MOTORRAD: Der Dickschädel will fahren

Der schwer verunfallte Dominique Aegerter (24) hat seine Therapie beendet und ist nach Hause zurückgekehrt. Er will das letzte Rennen am 8. November unbedingt fahren.

Klaus Zaugg
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Der letzte Therapietag in Bad Ragaz: Motorrad-Rennfahrer Dominique Aegerter beim Gewichtheben. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Der letzte Therapietag in Bad Ragaz: Motorrad-Rennfahrer Dominique Aegerter beim Gewichtheben. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

In der Regel können Fussballer oder Eishockeyspieler Verletzungen in aller Ruhe auskurieren. Töffrennfahrer sind anders programmiert. Sie wollen so schnell wie möglich wieder zurück auf ihre Maschinen. Untätigkeit lässt Zweifel aufkommen und Zweifel sind das Ende einer Karriere in einem Sport an der Grenze der Todeszone.

Dominique Aegerter müsste das letzte Rennen am 8. November nicht mehr fahren. Ob er nun 10. oder 13. in der Moto-WM wird, ist egal. Aber er will unbedingt wieder dabei sein. Das Comeback ist möglich. Gestern hat er seine Therapie Bad Ragaz unter ärztlicher Aufsicht beendet. Ab sofort wird er zu Hause in Rohrbach von seinem persönlichen Fitnesstrainer René Schürch und seinem Physiotherapeuten Gerrit Beekman betreut.

Abschied von der Fünfsterneklinik

Am 27. September hat sich Dominique Aegerter bei einem unverschuldeten Sturz während des Moto2-Rennens in Aragon (Sp) den Bruch von vier Lendenwirbel-Querfortsätzen, des Mittelhandknochens in der rechten Hand sowie eine Quetschung der Lunge zugezogen. In Bad Ragaz ging es in erster Linie darum, die Mobilität des Rückens und der Hand wiederherzustellen, den Muskelwiederaufbau zu fördern und dafür zu sorgen, dass die Schwellungen und die Schmerzen zurückgehen.

Gestern ist Dominique Aegerter aus der Fünfsterneklinik entlassen worden. Er wirkte ein bisschen wie ein junger Raubvogel, der aus dem Nest gefallen ist und noch nicht recht fliegen kann. Tatendurstig zwar, aber ein bisschen bleich und eine Spur leiser. Doch die Ausstrahlung eines ruhelosen, wilden Asphaltcowboys ist geblieben. Dr. Beat Villiger bezeichnet ihn als «der perfekte Patient. Mit einer unglaublichen Intensität hat er sich an die Therapie gemacht, uns gefordert, und war doch immer allen Argumenten zugänglich. Halt einer, der immer überholen will. Es ist immer besser, wenn das Pferd Zügel braucht und nicht die Sporen.»

Beat Villiger ist wohl der bekannteste Sportarzt der Schweiz, mehrfacher Olympia-Doktor, einst auch in der Führung des HC Davos. Er hat unzählige Sportler gesehen, erlebt, therapiert – einer, den eigentlich keiner mehr überraschen kann. Und doch ist er von Dominique Aegerter beeindruckt. Er zeigt lachend mit zwei Fingern, wie dick der Schädel dieses ganz besonderen Patienten sei. «Das muss so sein. Sportler sind dickschädlig – aber Ärzte auch.»

In Tränen ausgebrochen

Es war der erste schwere Unfall seiner Karriere. Erstmals seit neun Jahren musste er Rennen am Fernsehen verfolgen. Dominique Aegerter erzählt: «Als mir die Ärzte nach dem Unfall sagten, ich müsse mit einer Pause von vier bis sechs Wochen rechnen, bin ich in Tränen ausgebrochen.» Es habe ihn innerlich fast zerrissen, als er realisierte, dass das nächste Rennen ohne ihn über die Bühne gehen würde. «Ich habe am letzten Wochenende alle Trainings verfolgt und mit meinem Team mitgefiebert. Es war speziell für mich, das Rennen für das Schweizer Fernsehen im Studio mitzukommentieren.»

Die Schmerzmittel habe er bereits letzte Woche absetzen können. Er wolle bald einmal versuchen, auf einem Motorrad zu sitzen. Und Liegestützen seien ein guter Test, um zu sehen, wie belastbar die rechte Hand wieder sei.

In Valencia so oder so vor Ort

Die Frage ist nun, ob er das letzte Rennen am 7. November in Valencia fahren kann. «Ich werde auf jeden Fall vor Ort sein» sagt Aegerter. «Ob ich fahren kann, werde ich wahrscheinlich erst dort entscheiden können.» Dr. Clemens Sieber, der behandelnde Arzt in Bad Ragaz, sieht kein unverantwortbares Risiko. Nicht die Lendenwirbel seien gebrochen. Sondern die Querfortsätze. Bei einem erneuten Unfall wäre also das Risiko einer Rückenverletzung nicht grösser. «Er muss selber herausfinden und spüren, ob er für einen Renneinsatz bereit ist.»

In jedem Fall wird Dominique Aegerters Maschine für den GP von Valencia vor Ort und so vorbereitet sein, wie wenn er fahren würde. Vor dem Rennen muss er sich so oder so einem medizinischen Eintrittstest unterziehen. Der Unfall hat keine Auswirkungen auf die Fortsetzung der Karriere. Der Vertrag für die nächste Saison (im gleichen Team mit Tom Lüthi, auf dem gleichen Töff, aber mit neuem Cheftechniker) ist bereits unterschrieben.

Klaus Zaugg