MOTORRAD: Tom Lüthi riskiert den Markenwechsel

Tom Lüthi (30) steigt Ende Saison von Kalex auf KTM um. Der dritte Markenwechsel soll endlich den Titel in der Moto2-WM bringen.

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Zuversichtlich: Tom Lüthi. (Bild: Kimimasa Mayama/EPA)

Zuversichtlich: Tom Lüthi. (Bild: Kimimasa Mayama/EPA)

Im Fahrerlager der Rennstrecke zu Brünn: Es ist später Samstagnachmittag. Das Abschlusstraining der Moto2-Klasse ist gerade vorbei. Tom Lüthi ist missmutig. Das verunglückte finale Training (nur Platz 12, 4. Reihe) setzt ihm arg zu. Er ahnt, dass bei einer weiteren Niederlage hier in Brünn seine Titelchancen entschwinden werden.

Bevor er im Teamlaster den Chronisten Auskunft gibt, knurrt er die charmante Teamhostess an, ob denn die Klimaanlage nicht funktioniere. Draussen ist es mehr als 30 Grad warm. Er versucht zu erklären, warum es ihm trotz zusätzlichen Tests während der Sommerpause hier in Brünn einfach nicht gelungen ist, eine optimale Abstimmung seiner Höllenmaschine zu finden. Und sagt einen Satz, dessen Bedeutung niemand erfasst. «Das Bike von Oliveira funktioniert offensichtlich. Meines nicht.» Miguel Oliveira (22) ist einer der beiden KTM-Werksfahrer, der andere ist Brad Binder. Der junge Portugiese gilt als eine der grossen positiven Überraschungen der Saison, steht in der WM gleich hinter Tom Lüthi auf dem dritten Gesamtrang und wird am Sonntag aus der ersten Reihe starten.

Die Begründung von Lüthis Manager

Keine Frage: KTM ist sehr konkurrenzfähig. Deshalb wird Lüthi am Ende dieser Saison die Kalex in die Ecke stellen (nicht schmeissen) und 2018 mit einer KTM ausrücken. Sein Manager Daniel M. Epp bestätigt: «Es ist noch nicht offiziell und unterschrieben. Aber es wird so sein.» KTM wird neben den beiden Werks­piloten Oliveira und Binder ein sogenanntes Satellitenteam ausrüsten – und dieses Team wird jenes von Tom Lüthi sein.

Epp begründet den dritten Markenwechsel in der Moto2-WM so: «Bei Kalex wissen wir genau, was wir haben. Der Wechsel zu KTM ist ein gewisses Risiko – aber wenn es funktioniert, dann haben wir 2018 sehr grosse Titelchancen.»

Risiko hält sich in Grenzen

15 der schnellsten 20 Piloten des gestrigen Abschlusstrainings fahren die deutsche Kalex. Technischer Sozialismus. Da ist selbst mit dem besten Cheftechniker kein Vorteil mehr herauszuholen. Aber mit KTM ist ein technischer Vorsprung möglich. Das 1934 gegründete Werk hat ein enormes Wissen und die Kapazitäten, um auch während einer Saison nachzurüsten. Nichts könnte für das Prestige besser sein als Tom Lüthi 2018 Weltmeister auf KTM – nachdem er Jahr für Jahr auf allen anderen Marken (Moriwaki, Suter, Kalex) gescheitert ist.

Das Risiko hält sich sowieso in Grenzen. Tom Lüthi bleibt im gleichen Team und behält seinen Cheftechniker Gilles Bigot. Und dieser Wechsel zu KTM könnte für Lüthi ein erster Schritt Richtung «Königsklasse» sein. Er träumt nach wie vor, einmal doch noch eine Saison in der MotoGP-Klasse fahren zu können. KTM ist inzwischen auch in der MotoGP-WM präsent, und Lüthi hat letzte Saison zwischendurch als Test­pilot für das österreichische Werk gearbeitet.

Erfüllt er in der Moto2-WM die Erwartungen, dann hat er gute Chancen, im Verlaufe der nächsten vier Jahre für KTM eine oder zwei Saisons die wichtigste Töff-WM zu bestreiten.

 

Klaus Zaugg, Brünn