MUHAMMAD ALI: Ali-Shuffle auf dem Stubenteppich

Die traurige Nachricht des Todes von Muhammad Ali, des besten Boxers aller Zeiten, weckt in mir Erinnerungen an die Jugendzeit Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre. Ganz weit weg, drüben in Amerika war er, und doch machte uns Ali glücklich.

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Cassius Clay alias Muhammad Ali wusste es schon in den 60er-Jahren: «ich bin der Grösste!» (Bild: Keystone/Ed Kolenovsky)

Cassius Clay alias Muhammad Ali wusste es schon in den 60er-Jahren: «ich bin der Grösste!» (Bild: Keystone/Ed Kolenovsky)

Ja, «wecken» ist das richtige Wort. Wir mussten unserem Vater versprechen, dass wir zeitig ins Bett gehen und sofort einzuschlafen versuchten, das war Teil 1 des Vertrags, und dafür durften wir ein paar Stunden später Teil 2 einlösen: Morgens um 4 Uhr Schweizer Zeit wollten wir wieder aufstehen. Es war noch stockfinster draussen, aber drinnen flimmerte schon der Schwarz-Weiss-TV-Kasten, wurde die Wohnstube zum Boxring.

Zuerst war er für uns Clay, dann, als er seinen Namen änderte, halt einfach Ali. Für uns Jugendliche war seine Namensänderung nur schwer nachvollziehbar, wir wollten uns nicht mit seinem Glauben beschäftigen, vielmehr mit seinen Fäusten. Ali gegen Frazier, Ali gegen Foreman, Ali gegen Norton, Ali gegen Spinks – wir sassen im Pyjama vor dem Fernseher, und selbst die Nachbarn unten und oben begriffen, dass die vier Bucher-Buben ausnahmsweise nicht den üblichen Radau machten, sondern – inzwischen aus den Wolldecken hervorgekrochen und aufgestanden – auf dem Stubenteppich lediglich den Ali-Shuffle imitierten.

Lange dauerten die Kämpfe, es waren zu unserem nächtlichen TV-Glück selten Fights, bei denen schon nach einer Runde oder nach zwei Runden das Handtuch geworfen wurde. 10, 12 15 Mal bimmelte die Glocke zur nächsten Runde, und Nummern-Girls gab es damals noch nicht, zum Glück irgendwie, denn dann hätte es sich der Vater vielleicht doch anders überlegt.

Vor der 16. Runde gings dann für vielleicht noch eine Stunde ins Bett. Wie bitte? Die 16. Runde? Ja, die fand dann auf dem Schulhausplatz in der grossen Pause statt. Für einige Tage verdrängte Ali sogar das traditionelle Fussballmätschli. Es wurde geboxt, jeder wollte Ali sein. Erlaubt waren nur Treffer auf den Oberleib, und doch musste der Lehrer nach dem Pausengong dem einen oder anderen ein Taschentuch reichen, damit die blutende Nase getrocknet werden konnte.

Nun frage ich zwei jüngere Kollegen auf der Redaktion, ob sie den Ali-Shuffle kennen würden, diese tänzelnde Beinkombination, mit der Ali jeweils seinen Gegner verunsicherte. Schweigen. Ach, wie tröstlich ist es, dass mein 12-jähriger Sohn gestern Vormittag, als ich ihm mitteilte, der beste Boxer aller Zeiten sei gestorben, mich nicht mit einem biederen «Klitschko» enttäuscht hat, sondern antwortete: «Du meinst diesen Ali, den Mann, wegen dem ihr früher in der Nacht TV schauen durftet!»

Turi Bucher

Der legendäre «Rumble in the Jungle» 1974 in Kinshasa: Ali schlägt George Foreman nieder. (Bild: Keystone/Ed Kolenovsky)

Der legendäre «Rumble in the Jungle» 1974 in Kinshasa: Ali schlägt George Foreman nieder. (Bild: Keystone/Ed Kolenovsky)

Ali, der politische Mensch, zusammen mit Bürgerrechtler 
Martin Luther King (rechts). (Bild: Keystone/Ed Kolenovsky)

Ali, der politische Mensch, zusammen mit Bürgerrechtler Martin Luther King (rechts). (Bild: Keystone/Ed Kolenovsky)