MOTORSPORT: Yannick Mettler: «Wir überschreiten mentale Grenzen»

Yannick Mettler gewinnt das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. Der Krienser (27) spricht über die Strapazen in der «grünen Hölle» und erklärt, weshalb sein grösster Erfolg zur richtigen Zeit kommt.

Interview Stephan Santschi
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Perfekte Vorstellung von Yannick Mettler beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring: Der 27-jährige Krienser gewann mit dem Team FK Performance den 161 Autos starken BMW M235i Racing Cup und absolvierte die schnellste Rennrunde seines Teams. (Bild: BYM Racing GmbH)

Perfekte Vorstellung von Yannick Mettler beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring: Der 27-jährige Krienser gewann mit dem Team FK Performance den 161 Autos starken BMW M235i Racing Cup und absolvierte die schnellste Rennrunde seines Teams. (Bild: BYM Racing GmbH)

Interview Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Yannick Mettler, können Sie den Erfolg im 24-Stunden-Rennen am Nürburgring schon einordnen?

Auch mehrere Tage danach ist dieser Sieg das Erste, an das ich nach dem Aufwachen denke. Allmählich realisiere ich, was ich erreicht habe: den bisher grössten Erfolg meiner Karriere.

Sie haben mit Ihren drei Kollegen vom Team FK Performance die Konkurrenz mit zwei Runden Vorsprung deklassiert. Wie kam es zu diesem fehlerlosen Rennen?

Das ist auf die Stimmung im Team zurückzuführen. Wir haben sehr gut harmoniert, alle wollten den Sieg zu 120 Prozent, letztlich spielte es keine Rolle, wer am Steuer sass, jeder ist ein kompletter Rennfahrer. Diese Dynamik machte uns unschlagbar, sie hielt uns trotz der Hitze und der Müdigkeit während des Rennens stets motiviert und aufmerksam.

Was macht den Nürburgring speziell?

Es ist das grösste, anspruchsvollste und gefährlichste Rennen der Welt, es ist ein Mythos. 200 000 Zuschauer, die Nähe zwischen Fans und Rennfahrer, es herrscht eine Woche lang Ausnahmestimmung. Vor der Rennstrecke, der sogenannten «grünen Hölle», hat jeder grossen Respekt. Beispielsweise bewältigen wir im Dunkeln mit über 200 km/h Kuppen, die schon bei Tageslicht nicht einsehbar sind. Dabei überschreiten wir unsere mentalen Grenzen.

Wie lernen Sie es, derart schwierige und schnelle Passagen zu bewältigen?

Im Vorfeld des Rennens am Simulator. Sie müssen es sich wie auf einer Fahrt im Nebel vorstellen, in dem sie nur etwa 50 Meter weit sehen können. Zu Beginn fühlt es sich extrem falsch an, so zu fahren, aber durch das Einüben der Automatismen finden wir das Vertrauen, auch bei reduzierten Sichtverhältnissen am Limit zu fahren.

24 Stunden dauert der Wettkampf, aber nur einer des Teams ist jeweils unterwegs. Wie teilen Sie sich die Arbeit im Rennen auf?

Das Reglement schreibt eine maximale Fahrzeit am Stück von drei Stunden vor. Wir stimmen die Wechsel jeweils mit dem Stopp zum Tanken und Reifenaustausch ab. Jeder fährt 2 Stunden und 40 Minuten lang, dann wird gewechselt.

Was machen Sie in der Pause bis zum nächsten Einsatz?

Ich ziehe mich ins Appartement in der Nähe zurück. Schlafen kann ich nicht, doch ich lege mich hin und gebe meinem Körper genug Erholung. Bevor ich wieder ins Auto steige, absolviere ich ein Aufwachprozedere. Ich spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht, jongliere oder mache Seilspringen.

Sie traten am Nürburgring im BMW M235i Racing Cup an. Welchen Stellenwert hat diese Klasse im Rahmen des ­gesamten Festivals?

Das Aushängeschild ist die GT3-Kategorie, doch ­dahinter ist unser Feld jenes mit der grössten Konkurrenz. In die schnellste Kurve fahren wir mit 210 km/h, wohlbemerkt mit nur wenigen Metern links und rechts bis zur Leitplanke. Die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 160 km/h. Gewinnt man hier, ist das ein grossartiger Leistungsausweis.

Als welchen Typ Rennfahrer umschreiben Sie sich selber?

Sehr bedacht, ich habe meine Emotionen während des Fahrens stets im Griff. Gleichzeitig habe ich aber auch einen sehr starken Siegeswillen. Aus diesem Grund ist der Motorradfahrer Valentino Rossi eines meiner Vorbilder. Ich bewundere seine Art, alles dem Erfolg unterzuordnen.

Wie hoch war die Sieges­prämie?

Das hat mehr symbolischen Wert und hält sich in Grenzen. (lacht) Doch darum geht es auch nicht. Ich befinde mich in der Übergangsphase zum Profi, deshalb kommt dieser Sieg zu einem perfekten Zeitpunkt. Bei kleineren Rennen werde ich bereits bezahlt, bei Rennen wie am Nürburgring geht es hingegen eher um eine Empfehlung für einen langfristigen Job, also um das Erreichen des grossen Ziels.

Wie verdienen Sie denn Ihren Lebensunterhalt?

Ich habe mir als Motorsport-Spezialist rund um das Rennfahrer-Dasein ein Geschäftsfeld aufgebaut. Ich leite Fahrtrainings an Trackdays mit freiem Fahren auf Rennstrecken. Ich betreue Renneinsteiger, mache Eventauftritte, Ingenieursdienstleistungen und Firmenevents. Irgendwann möchte ich aber hauptsächlich von meinen Leistungen als Rennfahrer leben können.

Welche sportlichen Träume hegen Sie noch?

Ich möchte in den nächsten zwei, drei Jahren am Nürburgring in der Spitzenklasse GT3 gewinnen und an den 24-Stunden-Rennen in Le Mans oder Dubai erfolgreich sein. Ich strebe nach Siegen in den Motorsport-Klassikern.

Zum Schluss: Was haben Sie sich nach dem grössten Sieg Ihrer Karriere gegönnt?

Ein kühles Lozärner Bier. Und viel Schlaf.

Hinweis

Website: www.yannickmettler.ch.