MOTORRAD: Tom Lüthi siegt überraschend dank Nerven – und Regenguss

Tom Lüthi ist nach seinem überraschenden ersten Sieg in dieser WM-Saison wieder ein Titelkandidat. Der italienische Rivale Franco Morbidelli schrumpft derweil zum Nervenbündel.

Klaus Zaugg, Brünn
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Freie Bahn: Tom Lüthi entscheidet das Rennen nach einem blitzschnellen Neustart. (Bild: Martin Divisek/EPA (Brünn, 6. August 2017))

Freie Bahn: Tom Lüthi entscheidet das Rennen nach einem blitzschnellen Neustart. (Bild: Martin Divisek/EPA (Brünn, 6. August 2017))

Klaus Zaugg, Brünn

Die harten Männer haben einen weichen Kern. Bei der Medienkonferenz entschuldigt sich Tom Lüthi (30) für seine Heiserkeit. «Ich habe auf der Auslaufrunde vor Freude laut in den Helm geschrien.» Es war auch ein Aufschrei der Erleichterung. Dieser erste Saisonsieg für Lüthi kommt fast aus dem Nichts. Am Samstagabend schien er besiegt. Während der Sommerpause hatte er hier intensiv getestet. Trotzdem war es ihm nicht gelungen, auf trockener Piste die Maschine optimal abzustimmen. «Ich konnte machen, was ich wollte, es war einfach nicht möglich, am Limit zu fahren.» Lüthi war stocksauer.

Aber in dieser Niederlage sollte der Keim des Sieges liegen. Während seine Konkurrenten immer wieder bange auf ihren Smartphones die Wetterprognose konsultierten, kümmerte sich Lüthi nicht mehr ums Wetter. «Ich wusste, dass ich auf trockener Piste keine Chance hatte. Sollte der Regen kommen wie angekündigt, umso besser.» Er musste aus der vierten Reihe starten – zu weit hinten. Er war ohne jede Chance auf den Sieg.

Der beste Start in Lüthis Karriere

Aber der Regen kommt gerade noch rechtzeitig. Nach sieben gewerteten Runden wird die rote Flagge geschwenkt. Abbruch und Neustart. Zu den restlichen sechs Runden wird gemäss dem Zieleinlauf vor dem Abbruch gestartet – Lüthi hat sich auf den 7. Rang und in die dritte Reihe vorgearbeitet. Er entscheidet das Rennen durch einen Blitzstart. Er schiesst an die Spitze, hat freie Bahn und fährt unbedrängt ins Ziel. Es ist der beste Start in seiner Karriere. «Ich habe intensiv an meinen Starts gearbeitet. Es ist nicht eine Frage der Reaktion. Es sind verschiedene Faktoren. Einerseits geht es um die Technik. Wie gehe ich mit der Kupplung um? Und andererseits musste ich meine Hemmungen im Gedränge gleich nach dem Start und den ersten Kurven überwinden.»

Mit einem Schlag hat Lüthi nach 10 von 18 Rennen den Rückstand auf WM-Leader Franco Morbidelli von 34 auf 17 Punkte halbiert. Zum ersten Mal in seiner Karriere ist er in der zweitwichtigsten Motorrad-Weltmeisterschaft zu diesem Zeitpunkt nach wie vor im Titelrennen. Der 22-jährige Morbidelli kann nicht aufatmen. Es ist die ultimative Nervenprobe für den sensiblen Italiener. Auf trockener Piste hatte er locker den dritten Platz gehalten, Rivale Lüthi lag chancenlos zurück auf Rang 7. Aber dann schiesst der Schweizer nach dem Neustart in zwei Sekunden an die Spitze, der WM-Leader schrumpft zum Nervenbündel und kann mit knapper Not gerade noch den 8. Platz retten.

Dicke Luft im Team von Dominique Aegerter

Bei Dominique Aegerter (26) läuft währenddessen alles schief. Im Abschlusstraining wurde er von Simone Corsi «abgeschossen» und musste aus der 7. Reihe starten. Und dann bricht nach dem Start der Schalthebel ab. Nach dem Reparaturhalt in der Box fehlen ihm schliesslich zehn Sekunden, um für den Neustart zugelassen zu werden. Teamchef Jochen Kiefer: «Wir haben bei der Rennleitung protestiert. Aber Reglement ist Reglement. Domi hätte nur an den Start gehen dürfen, wenn er 75 Prozent der Distanz zurückgelegt hätte. Dazu fehlten ihm 10 Sekunden.» Nun wird die Luft im Team immer dicker. Es ist der dritte Nuller aus technischen Gründen in den letzten vier Rennen.

Grand Prix Tschechien

Brünn. Moto2. Zweites Rennen (6 Rd/32,418 km): 1. Lüthi (SUI), Kalex, 13:29,036. 2. Alex Marquez (ESP), Kalex, 4,991. 3. Oliveira (POR), KTM, 6,983. 4. Marini (ITA), Kalex, 9,190. 5. Vierge (ESP), Tech3, 11,064. Ferner: 8. Morbidelli (ITA), Kalex, 19,743. 29. Raffin (SUI), Kalex, 38,907. – Erstes Rennen nach 8 von 20 Runden wegen Regens abgebrochen. – Nicht zum Neustart zugelassen wegen zu viel Rückstand: Aegerter (SUI), Suter. – WM-Stand (10/18): 1. Morbidelli 182. 2. Lüthi 165. 3. Marquez 133. 4. Oliveira 133. 5. Bagnaia (ITA), Kalex, 87. Ferner: 11. Aegerter 50. 26. Raffin 5.

MotoGP (22 Runden à 5,403 km/118,866 km): 1. Marquez (ESP), Honda, 44:15,974 (161,1 km/h). 2. Pedrosa (ESP), Honda, 12,438 zurück. 3. Viñales (ESP), Yamaha, 18,135. 4. Rossi (ITA), Yamaha, 20,466. 5. Crutchlow (GBR), Honda, 20,892. Ferner: 15. Lorenzo (ESP), Ducati, 40,100. – WM-Stand (10/18): 1. Marquez 154. 2. Viñales 140. 3. Dovizioso 133. 4. Rossi 132. 5. Pedrosa 123.

Moto3 (19 Rd/102,675 km): 1. Mir (ESP), Honda, 44:41,314 (137,8 km/h). 2. Fenati (ITA), Honda, 0,350. 3. Canet (ESP), Honda, 3,078. – WM-Stand (10/18): 1. Mir 190. 2. Fenati 148. 3. Canet 126.

Nächstes Rennen: Spielberg, 13. August.