Der FC Thun steht vor dem Barrage-Rückspiel gegen Vaduz mit dem Rücken zur Wand – was der Abstieg bedeuten würde

Thun steigt mit einem 0:2-Rückstand ins Barrage-Rückspiel gegen Vaduz. Es droht nach zehn Jahren der Abstieg aus der Super League. Doch daran will im Berner Oberland noch niemand denken.

Markus Brütsch aus Thun
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Fassungslose Thuner Spieler nach dem Barrage-Hinspiel in Vaduz.

Fassungslose Thuner Spieler nach dem Barrage-Hinspiel in Vaduz.

Bild: Gian Ehrenzeller/KEY (Vaduz, 7. August 2020)

Summ, summ. Zum Einstieg in sein Vorschaugespräch mit Trainer Marc Schneider erzählt Kommunikationschef Nik Thomi von einer Mücke, die ihn in der Nacht geplagt habe: «Sie war eklig und nervig. So, wie ich eigentlich den FC Thun in Vaduz erwartet hatte. Warum bloss war dieser so brav?»

Dieselbe Frage hat sich Schneider seit Freitagabend selber x-mal gestellt. «Darauf brauchen wir dringend eine Antwort», sagt der 40-Jährige.

«Wir wollten in Vaduz aggressiv und aufsässig sein, haben es aber überhaupt nicht hingebracht.»
Thuns Cheftrainer Marc Schneider

Thuns Cheftrainer Marc Schneider

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Weil seine Mannschaft bereits ein paar Tage zuvor in Zürich im gleichen Stil aufgetreten war und in der ersten Halbzeit sämtliche Qualitäten, die im Abstiegskampf unabdingbar sind, vermissen liess, liegt der Verdacht nahe, die Thuner würden mit dem Druck nicht klar kommen. Bei ihrem Matchball im Letzigrund, wo sie sich mit einem Sieg über den FCZ aller Sorgen hätten entledigen können, waren sie, wie nun in Vaduz vor der Pause, völlig von der Rolle gewesen. Zwar holten sie noch einen 0:3-Rückstand auf, doch der Barrage konnten sie nicht mehr entrinnen. Und als es in Liechtenstein nach knapp einer Stunde 0:2 stand, konnten sie das Ergebnis nicht mal mehr in ein Remis korrigieren.

Erstmals schlechter als auf Rang 7 klassiert

So steigen die Berner Oberländer heute Montag in der Stockhorn-Arena in ihrer ersten Barrage überhaupt mit der Hypothek eines Zweitorerückstands in ihren sportlich härtesten Überlebenskampf seit dem Wiederaufstieg unter Murat Yakin 2010. Neun Mal waren sie nie schlechter als auf Rang 7 klassiert, in dieser Saison aber konnten sie nur Direktabsteiger Xamax hinter sich lassen. Von den siebzehn Spielzeiten seit der Gründung der Super League 2003 waren die Thuner in deren fünfzehn dabei.

«Wenn wir absteigen, können wir aufhören. Das wäre der K.o. für den Verein», sagt Andres Gerber. Präziser: Hat er gesagt. Es ist auf den Tag genau sechs Jahre her seit dieser Aussage des Sportchefs, und heute würde er sie so wohl nicht mehr machen. Jetzt sagt Gerber:

«Wir wissen nicht, was bei einem Abstieg passieren wird. Deshalb stecken wir alle Energie in dieses Spiel heute. Und sollte es nicht reichen, dann eben alle Energie in die Probleme, die zusätzlich auf uns zukämen.»

Thuner Idylle am Sonntag – und heute?

Gestern Sonntag ist in Thun von einem düsteren Fussball-Szenario allerdings nicht das Geringste zu sehen gewesen. Der wunderbare Sommertag hat Tausende von Sonnenhungrigen an die Gestade des tiefblauen Thunersees gelockt. Die Kursschiffe sind gut besetzt, und die Leute tragen Masken. Was indes auch anders ist als sonst: Unter den Touristen sind nur ganz wenige Asiaten auszumachen. Der überwiegende Teil des ausländischen Reisevolks ist wegen Corona zu Hause geblieben. Ausgerechnet jetzt, wo der FC Thun mit der chinesischen Pacific Media Group aus Hongkong einen Investor gefunden hat, der während zehn Jahren drei Millionen Franken garantiert – 1,5 Millionen sind schon bezogen – und fünf Prozent der Aktien besitzt.

Selten hatte man den Thuner Präsidenten Markus Lüthi so euphorisch gesehen wie an jenem 26. November letzten Jahres, als er die Vertragsunterzeichnung mit den Chinesen bekanntgab. Diese seien überzeugt davon, in Thun Synergien zwischen dem Tourismus und dem Fussball zu generieren.

Situation ist trotz China-Partner dramatisch

Wer Lüthi fragt, weshalb um Himmels willen Asiaten sich für die Schweizer Super League interessieren sollten, erhält zur Antwort: «Chinesen ticken anders als wir Schweizer.» Er nennt ein Beispiel:

Markus Lüthi, Präsident FC Thun

Markus Lüthi, Präsident FC Thun

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE
«Als unsere Partner vor einem Jahr hier waren, kauften sie innert kürzester Zeit für 15 000 Franken unseren Fanshop leer.»

Aber eben, mit chinesischem Supershopping wird es vorerst wohl nichts. Weil sich überdies mehr als 30 Prozent der Sponsoren zurückgezogen haben, ist die Situation beim FC Thun dramatisch.

Wenigstens sportlich hat er sein Schicksal noch in den eigenen Füssen. Weil die Auswärtstorregel abgeschafft wurde, reicht den Thunern ein 3:1 oder 4:2, um eine Verlängerung zu erwirken. Und in zehn Barragen haben sich bisher sieben Mal die Oberklassigen durchgesetzt. Die Krux: Der FC Thun hat zuletzt nicht bewiesen, druckresistent zu sein. Nach der Vorrunde mit nur neun Punkten weit abgeschlagen, schrieb er in der Rückrunde auch dank der Verstärkungen Leonardo Bertone und Nicolas Hasler ein Märchen und war hinter YB und St.Gallen punktemässig die drittbeste Mannschaft. Aber jetzt, mit dem Rücken zur Wand stehend, zittern wieder die Knie.

«Wir haben nun noch 90 oder 120 Minuten Zeit, die Barrage zu drehen», sagt Schneider, der auf den filigranen Offensivspieler Miguel Castroman verzichten muss. Dieser zog sich in Vaduz einen Kreuzbandriss zu. «Es geht um alles. Dessen waren wir uns in Vaduz nicht bewusst», sagt Ridge Munsy. Schneider sagt: «Klar beschäftigt mich die Frage, wie es nach einem Abstieg weitergehen könnte.»