Kolumne

Nachspielzeit-Blog: «Corona hat unseren Fussball im Griff» – «Als TV-Zuschauer gewöhne ich mich schnell an Geisterspiele»

Wegen des Corona-Virus ist nun auch der internationale Fussball gefährdet. Die beiden Reporter Markus Brütsch und Raphael Gutzwiller debattieren im Nachspielzeit-Blog über Medizin und Spiele ohne Zuschauer.

Raphael Gutzwiller und Markus Brütsch
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Leere Ränge in der Serie A: Jubel bei Juventus gegen Inter ohne Zuschauer.

Leere Ränge in der Serie A: Jubel bei Juventus gegen Inter ohne Zuschauer. 

Marco Alpozzi / AP

Brütsch: Raphael, ich habe das ungute Gefühl, dass es wegen des Corona-Virus bald ganz vorbei ist mit dem «normalen» Fussball in Europa. Ich meine damit, dass auch in Deutschland in der Bundesliga keine Zuschauer mehr zugelassen werden, in Italien die Serie A unterbrochen und vielleicht sogar abgebrochen wird, bald auch England die Konsequenzen ziehen muss und die Premier League mit Geisterspielen fortgesetzt wird. Und was in der Schweiz passiert, steht ohnehin in den Sternen.

Gutzwiller: Das ist doch einfach eine blöde Situation für alle: Spieler, Fans, Vereine. Immerhin sind in den grossen Ligen dank den grossen Fernsehgelder durch Geisterspiele immerhin nicht die Vereine selber gefährdet. Die Entwicklung bei uns –wo sich Vereine und Liga noch gegen Geisterspiele wehren – und diejenige in Italien gibt mir aber schon sehr zu denken. Wie haben dir die Geisterspiele in der Serie A gefallen an diesem Wochenende? 

Brütsch: Besser als erwartet. Mühsam war zwar, bis am Sonntag endlich der Ball rollte. Der italienische Sportminister hatte am Morgen die Absage aller Spiele, also den Verzicht auf Geisterpartien, gefordert. Deshalb wurde ab 12.30 Uhr in Parma und an anderen Orten erst einmal während 75 Minuten diskutiert, ob nun gespielt werden soll, oder nicht. Die Partie war dann nicht einmal schlecht und der VAR hat mit korrekten Eingriffen dazu beigetragen, dass Ferrara mit einem 1:0-Sieg den letzten Strohhalm im Abstiegskampf ergreifen konnte. Am Abend habe ich dann noch Juve gegen Inter geschaut und hatte das Gefühl, mich am Fernsehen bereits an Partien ohne Zuschauer gewöhnt zu haben. Das Niveau war gut und wäre wohl auch mit Publikum nicht viel höher gewesen. Und jubeln können die Spieler auch im leeren Rund. Wie Paulo Dybala sein Tor zum 2:0-Endstand zelebriert hat, war schon sehr erstaunlich. Auch wenn es in diesem Spiel um viel ging und Juve wieder die Tabellenführung vor Lazio einbrachte.

Gutzwiller: Für die Spieler selber sind Geisterspiele ja gar nicht so ungewöhlich. Aus ihrer Zeit in der Jugend oder von Testspielen kennen sie ja auch Spiele ohne die grossen Zuschauermengen. Und wer sieht, wie jeweils Amateurfussballer jubeln, überrascht es doch nicht gross, dass Paulo Dybala bei einem wichtigen Tor so jubelt – Zuschauer hin- oder her. Im Innern sind ja selbst hochbezahlte Fussballprofis immer noch die selben kindliche Fussballer von früher, die sich bei jedem Tor sehr freuen. Was mir mehr Angst macht, ist die Tatsache, dass in Italien selbst keine Geisterspiele mehr stattfinden. Fussball ohne Zuschauer geht als TV-Konsument einigermassen, gar kein Fussball wäre noch viel schlimmer. Wobei: Ein Derby zwischen Dortmund und Schalke ohne Zuschauer ist halt schon auch nicht das Wahre.

Brütsch: Darauf müssen wir uns aber einstellen. Und uns fragen, was mit den Europacupspielen in dieser Woche geschieht. Die L'Equipe hat heute berichtet, das Champions-League-Spiel PSG gegen Dortmund sei gefährdet und könne bestenfalls als Geisterspiel ausgetragen werden. Und: Können die Fans des FC Basel ihre Reise am Donnerstag nach Frankfurt planen?

Gutzwiller: Wenn ich Fan des FC Basel wäre, würde ich alles Gebuchte stornieren. Ich glaube, dass fast alle Spiele in dieser Woche als Geisterspiele ausgetragen werden. Doch wenn der Zustand nur für zwei, drei Wochen so ist, geht es ja noch. Schlimm an der ganzen Debatte ist halt die Tatsache, dass wir alle keine Ahnung haben, wann dieser Ausnahmezustand endlich vorbei wäre. Stell dir mal vor: St. Gallen wird im Sommer sensationeller Schweizer Meister - spielt die letzten 13 Runden aber ohne Zuschauer und selbst eine Meisterfeier darf nicht stattfinden. Ein Horror selbst für mich als neutraler Fussballfan. 

Brütsch: Ja, die Ungewissheit ist schon mühsam. Ich rechne damit, wenn man das in dieser Situation überhaupt tun sollte, dass in den grossen Ligen und wohl auch auf internationaler Ebene die Saison mit Geisterspielen fortgesetzt und zu Ende gespielt wird. Was macht aber die Swiss Football League, deren Klub so sehr auf die Matcheinnahmen angewiesen sind? Fragen über Fragen. Man kann nur spekulieren.

Gutzwiller: So sprachlos wie heute waren wir in der Nachspielzeit ja noch nie! Dabei gäbe es ja durchaus auch spannende Diskussionsthemen sportlicher Natur. Zum Beispiel die, dass in Deutschland jetzt plötzlich Dortmund statt Leipzig gegen die Bayern um den Meistertitel spielt.

Brütsch: Die Leipziger haben eine Baisse. Es scheint, dass ihnen etwas die Luft ausgeht. Das kann aber auch nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Dortmund hat am Samstag in Mönchengladbach beim 2:1-Sieg schon etwas Glück gebraucht, um als Sieger vom Platz zu gehen. Aber es ist eindeutig: Seit Emre Can und Erling Haaland dabei sind, ist der BVB physisch stärker und stabiler. Und leider muss man auch das sagen: Seit der Schweizer Nationalspieler Manuel Akanji nicht mehr spielt, sind die Dortmunder defensiv besser. Aber die Bayern...

Gutzwiller: ...sind halt schon auch überzeugend in den letzten Wochen. Gegen Augsburg mussten sie zwar nicht glänzen, aber sie siegen dann doch mit 2:0 und einigermassen souverän. Seit Hansi Flick Trainer bei den Bayern ist, scheint es plötzlich zu funktionieren. Spieler wie Thomas Müller blühen wieder auf. Und selbst die Verletzung von Robert Lewandowski spürt man kaum. Das ist schon beeindruckend – und typisch Bayern-like. 

Brütsch: Gegen Augsburg haben ausgerechnet die von Bundestrainer Jogi Löw aussortierten Boateng und Müller den Bann gebrochen. Traumpass Boateng, Traumdirektabnahme Müller. Aber danach schliefen die Bayern wieder ein und Augsburg hatte durch Niederlechner zwei unglaubliche Chancen zum 1:1. Aber du hast schon recht: Unter Flick schöpfen die Münchner ihr Potenzial viel mehr aus. Ich bin jetzt schon gespannt auf den Direktvergleich mit dem BVB am 4. April in Dortmund.

Gutzwiller: Und die Stimmung auf den Rängen des berüchtigten Signal-Iduna-Parks wird bestimmt brodeln – so ganz ohne Zuschauer. 

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