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MOTORRAD: Geringe Siegchancen, grosses Prestige

Tom Lüthis Bubentraum «MotoGP» geht doch noch in Erfüllung. Die Auswirkungen seines Aufstiegs in die «Königsklasse» sind aber für den Schweizer Töffrennsport dramatisch.
Klaus Zaugg
In der MotoGP-Klasse dürfte Tom Lüthi selten auf dem Podest zu sehen sein. (Bild: Erwin Scheriau/Keystone (Spielberg, 13. August 2017))

In der MotoGP-Klasse dürfte Tom Lüthi selten auf dem Podest zu sehen sein. (Bild: Erwin Scheriau/Keystone (Spielberg, 13. August 2017))

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

Die «Königsklasse» MotoGP ist in der Töffszene, was die Formel 1 im Automobilrennsport ist. Am meisten Prestige und für Schweizer eine Nummer zu gross. Sergio Pellandini war 1984 in der wichtigsten WM der letzte Schweizer in einem konkurrenzfähigen Team. Er erreichte als Suzuki-Werkspilot den 12. Schlussrang.

Nun wird, wenn alles wie geplant läuft, Tom Lüthi 2018 der nächste Schweizer mit vernünftigem Material auf dem höchsten Niveau. An der Seite des Italieners Franco Morbidelli im Rennstall des belgischen Bier-Milliardärs Marc van der Straten.

Die Chancen auf Spitzenplätze sind für Tom Lüthi ganz oben allerdings gering. Nur unter ex­tremen Verhältnissen (Regen) sind vorderste Rangierungen möglich. Ist die Piste trocken und bleibt Chaos aus, sind Klassierungen zwischen Platz 8 und 15 üblich. Tom Lüthi bekommt zwar eine Honda. Aber keine «Erstklass-Honda». Er fährt in einem sogenannten «Satellitenteam» vorjährige Werksmaschinen, die nicht ganz auf dem allerneusten Entwicklungsstand sind. Die echten Werksmaschinen, die das gesamte Wissen eines grossen Motorradwerkes enthalten und die Voraussetzung für Siege und Podestplätze sind, werden nicht «ausser Haus» geliefert. Tom Lüthi tauscht die Chance auf ­Titel und Siege gegen das Prestige ein, zur «Königsklasse» zu gehören.

Schon einmal, 2009, hatte Tom Lüthi den Aufstieg offiziell beschlossen und verkündet. Aber am Ende wagte er den Schritt doch nicht und stieg 2010 in die Moto2-WM ein. Für diesen Verzicht hat er seinen Preis bezahlt. Seither ist er bei den Werkteams von Yamaha, Honda, Suzuki und Ducati kein Thema mehr und gilt dort bei den Entscheidungsträgern als Feigling. Werkspilot mit erstklassigem Material und einem sechs- oder siebenstelligen Salär kann er deshalb seither nicht mehr werden. Es blieb ihm nur noch die Chance auf einen Platz in einem «Hinterbänkler-Team.»

Lüthi wird nicht fürstlich entlöhnt

Im Laufe der letzten Wochen zeichnete sich doch noch eine Lösung ab, die spruchreif ausgehandelt worden war: ein Wechsel zu KTM. Dort 2018 noch einmal ein Anlauf zum Moto2-WM-Titel und dann 2019 mindestens eine Saison mit KTM in der obersten ­Kategorie.

Aber nun ist eine andere Türe aufgegangen. Marc van der Straten braucht für nächste Saison in seinem Team (Marc VDS) einen zweiten MotoGP-Piloten. Tom Lüthi wird im September zwar schon 31. Aber er ist von allen noch zur Verfügung stehenden Piloten mit Abstand der beste. In den letzten Tagen wurde mit ­van der Stratens Teammanager ­Michael Bartholemy noch um Vertragsdetails und die Vertrags­dauer (zwei Jahre) gerungen. Tom Lüthi wird kein fürstlich honorierter Werksfahrer. Er wird sein Geld weiterhin in erster Linie mit der persönlichen Vermarktung über die ihm überlassenen Werbeflächen (Helm, Kombi) verdienen.

Hat der Deal Auswirkungen auf die aktuelle Moto2-WM? Franco Morbidelli fährt ja bereits im Team von Van der Straten und steigt intern auf. Muss ihm Tom Lüthi den Titel sozusagen aus Höflichkeit gegenüber dem künftigen Team überlassen? Nein. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Regelung der Zukunft wirkt befreiend und macht ihn für den Rest der Saison noch stärker.

Die Auswirkungen auf den Schweizer Töffrennsport sind hingegen dramatisch. Fred Corminboeuf verliert mit Lüthi die zentrale Figur und die Hauptsponsoren für sein Team, zu dem auch Nachwuchsfahrer Jesko Raffin (21) gehört. Hätte Dominique Aegerter (26) letzte Saison die Rolle als Nummer 2 hinter Lüthi akzeptiert, wäre er nun die Nummer 1 in einem guten Moto2-Rennstall und vom «Lüthi-Komplex» befreit. Er müsste nicht um seine Zukunft im chronisch unterfinanzieren Team der Gebrüder Kiefer bangen. Aber er hat Corminboeuf im letzten Herbst im Zorn verlassen. Eine Rückkehr scheint fast ausgeschlossen.

Die Erfüllung des MotoGP-Traumes ist nicht nur ein ­Schlussfeuerwerk für Tom Lüthis ­Kar­riere, sondern auch das Schlussfeuerwerk für eine der gross­artigsten Epochen unseres Motorradrennsportes. Die Jahre des Ruhmes, der Podestplätze und Siege gehen mit dieser Saison zu Ende.

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