Analyse

Ein Mythos steht auf dem Spiel: Warum die verhärteten Fronten am Lauberhorn gefährlich sind

Die neuste Eskalationsstufe im Streit um die Verteilung der Gelder am Lauberhorn zeigt, wie unterschiedlich die Parteien ticken. Das Organisationskomitee und Swiss Ski könnten am Ende beide verlieren. Eine Analyse des Konflikts.

Claudio Zanini
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Einst absurde Szenarien sind in der Corona-Krise greifbar geworden. Viele vermeintlich unverrückbare Leuchttürme der Sportwelt wurden kurzfristig versenkt. Dass ein Sommer ohne Olympia, Wimbledon und Fussball-EM bevorsteht, haut keinen mehr aus den Socken. Früher oder später werden die Anlässe zurückkehren. Aber können wir uns vorstellen, dass Grossereignisse unabhängig von der Pandemie langfristig verschwinden? Etwa das Lauberhornrennen ab 2022? Keine Sprünge mehr über den Hundschopf vor stahlblauer Bergkulisse? Ist das möglich?

Eine solche Zukunft skizzierte der Schweizer Skiverband Swiss-Ski am Mittwoch in der Online-Sitzung des Weltcup-Komitees der FIS. Der Schweizer Vertreter, Männer-Cheftrainer Tom Stauffer, beantragte, die Lauberhornrennen ab 2022 zu streichen. In der langfristigen Planung der FIS steht nun Mitte Januar 2022 nicht «Wengen», sondern «SUI» als Platzhalter. Da die Vergabe von Weltcup-Rennen in der Schweiz Sache des Landesverbandes ist, entscheidet Swiss-Ski, wo die Wettkämpfe stattfinden – oder eben nicht.

Ein Bild der letzten Austragung: Am 18. Januar 2020 fand in Wengen die Weltcup-Abfahrt statt. Sieger war Beat Feuz.

Ein Bild der letzten Austragung: Am 18. Januar 2020 fand in Wengen die Weltcup-Abfahrt statt. Sieger war Beat Feuz.

Peter Klaunzer/Keystone

Wengen will noch mehr Geld

Das Vorgehen hebt den seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen Swiss-Ski und dem Wengener Organisationskomitee auf ein neues Level. Dem Streit liegen finanzielle Unstimmigkeiten zu Grunde. Die Berner Oberländer wollen einen grösseren Teil der Marketing- und Sponsoringeinnahmen. Schon jetzt gibt der Skiverband 2,2 Millionen Franken ab. Höhere finanzielle Forderungen will Swiss-Ski partout nicht erfüllen. Deshalb zogen die Wengener 2018 vor den internationalen Sportgerichtshof in Lausanne. Mittlerweile liegt ein nicht öffentliches Zwischenurteil vor, über dessen Inhalt schweigen sich die Parteien aus. Doch angesichts des jetzigen Konfliktverlaufs, ist anzunehmen, dass der Entscheid aus Lausanne am Lauberhorn auf Wohlwollen stiess.

Aus Sicht des Skiverbands sind die finanziellen Forderungen aus Wengen darum unverhältnismässig, weil die Oberländer jetzt schon am meisten kassieren. Mit den 2,2 Millionen Franken kriegen sie doppelt so viel Geld wie der zweitbestverdienende Schweizer Veranstalter. In Wengen beläuft sich das Budget auf 8,7 Millionen Franken. Dennoch schreibt der Anlass rote Zahlen. 2019 betrug das Defizit 270000 Franken; wohlgemerkt bei einem Zuschauerrekord.

Urs Näpflin, seit 2014 OK-Chef der Lauberhornrennen.

Urs Näpflin, seit 2014 OK-Chef der Lauberhornrennen.

PD

Wie unterschiedlich die Auffassungen sind, zeigt sich auch in der Frage der Kommerzialisierung. Das Lauberhorn-OK unter dem gebürtigen Wengener Urs Näpflin veranstaltet den Anlass im Sinne einer Denkmalpflege, mit der Modernisierung tut man sich schwer. Auf der anderen Seite steht der Skiverband, der unter dem Aargauer Urs Lehmann noch vehementer vermarktet wurde und einen Aufstieg erlebte, der in der abgelaufenen Saison mit dem Sieg in der Nationenwertung einen vorläufigen Höhepunkt fand.

Kein Werbebanner, dafür eine Flugshow

Hinter vorgehaltener Hand kritisieren Vertreter von Swiss Ski die träge Marketingstrategie im Berner Oberland. Als der Skiverband vorschlug, mit einem Werbebanner über dem Hundschopf zusätzliche Sponsoringeinnahmen zu generieren, lehnte das OK ab. Langfristig sei das unverstellte Gipfelpanorama der bessere Wert, hiess es. Werbung, wie sie ein Getränkehersteller an der Hausbergkante in Kitzbühel macht, würde Schätzungen zur Folge 300 000 Franken einbringen. Warum ein Banner das romantische Bergpanorama verschandelt, eine ökologisch fragwürdige Flugshow der Armee hingegen nicht, bleibt das Geheimnis der Wengener.

Geht es nach Swiss Ski, müsste über dem Hundschopf längst ein Werbebanner hängen.

Geht es nach Swiss Ski, müsste über dem Hundschopf längst ein Werbebanner hängen.

Stephan Engler

Die Fronten der beiden Lager sind verhärtet. Und es ist nicht anzunehmen, dass die Alphatiere Näpflin und Lehmann sich zeitnah entgegenkommen werden. In einer Medienmitteilung bezeichnen die Wengener das Verhalten von Swiss Ski als der Partnerschaft «unwürdig». Und weiter würde der Verband den internationalen Skirennsport «brüskieren». Dass die Sache enorm heikel ist, zeigt der Fakt, dass Lehmann, der oberste Chef bei Swiss-Ski, sich derzeit nicht zum Konflikt äussern will. An seiner Stelle übernimmt der Luzerner Bernhard Aregger, der CEO des Skiverbands, die Kommunikation. Lehmann möchte in der Öffentlichkeit kaum als Totengräber des Abfahrtsklassikers in Erscheinung treten, zumal ihn das Stimmen kosten könnte bei der Wahl ums Amt des FIS-Präsidenten.

Urs Lehmann, Präsident Swiss Ski.

Urs Lehmann, Präsident Swiss Ski.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Der Kanton soll helfen

Den Konflikt auf eine neue Eskalationsstufe zu hieven, könnte ein bewusstes Vorgehen von Swiss Ski sein, um den Druck auf die Veranstalter, aber auch die Politik zu erhöhen. Ginge es nach Swiss Ski müsste der Kanton Bern seine Weltcup-Veranstaltungsorte noch mehr unterstützen. Dass die involvierten Parteien den Mythos Lauberhorn sterben lassen, ist aktuell nicht vorstellbar. Finden sich die Parteien nicht, könnte es am Ende ausschliesslich Verlierer geben. Schlimmstenfalls würde die Schweiz ihr Weltcup-Wochenende im FIS-Kalender komplett verlieren.

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