Markus im Wunderland: Wie der ehemalige Luzern-Trainer Australien erobert

Nach einer Saison zum Vergessen startet der deutsche Trainer Markus Babbel in Australien durch – auch dank Hilfe aus der Schweiz.

Julian Förnbacher
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Western-Sydney-Wanderers-Trainer Markus Babbel gibt seinem Angreifer Mo Adam Anweisungen von der Seitenlinie aus. (Bild: imago-images)

Western-Sydney-Wanderers-Trainer Markus Babbel gibt seinem Angreifer Mo Adam Anweisungen von der Seitenlinie aus. (Bild: imago-images)

Seit der Entlassung beim FC Luzern im Januar 2018 ist es ruhig geworden um Markus Babbel. Zumindest hierzulande. Denn nur wenige Monate nach seiner Zeit in der Innerschweiz zog es den Deutschen weiter. Babbel verliess nicht nur das Land, sondern gleich den Kontinent: Heute trainiert er die Western Sydney Wanderers in Australien.

Dort sorgt der 47-Jährige für Furore: Mit den Wanderers liegt er nach fünf Runden auf dem dritten Rang; zwischenzeitlich war man sogar Leader. Babbel wurde unlängst als Trainer des Monats geehrt. Nachdem sein Team die Playoffs zuletzt sang- und klanglos verpasst hat, ist der Aufschwung keine Selbstverständlichkeit. Zurückzuführen ist er auch auf eine Delegation aus Neuzugängen, die man hierzulande gut kennt.

So brilliert Daniel Lopar, der Ex-St.Gallen-Keeper, im Tor. Im Mittelfeld zieht mit Pirmin Schwegler ein ehemaliger Nati-­Spieler die Fäden. Dazu kommen die Ex-Bundesliga-Profis Nicolai Müller und Alexander Meier, Frankfurts Fussballgott. «Als ich geholt wurde, stand das Kader bereits weitgehend. Nun konnte ich endlich Qualitätsspieler reinholen», erklärt Babbel. In der A League, die international wenig beachtet wird und Gehalts- und Ausländerobergrenzen hat, ist dies nicht einfach. «Bei maximal fünf Ausländern im Team muss man genau wissen, was man bekommt. Deswegen habe ich mich für Spieler entschieden, die ich gut kenne», sagt er und ergänzt: «Die Kunst ist es nicht, starke Ausländer zu finden. Der Anspruch auf den Titel steht und fällt damit, wer die besten Australier bekommt.» Der Meistertitel ist Babbels Ziel.

Zwischen Ruhm und Bedeutungslosigkeit

In den letzten Jahren hat Babbels Verein an Standing eingebüsst: Nur zwei Jahre nach der Gründung gewannen die Wanderers 2014 die asiatische Champions League. Ein Märchen. Zuletzt versank der Klub jedoch in der Bedeutungslosigkeit, musste sein Stadion abreissen und in Cricket-Stadien in Sydney ins Exil gehen.

So verlor der Verein seine Identität. Denn Western Sydney tickt anders. Der Klub ist stark in der multiethnischen Arbeiterschicht der Vororte verankert. Anders als der Sydney FC, der für den Glanz der Metropole steht, sind die Wanderers das Team der einfachen Leute. «Die Leidenschaft für den Klub ist enorm. In der Zeit ohne Heimat ist einiges verloren gegangen. Wir sind dabei, das zurückzugewinnen», sagt Babbel.

Vor der Saison eröffnen die Wanderers ihr neues Stadion in West-Sydney. Die Zuschauer kommen zurück, nennen ihren Fussball-Tempel nun liebevoll «Wanderland» – und hoffen mit Babbel auf das nächste Wunder. «Die Fans mögen ihn. Er ist erfrischend ehrlich und identifiziert sich voll mit dem Verein. Allerdings hat er nun das Kader, das er wollte. Deswegen ist er gefordert. Die Leistungen in den ersten Spielen waren höchstens okay, es liegt noch viel Arbeit vor ihm. Die Fans werden diese Saison keine Ausreden mehr gelten lassen», analysiert Vince Rugari vom «Sydney Morning Herald».

Zehn Monate schön, dafür Schlangen im Kraftraum

«Die Arbeit im Verein macht mir unglaublich Spass. Die Entscheidung, dieses Abenteuer zu wagen, war die beste, die ich treffen konnte», bilanziert Babbel nach achtzehn Monaten. Der Schritt ins Ungewisse hat sich gelohnt. Besonders schätzt er die Mentalität der Australier: «Die Leute schaffen es, perfekt zwischen topseriöser Arbeit und entspanntem Beisammensein zu trennen. Wenn man zehn Monate schönes Wetter hat, stellt das auch etwas mit einem an. Man kann die Seele baumeln lassen. Der Blick aufs Meer hilft mir, wie der auf die Alpen in Luzern, die innere Ruhe zu finden.»

Babbel fühlt sich pudelwohl in Sydney. Ins Stadtzentrum zog er mit seiner Familie wegen Australiens berüchtigtster Einwohner: «Ich habe eine Spinnen- und Schlangenphobie. Daher bin ich gerne in der Stadt, wo weniger herum kreucht als im Westen. Dort hatten wir etwa schon hochgiftige Schlangen im Kraftraum.»

Frieden im entspannten Australien gefunden

Die gemächliche Lebensart offenbare sich auch im Fussball: «Es interessiert niemanden, was für ein Auto du fährst oder welche Kleider du trägst. Das Miteinander steht über allem. Das entschleunigt», sagt Babbel. Nach dreieinhalb Jahren beim Chaos-Klub Luzern fand er in Australien seinen Frieden und ist in seinem persönlichen Wunderland angekommen. Trotzdem verfolgt er Fussball-Europa nach wie vor intensiv. Es ist ein Indiz dafür, dass er dereinst zurück will. «Es hat definitiv seinen Reiz. Aber jeder muss wissen, ob er sich den Trubel antun will. Hier ist es ruhiger, es geht schlicht ums Kicken. Das tut enorm gut. Irgendwann werde ich aber zurückkehren, alleine schon wegen der Familie», sagt Babbel.

Das Wissen, dass das Abenteuer nicht für immer sei, helfe ihm, es bewusster zu geniessen. Heimweh verspüre er kaum: «Weihnachten am Strand ist komisch. Aber es ist etwas Besonderes.» Etwas Besonderes ist auch sein Engagement Down Under. So ging die Beziehung bereits unter die Haut: Unlängst liess er sich, wie er es bei seinen Stationen stets zu tun pflegt, das Logo der Wanderers auf den Arm tätowieren.