einfach: Es interessiert mich nicht. Und wenn man das Gefühl hat, man kommt an einen Punkt, an dem es wichtig wäre, mit gewissen Personen zu telefonieren und Dinge zu bereden, dann muss man das tun.

Sind Sie denn mal an diesem Punkt angekommen? An dem Punkt, an dem Sie dachten, dass Sie nicht mehr für den FC Basel arbeiten werden?

Nein, das bin ich nicht.

Für Sie war den ganzen Sommer über klar, dass Sie FCB-Trainer bleiben?

Ja. Natürlich war die letzte der drei Ferienwochen etwas speziell. Aber die ersten 14 Tage habe ich versucht abzuschalten und zu geniessen.

Also hatten Sie in der letzten Ferienwoche mal das Gefühl, nicht mehr beim FCB zu arbeiten?

Nein, weil ich von den Verantwortlichen auch nichts gehört habe in diese Richtung. Es war einfach eine intensive Zeit.

Es gab in der letzten Woche aber ein Gespräch mit Ihnen und den Verantwortlichen, Sie wurden freigestellt. Nicht mal da hatten Sie das Gefühl, die Zeit beim FCB ist vorbei?

Nein, das hatte ich nicht.

Mittlerweile ist Marco Streller zurückgetreten. Haben Sie sich mit ihm noch einmal unterhalten

Wir hatten nach dem Gespräch in der letzten Ferienwoche noch SMS-Kontakt. Aber er ist dann weg gefahren, da war keine Zeit mehr, um sich gross zu unterhalten. Ich möchte das aber jetzt auch nicht weiter vertiefen. Er ist nicht mehr hier und wir hatten bisher nicht die Zeit, das Ganze aufzuarbeiten. Es wäre insofern nicht korrekt, wenn ich hier irgendetwas erzählen würde.

«Es wäre gut, mich mit Marco Streller auszusprechen. Meine Erfahrung ist, dass man nicht im Streit auseinandergehen sollte.»

Ist es Ihnen ein Anliegen, sich noch mit ihm auszusprechen?

Ich denke schon, dass das gut wäre. Im Fussball sieht man sich immer wieder. Meine Erfahrung ist, dass man nicht im Streit auseinandergehen sollte, sondern noch einmal versuchen sollte, miteinander zu sprechen, um einen normalen Umgang zu haben.

Die Mannschaft hat das Ganze auch mitbekommen. Hatten Sie Angst um Ihre Autorität?

Für mich war klar, dass ich auftreten muss wie sonst auch immer. Ich bin ihr Trainer und wir wollen weiterführen, was wir begonnen haben. Es geht ja nicht um das, was hätte sein können. Entscheidend ist, was am Ende Tatsache ist und wer effektiv da steht. Die Spieler sind wie auch ich Angestellte des Vereins und als solche können sie sich auch nicht immer alles aussuchen, wie sie es gerne hätten.

Wie ist Ihre Bindung zum Team aktuell? Es ist kein Geheimnis, dass noch immer nicht alle Fan von Ihnen sind.

Es sind jedenfalls nie Spieler zu mir gekommen und haben sich bei mir beschwert. Und wenn man von Mitte Dezember bis Ende Mai nur ein Spiel verliert, dann können wir dieses Thema jetzt beenden. Du kannst nicht so spielen und auf dem Feld alles geben, wenn etwas nicht passt. Fussball ist ein Mannschaftssport, wo jeder für den anderen gehen und sich engagieren muss. Sonst funktioniert es nicht.

Gut, beenden wir das Thema. Sie haben gesagt, dass sie rund um die Uhr sieben Tage die Woche Fussball um sich haben. Wünscht man sich da manchmal die Ruhe als Nati-Trainer zurück?

(lacht) Nein! Ich habe das sechs Jahre lang gemacht und wirklich genau das vermisst: Das tägliche Dabeisein. Ich bin wieder voll im Rhythmus drin und das ist gut. Das sorgt auch für dieses gewisse Kribbeln. Ausserdem hast du die Möglichkeit, gleich am nächsten Tag wieder einzugreifen, wenn etwas nicht optimal gelaufen ist. Das ist bei der Nationalmannschaft schwierig, wenn alle in ihre Himmelsrichtungen verschwunden sind und du herum telefonieren, mailen oder facetimen musst. Wenn du alle immer zusammen hast, kannst du mehr bewirken.

Wird es Ihnen irgendwann auch zu viel?

Wenn ich Ruhe brauche, gehe ich in Pension. Aber so weit bin ich noch nicht. Es reizt mich noch.

Sie sind seit fast einem Jahr im Amt. Es war ein turbulentes Jahr.
Wie würden Sie dieses zusammenfassen?

Eine schwierige Frage. Es war sehr intensiv. Auch rundherum, um den Klub, war sehr viel Betrieb. Da hat mir sicher auch meine Erfahrung geholfen. Ich kann sagen, dass ich immer die Ruhe bewahrt habe. Es war nicht nur für uns als Mannschaft, sondern für den ganzen Verein schwierig.

Was meine Sie genau mit dem «Drumherum»?

Diese spürbare Nervosität, die herrschte, aber auch die Berichterstattung der Medien, die öfters Mal nicht gut war.

Wäre Marcel Koller vor 15 Jahren, ohne diese Erfahrung, die sie oft herausheben, mit diesen Situationen klargekommen?

Sagen wir es so: Dass ich ein paar Dinge schon gesehen habe, hat mir jetzt sicher geholfen. Wenn du in Deutschland im Abstiegskampf warst, gesehen hast, wie Mitarbeiter Druck auf Spieler ausüben, weil ihre Jobs an deren Leistungen auf dem Platz gekoppelt sind, du merkst, dass Millionen vom Ligaerhalt abhängen, dann weisst du, was es heisst, unter enormen Druck gesetzt zu werden. Ich bin aber froh, habe ich das alles machen dürfen. Im Moment habe ich es so nicht empfunden, aber jetzt denke ich: Zum Glück, habe ich diese Erfahrung machen können. Ohne diese wäre es viel schwieriger heute.

Welche Situation hat Sie diesbezüglich am meisten geprägt?

Da gab es eine Situation in Bochum. Wir kämpften in meiner letzten kompletten Saison um den Klassenerhalt. Es war drei Tage vor Saisonschluss, wir spielten mittwochs in Hamburg, die Spieler gingen aufeinander los. Da waren Existenzängste greifbar. Vor dem nächsten Spiel hatte ich drei Tage Zeit und wusste, dass das richtige Resultat in diesem Spiel am Samstag alles retten könnte. Ich musste eine Lösung finden. Stundenlang habe ich diese gesucht, sass zu Hause, mit den Füssen auf dem Tisch und sinnierte. Ich habe mich versucht abzuschotten und nicht mal meine Frau durfte mich stören (lacht). Dann kam die Lösung. Aus dem Nichts. Am nächsten Tag habe ich sie umgesetzt, wir gewonnen am Samstag 2:0 und waren gerettet. Es war ein Moment, der mir zeigte: Am Ende geht es nie um den Einzelnen, sondern um die Mannschaft, den Verein – und in diesem Fall den Ligaerhalt.

Hatten Sie damals schlaflose Nächte?

Nein, nicht zu schlafen nützt nichts. Ich weiss, das klingt einfacher als es ist und in Köln hatte ich auch mal drei Nächte, in denen ich nicht schlafen konnte. Aber ohne Schlaf bist du am nächsten Tag nicht überzeugend vor der Mannschaft, das musste ich lernen. Ich habe mir beigebracht, schlafen zu können und schlafe grundsätzlich gut.

«Ich habe mir beigebracht, schlafen zu können und schlafe grundsätzlich gut.»

Beim FCB hat Ihnen also noch nichts schlaflose Nächte bereitet?

Doch, schon. Aber ich kann Ihnen jetzt keine spezifische Situation nennen.

Wo ist der Druck für Sie beim FCB am grössten? Ist es, Meister zu werden, europäisch vertreten zu sein oder Spieler zu entwickeln, um diese für Millionenbeträge verkaufen zu können?

Das müssen Sie den Präsidenten fragen, was aus Vereinssicht das Wichtigste ist. Ich will alle Ziele erreichen. Aber auch alle anderen Teams wollen Meister werden und europäisch spielen.

Der FCB ist aber nicht wie alle anderen Team in der Schweiz. Die Ansprüche sind andere.

Klar, aber damit muss ich umgehen können. International kommt es auf das Losglück an. Mit PSV Eindhoven haben wir ein absolutes Schwergewicht bekommen, das wird extrem schwierig, diese Hürde zu nehmen. Ich sage aber nicht, dass wir keine Chance haben. Wenn wir zu zwei, drei Möglichkeiten vor dem Tor kommen, müssen wir zwei davon nutzen. Die Konzentration zu haben, um im richtigen Moment zuschlagen zu können, ist es, was Topmannschaften ausmacht. Die spielen nicht immer gut, aber wenn sie eine Chance haben – bumm! – ist der Ball drin.

Wie das geht, hat beispielsweise YB vergangene Saison gezeigt.

Genau.

Wie stark ist der FCB in dieser Saison denn? Genug stark, um dieses starke YB zu fordern?

Grundsätzlich ist YB klar der Favorit. Für uns als Trainerteam ist es angenehmer, weil wir jetzt schon alles und alle kennen und nicht während einer laufenden Saison dazu stossen. Aber das alleine heisst noch nicht, dass man damit etwas gewinnt. YB hat zwei Mal hintereinander den Meistertitel geholt und ist somit der absolute Favorit. Wir alle anderen müssen versuchen, ihnen ein Bein stellen zu können.

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