MEIN THEMA: Wie der Fussball aus dem Abseits kommt

LZ-Sportredaktor Arthur Bucher zum Thema «Sofortiger Videobeweis im Fussball».

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Turi Bucher

Turi Bucher

Angefangen hat es bei mir mit der WM 2002 in Japan und Südkorea. Während der Spieler den Ball auf den Penaltypunkt setzte, ging ein Raunen, was sag’ ich … ein Aufschrei durchs Stadion, denn auf den riesigen Anzeigetafeln in der Arena wurde kurz vor der Ausführung des Elfmeters die Wiederholung des Fouls, das eben bei weitem überhaupt gar keins war, gezeigt. Wie kann das sein, habe ich mich damals gefragt. Wie können beim grössten Sport­anlass der Welt Millionen von Menschen vor dem Bildschirm sehen, was genau passiert ist, und nur der Schiedsrichter unten auf dem Spielfeld kennt die Wahrheit nicht?

15 Jahre sind seither vergangen, und ich bin Fifa-Präsident Gianni Infantino in dieser Hinsicht dankbar, dass er die Einführung des unmittelbaren Videobeweises vor Ort, so, wie es im Eishockey oder Tennis schon seit einigen Jahren an der Tagesordnung ist, vorantreibt. In diesen 15 Jahren sind die Stimmen verstummt, welche befürchteten, der Schiedsrichter werde durch vermehrte Kon­sultation der Fernsehbilder in seiner Entscheidungsgewalt eingeschränkt. Der Schiedsrichter und seine ebenso überforderten Helfer neben dem Spielfeld brauchen Hilfe, können in dieser hektischen Sportart unmöglich alles sehen, während sie von Trainern, Toren, Taktik, Tempo, Turbulenzen und vor allem Täuschungen sowie Tricks unter Dauerstress gehalten werden.

Noch gibt es zwar Zweifler und Nörgler, die befürchten, der Fussball verliere an seiner Faszination und der Fan seinen Gesprächsstoff, wenn jede heikle und umstrittene Situation aufgeklärt werden will. Bitteschön: Wer Angst hat, deswegen am Stammtisch nicht mehr genügend Stoff zu haben, über seine geliebte Sportart diskutieren zu können, der hat den Fussball sowieso nicht kapiert. Der Fussball birgt sehr wohl sehr viel mehr Geschichten in sich als nur umstrittene Szenen. Gesprächsstoff gegen Gerechtigkeit – da ist mir die richtige Entscheidung auf dem Spielfeld, und zwar sofort und nicht mit irgendwelchen dahinfabulierten Entschuldigungen zwei Tage hinterher, dann doch um einiges wichtiger.

Klar ist, dass weiterhin nicht jede umstrittene Szene aufgeklärt werden wird, wenn die Schiedsrichter dereinst an WM, EM und in den höchsten Landesligen von Supervisoren, welchen die diversen Kamerawinkel zur Verfügung stehen, unterstützt werden. Und wenn die TV-Bilder nicht zeigen, ob das Tor aus einer Offsidesituation heraus erzielt wurde oder ob es wirklich ein Hands war, dann zeigen sie es halt nicht – dann bekommt der Referee genau diese Information aufs Ohr gemeldet: «Man kann es nicht sehen, es bleibt bei Ihrer Entscheidung.»

Gerade in diesen Tagen gab es in Spielen des FC Luzern wieder Beispiele von markanten Fehlentscheidungen, die sofort hätten korrigiert werden können und müssen. Das Foul des FCL-Verteidigers im Cup gegen Aarau beispielsweise. Ein kurzer Funkkontakt mit dem Supervisor hätte genügt, und das grobe Tackling wäre entlarvt gewesen: Penalty für Aarau, eine rote Karte beziehungsweise mehrere Spielsperren gegen den Abwehrspieler.

Oder diverse Szenen am letzten Sonntag im Spiel gegen die Grasshoppers. Mindestens zwei Penaltyszenen hätten mit dem Videobild mühelos geklärt werden können. Einen Penalty gab der Schiedsrichter dem FCL, obwohl es ganz klar kein GC-Foul war, einen Penalty verweigerte er dem FCL, obwohl es klar ein Foul war. Wollen wir das wirklich so? Und kann man von einem Spieler wirklich erwarten, dass er von sich aus zum Schiedsrichter geht und zugibt, es sei ein Penaltyfoul von ihm gewesen oder er sei gar nicht gefoult worden, wenn derjenige Spieler in der Hektik des Geschehens möglicherweise selber gar nicht sofort weiss, wie ihm und was um ihn herum geschehen ist?

Es kann nur eine Lösung geben. Und die heisst: sofortiger Videobeweis.

«Fairness und Förderung des Fussballs im Fokus» lese ich jetzt gerade auf der Website des Weltfussballverbandes. Also, Herr Infantino, fördern Sie den Videobeweis konsequent weiter. Denn ich bin überzeugt davon, auch Sie wollen nicht, dass der Fussball im Vergleich mit anderen grossen Sportarten im Abseits steht.