MOTORSPORT: Einblick ins Cockpit

Audi-Werksfahrer Marcel Fässler (37) startet heute in Silverstone in die neue Langstrecken-WM. Der zweifache Le-Mans-Sieger aus Einsiedeln erzählt, wie er Unfälle erlebt, wie ihn der Rennsport im Laufe seiner erfolgreichen Karriere verändert hat und wie er als Familienvater mit dem gefährlichen Job umgeht.

Interview Stefan Klinger
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Marcel Fässler: «Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr auf einen Saisonstart gefreut wie auf diesen.»PD

Marcel Fässler: «Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr auf einen Saisonstart gefreut wie auf diesen.»PD

Marcel Fässler, Skistar Marcel Hirscher kann sich sechs, sieben Minuten vor dem Start noch über Allerweltsdinge unterhalten, Olympiasiegerin Dominique Gisin lässt ihr iPhone vor dem Rennen grundsätzlich aus, um sich nicht abzulenken. Ab wann sind Sie am Renntag nicht mehr ansprechbar?

Marcel Fässler: Generell bin ich schon am Morgen des Renntages nicht mehr wirklich ansprechbar. Wenn ich der Startfahrer bin, bin ich spätestens zwei Stunden vor dem Start gedanklich wo ganz anders und lasse dann nur noch ganz wenige an mich ran, zum Beispiel die Renningenieure. Mir haben schon oft Leute, mit denen ich sonst viel Spass habe, gesagt, dass ich am Morgen des Rennens immer kurz angebunden und ein ganz anderer Mensch bin. Jeder Sportler ist da eben anders. Ich ziehe mich am liebsten in die Box zurück, wo ich abgeschottet bin.

Erst recht, wenn die Anspannung wie dieses Wochenende beim ersten Saisonrennen bestimmt besonders gross ist, weil so ein Saisonauftakt ja auch immer eine Fahrt ins Ungewisse ist.

Fässler: Die ganze Testphase ist ja schön und gut, aber jetzt bin ich unheimlich froh, dass es endlich losgeht. Ich bin seit dem Saisonfinal Ende November zwar zwischen 2000 und 3000 Kilometer zu Testzwecken gefahren, habe aber seither nur am vergangenen Wochenende ein Rennen zur Vorbereitung bestritten. Ich spüre jetzt wieder den Drang, Rennen zu fahren, den Ehrgeiz und vor allem den Nervenkitzel. Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr auf einen Saisonstart gefreut wie auf diesen. Wir haben ein neues Auto, ein neues Reglement, neue Gegner – da ist sicher eine Ungewissheit da. Generell muss ich aber sagen, dass ich vor den Rennen immer nervös bin.

Auch nach all den Jahren und all den Erfolgen – wird nicht irgendwann alles immer ein bisschen zur Routine?

Fässler: Am Renntag habe ich heute noch immer dasselbe angespannte Gefühl wie bei meinem ersten Kartrennen als kleiner Bub. Ich denke, dass das aber auch so sein muss. Wenn ich diesen Nervenkitzel mal nicht mehr habe, ist dann bestimmt auch die Motivation weg.

Verleihen Ihnen Ihre ganzen Erfolge nicht eine gewisse Ruhe, weil sie Ihnen Ihr Können bestätigen und Sie selbstsicherer machen?

Fässler: Jedes Rennen ist ein Rennen für sich – da hilft es mir nichts, dass ich das letzte gewonnen habe. Du musst dich in jedem Rennen neu beweisen. Klar habe ich eine Routine entwickelt und gehe nun mit gewissen Situationen anders um, aber ich habe noch immer einen hohen Anspruch an mich und einen grossen Ehrgeiz. Es regt mich noch immer sehr auf, wenn ein Rennen nicht gut gelaufen ist.

Wie lange dauert es, bis Sie ein schlechtes Rennen wirklich verarbeitet und ganz abgehakt haben?

Fässler: Ich habe kein Problem, wenn ich Zweiter oder Dritter werde, aber einen geilen Kampf mit einem anderen hatte oder merke, dass ich das Beste an dem Tag herausgeholt habe. Wenn ich aber einen Fehler gemacht habe oder vom Rennleiter oder einem Gegner ungerecht behandelt werde, dann kann ich schon ganz schön stinkig sein. Es dauert allerdings längst nicht mehr so lange wie früher, bis sich das wieder gelegt hat.

Warum?

Fässler: Zu DTM-Zeiten habe ich mich manchmal fast eine Woche lang über Rennen geärgert. Da hat mir meine Familie aber sehr geholfen. Wenn ich heute nach einem Rennen zu Hause bei meiner Familie bin und sehe, dass es auch noch was anderes Wichtiges als die Rennen gibt, ist der Ärger meist sehr schnell verflogen. Wenn mich etwas im Rennsport beschäftigt, spreche ich natürlich mit meiner Frau darüber, aber sonst sprechen wir daheim am Familientisch so gut wie nie über den Rennsport.

Ihre Töchter sind zwischen fünf und elf Jahre alt. Wie sehr realisieren sie, was ihr Papa Aussergewöhnliches erreicht hat und fiebern bei Rennen mit?

Fässler: Sie wissen, was ich mache, aber für sie ist das nichts Besonderes, weil sie damit so aufgewachsen sind. Sie schauen sich auch nicht jedes Rennen am TV oder im Internet live an. Sie haben sonntags ihr eigenes, für sie wichtigeres Programm.

Kam von ihnen oder Ihrer Frau schon mal die Bitte, dass Sie sich einen anderen, nicht ganz so gefährlichen Job suchen sollen?

Fässler: Nein. Meine Frau kennt mich, seit ich jung bin und weiss, dass sie mich ohnehin nicht abhalten kann. In den 60er-, 70er-Jahren war es sicher so, dass du als Rennfahrer nicht wusstest, ob du im nächsten Rennen nicht der Nächste bist, den es erwischt. Aber inzwischen ist die Sicherheit bei den Autos und den Strecken so gross, dass ich noch nie das Gefühl hatte, diese oder jene Situation hätte auch anders ausgehen können und dann wäre ich jetzt nicht mehr hier.

Dennoch ist letztes Jahr beim Rennen in Le Mans Allan Simonsen tödlich verunglückt. Reisst einen so etwas nicht völlig aus dem Alltag und stellt den Rennfahrer und Familienvater Marcel Fässler vor grundsätzliche Fragen?

Fässler: Klar machst du dir da grundsätzliche Gedanken. Und es hat mir auch sehr weh getan zu wissen, dass da jetzt eine Frau ihren Mann und ein Kind seinen Vater verloren hat. Es macht deutlich, dass trotz aller hohen Sicherheitsstandards bei einer Verkettung von unglücklichen Umständen auch etwas passieren kann. Darüber musst du dir im Klaren sein, wenn du Rennfahrer bist. Aber der Rennsport ist nun mal meine Leidenschaft. Und man muss das Ganze auch grundsätzlich anschauen.

Das bedeutet?

Fässler: Wenn ich im Training auf meinem Velo hier bei uns auf den Strassen unterwegs bin, sehe ich viele Situationen, die gefährlicher sind, als wenn ich mit 300 km/h in Le Mans fahre. Und hier habe ich nicht die ganzen Sicherheitsvorkehrungen und muss zudem mit einigen Unbekannten auskommen – zum Beispiel, ob der Autofahrer nicht gerade gedanklich abgelenkt ist oder das Natel benutzt. Generell ist das Leben gefährlich, wie man leider auch bei Michael Schumacher gesehen hat. Da ist er jahrelang mit den schnellsten Rennwagen unterwegs, und dann schlägt das Schicksal in einer eher alltäglichen Situation so grausam zu.

Nehmen Sie uns mal mit ins Cockpit: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie 2008 in Le Mans mit weit über 200 km/h in die Begrenzung geknallt sind?

Fässler: Ich kann mich da an nichts mehr erinnern. Ich weiss nur noch, wie ich über die Ziellinie gefahren bin und gesehen habe, dass ich jetzt nur noch fünf Runden fahren muss. Das Nächste, was ich weiss, sind die Stimmen der Bekannten, die mich im Spital besucht haben. Ich bin scheinbar selbst ausgestiegen, aber ich war geistig völlig weg. Vermutlich war das eine Schutzfunktion des Körpers.

Die wohl auch das Verarbeiten dieses üblen Unfalls erleichtert hat.

Fässler: Es ist für mich so, als ob es nie passiert wäre. Ich kann mich nur noch an die Schmerzen, die ich in den Tagen danach wegen der Prellungen hatte, erinnern. Ich weiss allerdings von anderen Unfällen, die glimpflicher verliefen, dass das Gehirn auf Zeitlupe schaltet. Es sind zwar nur Bruchteile von Sekunden, aber du fährst wie in Zeitlupe auf die Begrenzung zu. Du weisst, dass jetzt gleich der Aufprall kommt, dann macht es «Bumm» – und dann ist alles ruhig. Wenn du merkst, dass alles okay ist, steigst du aus.

Trotz der Umstände auch irgendwie faszinierend, wenn man erlebt, wie das Gehirn in Extremsituationen die Realität verzerrt.

Fässler: Letztes Jahr habe ich in Austin beim Überholen das andere Auto falsch eingeschätzt, musste dann schnell ausweichen und bin deswegen am Ausgang der Kurve über die Curbs (Anm. d. Redaktion: Curbs sind Randsteine, die die Fahrbahn von der Auslaufzone trennen) gefahren. Dadurch bin ich dann abgehoben. In Wirklichkeit war es nur ein kurzer Hüpfer. Aber im Auto kam es mir vor, als ob ich drei Meter abgehoben bin.

Kein angenehmes Gefühl, wenn man statt Pilot nur noch Passagier ist.

Fässler: Es ist schon ein sehr spezielles, unangenehmes Gefühl, wenn es leise wird und du dann plötzlich nur noch den blauen Himmel siehst. Auch da kamen mir die Bruchteile von Sekunden wieder ewig vor. Mein erster Gedanke nach der Landung war aber: Ich habe das Auto zerstört und das Rennen kaputt gemacht. Immerhin ging es ja noch um die WM. Zumindest das Auto war aber noch ganz, den Sieg haben wir trotzdem verspielt.

Sie haben es angesprochen: Es gibt eine Reihe an Regeländerungen, unter anderem zusätzliche Sicherheitsvorschriften. Zugleich darf das Mindestgewicht der LMP1-Rennwagen nur noch 870 statt 915 Kilogramm betragen. Wie sehr wirkt sich das alles aufs Fahrgefühl aus?

Fässler: Wir haben ein komplett neues Auto, bei dem keine Schraube mehr so ist wie vergangenes Jahr. Du spürst beim Bremsen, dass es leichter ist. Das Auto ist bei Richtungswechseln nun agiler. Zumal die Spur nun auch zehn Zentimeter schmäler ist. Aber trotz allem sind die Auswirkungen für uns Fahrer nicht ganz so gravierend – zumindest im Bezug auf diese Punkte. Es weiss aber noch keiner, wie es sich auswirkt, dass wir künftig ein Drittel weniger Energie pro Runde verbrauchen dürfen und sonst eine Strafe erhalten. Wir können nun nicht mehr alles Vollgas fahren.

Drohen unattraktivere Rennen, weil ein Fahrer womöglich gegen Ende der Runde nicht mehr attackiert, weil er Sprit sparen muss?

Fässler: Es ist gut möglich, dass das passiert. Du musst nun viel taktischer fahren. Aber ob die Rennen unattraktiver werden, wissen wir erst nach den ersten ein, zwei Rennen. Klar ist: Du musst das Auto beim Verbrauch hart am Limit halten – aber darfst eben nicht drüber hinausschiessen.

Ist diese Änderung wirklich sinnvoll oder nur aus Imagegründen nötig?

Fässler: Die heutige Zeit fordert Veränderungen. Da muss auch der Rennsport zeigen, dass wir mit weniger Sprit eine ähnliche oder sogar die gleiche Leistung zeigen können. Es ist ja generell ein grosses Thema, dass Motoren mit weniger Verbrauch gleich weit kommen. Da ist vielleicht der Langstreckensport das richtige Entwicklungsfeld – vielleicht sehen wir ja eines Tages das, was wir nun haben, in den normalen Autos wieder.