Nachspielzeit-Blog: «St. Gallen schafft das Wunder und wird Meister» -  «Nein, denn am Schluss kommt es auf die Erfahrung an»

Welche Erkenntnisse hat das Fussball-Wochenende geliefert? Wer fällt auf und wer fällt ab im Schweizer Spitzenspiel? Und was ist der Unterschied zwischen dem FC St. Gallen und Leicester City? Nachspielzeit für unsere Fussball-Reporter Raphael Gutzwiller und Markus Brütsch. Lesen Sie ihre lebhafte Diskussion. 

Raphael Gutzwiller und Markus Brütsch
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Grosser Jubel beim neuen Leader FC St. Gallen: Betim Fazliji, Jeremy Guillemenot, Leonidas Stergiou und Silvan Hefti.

Grosser Jubel beim neuen Leader FC St. Gallen: Betim Fazliji, Jeremy Guillemenot, Leonidas Stergiou und Silvan Hefti.

Andy Mueller / Freshfocus (Basel, 2. Februar 2020)

Gutzwiller: Markus, es ist eingetreten, was wir beide vor einer Woche an dieser Stelle nicht gedacht haben! St. Gallen hat gegen Basel 2:1 gewonnen, YB gegen Luzern mit 0:2 verloren. Damit ist der FCSG Tabellenführer. Werden die Ostschweizer jetzt auch Schweizer Meister?

Brütsch: Du meinst, ob sie eine ähnliche Geschichte schreiben wie 2016 Leicester mit dem Gewinn der Premier League? Im Moment spielen sie schon so, dass es dafür reichen könnte. Die Frage ist, ob sie ihren Powerfussball noch 16 Runden lang auf den Platz bringen.

Gutzwiller: Wobei es gibt ja schon gewaltige Unterschiede des Leicester-Meisterteams und der Spielweise der St. Galler. Leicester gewann ja fast alle Spiele mit 1:0. Sie waren vor allem defensiv sehr stark. So gesehen, wäre aus sportlicher Sicht ein Meistertitel der offensiven St. Galler ja fast noch schöner! Lange habe ich geglaubt, irgendwann verlieren die Ostschweizer den Anschluss - doch sie sind inzwischen besser als je zuvor. Darum glaube ich schon, dass sie das durchziehen können!

Brütsch: Natürlich wäre es schön, wenn eine so offensiv eingestellte Mannschaft den Titel gewinnt. Ich bezweifle aber, dass die jungen Spieler damit klarkommen, wenn der grosse Erfolg näher rückt. Da ist eine ganz besondere Mentalität gefragt. Erfahrung eben.

Gutzwiller: Da bin ich wohl einfach der Fussball-Optimist! Ich glaube immer daran, dass der Kleine das Wunder schaffen kann. Ein Meistertitel für den im Vergleich zu YB und Basel kleinen FC St. Gallen. Das wäre für den Schweizer Fussball ja eine wunderschöne Geschichte. Als neutraler Zuschauer hoffe ich darauf. Es ist doch eigentlich etwas, was man nicht mehr für möglich gehalten hat. Oder? Gut, sind wir ehrlich, das liegt auch ein bisschen an der Konkurrenz. Basel hat jetzt drei Mal in Folge verloren und YB hat gegen Luzern auch nicht gerade geglänzt.

Brütsch: Ich habe Basel noch selten so schlecht gesehen wie gestern in der zweiten Halbzeit. Da sind sie so richtig geschwommen. Auffallend war, wie viel spritziger die St. Galler auftraten, wie behäbig dagegen der FCB. Da war überhaupt kein Tempo mehr im Spiel. Ich sage jetzt nicht, Okafor...

Hätte er Basel gegen St. Gallen geholfen? Noah Okafors Abgang gibt zu reden.

Hätte er Basel gegen St. Gallen geholfen? Noah Okafors Abgang gibt zu reden. 

Yuri Kochetkov / EPA

Gutzwiller: Come on! Auf den Abgang von Noah Okafor nach Salzburg kannst du diese Leistung jetzt echt nicht schieben. Er hat sich ja offenbar echt schlecht verhalten im Training und im Spitzenspiel gegen YB gar seinen Wechsel erstreikt. Zudem: Wann bitteschön hat Okafor zum letzten Mal so gut gespielt, wie er sich selber sieht?  

Brütsch: Aus Basler Sicht würde ich ihm aus charakterlichen Gründen auch keine Träne nachweinen. Und es stimmt ja auch, dass er im Herbst schwach war. Aber wenn dann wie gegen St. Gallen ein Pululu die letzte Hoffnung ist, dem Spiel noch eine Wende zu geben, dann ist das bedenklich.

Gutzwiller: Aber alleine darauf kann man jetzt die Basler Niederlage schon auch nicht schieben. Das Basler Kader ist ja auf dem Papier immer noch besser besetzt als das St. Galler, aber die Ostschweizer haben einfach viel mehr Biss. Apropos fehlendem Biss: Wie hast du YB beim 0:2 gegen Luzern gesehen?

Brütsch: YB hat enttäuscht! Es muss besser spielen, wenn es wieder Meister werden will. Das Angriffsspiel war zu wenig zwingend. Ich habe den nach Spanien ausgeliehenen Assalé vermisst. Ob die Berner diesen Transfer nicht noch bereuen?

Gutzwiller: Assalé habe selbst ich vermisst. Es hat an Spielwitz gefehlt! YB hat es ja mit Ngamaleu neben Nsame im Sturm probiert, wirklich zwingend fand ich ihn aber wie die gesamte YB-Offensive nicht. Da finde ich auch die Worte der Berner nach dem Spiel komisch. Sie sagten, sie hätten abgesehen von der Schlussphase ein gutes Spiel gemacht. Klar, YB hatte viel mehr Torschüsse als Luzern - aber dominant war das nicht. Und die gelb-rote Karte gegen Cédric Zesiger war zwar hart, aber auch ziemlich dumm. Bei seiner ersten gelben Karte stand er beim Auskick vor Torhüter Müller. Die Innerschweizer wird es freuen, dass ausgerechnet Fabian Lustenberger das Eigentor geschossen hat! 

Brütsch: Apropos Innerschweizer: Drei Siege in Serie, das hätte ich dem FC Luzern nie und nimmer zugetraut. Und die Gegner Basel, Zürich und YB waren ja keine Laufkundschaft.

Gutzwiller: Die Innerschweizer sind wieder wer! Auch wenn der erste Sieg gegen Basel noch unter Häberli war: Denkst du die guten Leistungen zum Rückrundenstart liegen an Fabio Celestini?

Brütsch: Zum Teil sicher. Aber die Luzerner waren in diesen drei Spielen die Aussenseiter, das machte ihre Aufgaben leichter. Es würde mich nicht wundern, wenn sie sich am Sonntag mit der Favoritenrolle schwer tun und in Neuenburg verlieren.

Fabio Celestini ist erfolgreich in sein Abenteuer mit dem FC Luzern gestartet.

Fabio Celestini ist erfolgreich in sein Abenteuer mit dem FC Luzern gestartet.

Bild: Keystone

Gutzwiller: Ja, das wäre doch typisch für die Luzerner... Übrigens glaube ich, dass sich auch St. Gallen gegen Servette schwer tun könnte - aber am Schluss gewinnen sie irgendwie doch und bleiben Leader. 

Brütsch: Servette gewinnt! Das war nämlich einst mein Lieblingsklub. Barlie, Guyot, Dörfel, Schindelholz, Pfister - fantastisch!

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