MOTORRAD: Das Schweizer Töff-Duell

Tom Lüthi (29) als Roger Federer und Dominique Aegerter (25) als Stan Wawrinka unserer Töffszene: So war es soeben bei den ersten Tests, und so dürfte es während des ganzen Jahres bleiben.

Klaus Zaugg
Drucken
Teilen
Platz 5 bei den Testfahrten in Jerez: Tom Lüthi. (Bild Kim Friedemann)

Platz 5 bei den Testfahrten in Jerez: Tom Lüthi. (Bild Kim Friedemann)

Dominique Aegerter kommt einfach nicht aus dem Schatten von Tom Lüthi heraus. Er mag einzelne Trainings dominieren, er kann sogar ein Rennen gewinnen (2014 den GP von Deutschland), aber am Ende ist Lüthi vorne wie Tennisstar Roger Federer vor Stan Wawrinka.

Testfahrten sagen viel über die kommende Saison aus. Die Moto2-Piloten sind diese Woche drei Tage (Mittwoch, Donnerstag, Freitag) im südspanischen Jerez praktisch vollzählig zum ersten Mal in dieser Saison zu offiziellen Tests angetreten. Die Saison wird am 20. März mit dem GP von Katar in Doha eröffnet.

Fast 200 Runden haben die «Asphaltcowboys» während dreier Tage bei wunderbarem Frühlingswetter (22 Grad) gedreht. In der Schlussrangliste steht Tom Lüthi auf Platz 5, direkt vor Dominique Aegerter. Das bedeutet erst einmal, dass die beiden Schweizer auf Augenhöhe mit allen Titanen stehen. Aber sind sie auch dazu in der Lage, den Titel zu gewinnen?

Aegerters Schwankungen

Lüthi ist Titelanwärter. Aegerter nicht. Das ist die Erkenntnis aus diesen Tests, die viel dramatischer waren, als es die Schlussklassierung erahnen liess. Lüthi dominiert alle drei Sessions des ersten Tages und fällt am Donnerstag und Freitag zurück – aber nie weiter als bis auf Platz 13. Aegerter fährt bei der Nachmittagssession am Donnerstag alle in Grund und Boden, fällt aber in anderen Trainings bis auf Position 26 zurück. Zwischen Platz 1 und 26 – kein anderer Pilot verzeichnet diese extremen Schwankungen.

Der Rohrbacher ist ziemlich ratlos. «Ich weiss nicht, warum ich manchmal so schnell und manchmal so langsam bin. Das ist nach wie vor mein grosses Problem. So lange ich das nicht lösen und konstant schnell fahren kann, ist es für mich nicht möglich, in der WM um den Titel zu fahren.» Es ist ein Problem, das ihm seit dem Einstieg in die Moto2-WM 2010 immer wieder zu schaffen macht. Vorerst hat auch sein neuer französischer Cheftechniker Florian Chiffoleau keine Antwort gefunden – sein bisheriger Cheftechniker Gilles Bigot hat zu Lüthi gewechselt.

Lüthi kaum beunruhigt

Aber immerhin weiss Aegerter seit dieser Woche endlich, dass der Horrorunfall vom letzten Herbst überwunden ist. In Aragon ist er in Führung liegend vom Spanier Alex Rins von hinten «abgeschossen» worden, verletzte sich schwer am Rücken und an der Hand und musste auf die vier letzten Rennen verzichten. «Ich bin wieder topfit, und die Verletzungen sind ganz auskuriert. Aber ich spüre eine gewisse Unruhe, wenn ich merke, dass einer hinter mir fährt, und das dürfte so bleiben.» Ein Problem sei das aber nicht. «Es spornt mich ja eher an, noch schneller zu fahren, um den Verfolger loszuwerden ...»

Lüthi beunruhigt das Auf und Ab bei diesen Tests weniger. Zumal die Unterschiede bei ihm nicht so extrem sind und weil er weiss, warum er nach dem ersten Tag nicht mehr allen davonfuhr. «Wir haben am zweiten und dritten Tagen viel ausprobiert. Da war es nicht mehr möglich, Spitzenzeiten zu fahren.»
 

Klaus Zaugg

 

Lüthi Titelkandidat – wie jedes Jahr seit 2010

WM-Saison kza. Die Stars kommen und gehen, die Schweizer bleiben stehen: Mit diesem einen Satz kann jede Moto2-Saison seit der Einführung dieser Klasse im Jahr 2010 beginnen. Niemand lebt in der Moto2-Klasse so gut wie die Schweizer. Tom Lüthi (29) und Dominique Aegerter (25) gehö-ren zu den populärsten Einzelsportlern im Land. Die Königsklasse MotoGP bringt einem Schweizer nicht bessere Medienpräsenz und nicht einmal mehr Geld. Der Aufstieg wäre bloss fürs Ego. Deshalb bleiben Lüthi und Aegerter, und die anderen Stars gehen oder gingen weiter.

Lüthi gehört seit der ersten Moto2-WM 2010 zu den Titelanwärtern. Aegerter seit zwei Jahren zu den Fahrern, die Rennen gewinnen können. Wieder sind ein paar Stars gegangen. Tito Rabat, der Weltmeister von 2014 und WM-Dritte des letzten Jahres, ist in die Königsklasse aufgestiegen. Miko Kallio, der alte Haudegen, wird Testfahrer bei KTM. Neu kommen mit Danny Kent (Weltmeister) und Miguel Oliveira (WM-Zweiter) die beiden Dominatoren der Moto3-WM. Auch der Schweizer Randy Krummenacher (25) ist nicht mehr dabei und fährt jetzt die Supersport-WM. 26 der 32 Fixstarter rücken mit Kalex aus, drei mit Speed-up, zwei mit einer Mistral und nur noch ein einziger letzter Mohikaner vertraut auf Suter: Efren Vazquez. Ein Hinterherfahrer. Und wie bisher liefert Dunlop die Einheitsreifen und Honda die Einheitsmotoren.

Zuversichtlich: Tom Lüthi. (Bild: Kimimasa Mayama/EPA)

Zuversichtlich: Tom Lüthi. (Bild: Kimimasa Mayama/EPA)


Grosse Leistungsdichte
Alex Rins (20), Tom Lüthi und Titelverteidiger Johan Zarco (25): Tom Lüthi hat von allen Titelanwärtern am meisten Erfahrung. Der meistgenannte Favorit ist Alex Rins. Der Spanier hat 2015 in seiner ersten Moto2-Saison gleich zehn Podestplätze (zwei Siege) und den 3. Schlussrang herausgefahren. Er wird mehr Rennen gewinnen als Lüthi – aber mit seiner Erfahrung müsste der Schweizer nun dazu in der Lage sein, weniger Fehler zu machen. Aegerter gilt nicht als Titelkandidat. Aber er gehört in die Gruppe jener Piloten, die einzelne Rennen gewinnen können (wie Folger, Cortese, Marquez, Salom, Nakagami, Schrötter, Simeon oder Lowes). Die Leistungsdichte ist eher noch grösser geworden, es wird wohl noch wilder zu- und hergehen. Die beiden anderen Schweizer, Robin Mulhauser (24) und Jesko Raffin (19), gehören zu den Hinterherfahrern mit Zukunft. Mulhauser strebt nach dem zweiten, Raffin nach dem ersten WM-Punkt der Karriere.

Brisante MotoGP-Klasse
In der MotoGP-Klasse kündigt sich nach den ersten Tests das «Jahr der Rache» unter der Herrschaft von Titelverteidiger Jorge Lorenzo (29) an. Er war bei den Tests extrem stark. Keiner konnte ihn herausfordern, auch Valentino Rossi (37) und Marc Marquez (23) nicht. Zwischen diesen beiden Letztgenannten hat sich das Verhältnis nicht abgekühlt, und auch zwischen den Yamaha-Teamkollegen Lorenzo und Rossi gibt es keine Entspannung. Zudem dürfen wir mit einem Comeback von Casey Stoner (30) rechnen. Er ist Testfahrer für Ducati und betont so eindringlich, ein Comeback komme für ihn unter keinen Umständen in Frage, dass wohl das Gegenteil wahr ist.

Saison 2016
20. März: Katar, Doha. – 3. April: Argentinien, Rio Hondo. – 10. April: USA, Austin. – 24. April: Spanien, Jerez. – 8. Mai: Frankreich, Le Mans. – 22. Mai: Italien, Mugello. – 5. Juni: Spanien, Barcelona. – 26. Juni: Holland, Assen (neu auch am Sonntag, damit alle am Sonntag). – 17. Juli: Deutschland, Sachsenring. – 14. August: Österreich, Spielberg. – 21. August: Tschechien, Brünn. – 4. September: England, Silverstone. – 11. September: Italien, Misano. – 25. September: Spanien, Aragon. – 16. Oktober: Japan, Motegi. – 23. Oktober: Australien, Philip Islands. – 30. Oktober: Malaysia, Sepang. – 13. November: Spanien, Valencia.

Aegerter verliert Sponsorengelder

Nachdenklich: Dominique Aegerter. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Nachdenklich: Dominique Aegerter. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Finanzen kza. Letzte Saison kam Dominique Aegerter wegen des unverschuldeten Sturzes in Aragon und dem dadurch erzwungenen Verzicht auf die letzten vier Rennen nur
auf den 17. WM-Schlussrang. Seine schwächste WM-Klassierung in der Moto2-WM. Den Rückschlag spürt er nun im Portemonnaie. Er bekommt wie bisher vom Team ein Fixum und die Spesen für die Überseerennen bezahlt. «Aber davon könnte ich nicht leben.» Sein Einkommen erzielt er durch den Verkauf der Werbeflächen auf dem Kombi (drei auf der Brust, drei auf dem Ärmel) und dem Helm. Eine dieser Werbeflächen (am Ärmel) konnte er für 2016 noch nicht verkaufen. Insgesamt beklagt er gegenüber dem letzten Jahr den Verlust eines Viertels seiner Werbeeinnahmen – und damit seines Einkommens. «Die langjährigen Sponsoren sind mir zwar treu geblieben. Aber viele zahlen weniger als bisher, und ich muss diese Saison mit rund 25 Prozent weniger Einnahmen rechnen.»

Sorgenloser Tom Lüthi
Tom Lüthi hat keine Sorgen in diesem Bereich. Er verdient sein Geld gleich wie Aegerter (Fixum, Werbeflächen).  Er ist mit dem Verkauf der Werbeflächen sehr zufrieden. «Die Einnahmen sind sogar etwas höher als letzte Saison.» Damit dürfte er bei der Vermarktung diese Saison besser dastehen also Aegerter und etwas mehr als eine halbe Million verdienen. Alle Verträge der beiden Schweizer laufen für ein Jahr bis Ende Saison.

Zwei Piloten im gleichen Team sind noch nie restlos glücklich geworden. Der Argwohn des «Aegerter-Clans», dass Teammanager Fred Corminboeuf Lüthi bevorzugt behandelt, hat neue Nahrung erhalten. Der holländische Stossdämpferspezialist Tim de Bot, der sechs Jahre lang mit Aegerter eng zusammengearbeitet hat, wechselt mit Cheftechniker Gilles Bigot zu Lüthi. Aegerter hat in Jerez erfahren, dass er mit einem neuen Spezialisten vorliebnehmen muss – einem Neuling. «Das geht gar nicht» sagt ein sichtlich verärgerter Aegerter. «Tim war für mich sehr wichtig, es kann nicht sein, dass er nur noch für Tom Lüthi arbeitet. Das müssen wir korrigieren.» Obwohl beide Fahrer unisono sagen, sie hätten es gut miteinander und sich respektieren – der innere Friede im Team ist gefährdet. 

Platz 6 bei den Testfahrten in Jerez: Dominique Aegerter. (Bild Kim Friedemann)

Platz 6 bei den Testfahrten in Jerez: Dominique Aegerter. (Bild Kim Friedemann)