Steht Michael Lauber vor dem Aus? – Die Vorwürfe gegen die Bundesanwaltschaft mehren sich

Fussball-Boss reicht neues Ausstandsgesuch ein, Sonderermittler untersucht Leck bei Lauber-Behörde. 

Henry Habegger
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Immer noch mehr Ärger: Bundesanwalt Michael Lauber.

Immer noch mehr Ärger: Bundesanwalt Michael Lauber. 

Bild: Peter Klaunzer / KEYSTONE

Der Betrugs-Prozess um das «Sommermärchen», die Fussball WM 2006 in Deutschland, ist eben erst vor Bundesstrafgericht in Bellinzona sang- und klanglos verjährt. Für September 2020 ist dort schon der nächste Prozess angesetzt, der durch die Geheimtreffen von Bundesanwalt Michael Lauber mit Fifa-Chef Gianni Infantino schwer beschädigt ist und am Pfusch von Laubers Truppe zu scheitern droht.

Bei diesem Korruptions-Verfahren steht der Vorwurf im Raum, dass Nasser Al Khelaifi, ein Milliardär aus Katar, und ein anderer Geschäftsmann den ehemaligen Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke vor Jahren bestochen haben, um im Gegenzug zu Medienrechten zu kommen. Ein Teil dieser Vorwürfe ist Anfang Jahr bereits weggebrochen, weil die Fifa ihre Privatklage zurückzog: Zuvor hatte sie mit Al Khelaifi eine «gütliche Einigung» unbekannten Inhalts abgeschlossen.

PSG-Boss stellt weiteres Ausstandsgesuch

Al Khelaifi hat beim Bundesstrafgericht in Bellinzona jetzt erneut ein Ausstandsgesuch gegen die Vertreter der Bundesanwaltschaft eingereicht, wie sein Genfer Anwalt Grégoire Mangeat bestätigt. Das kritisierte Verfahren wird vom Staatsanwalt des Bundes Joël Pahud geführt.

Das ist heikel, weil Khelaifi seit letztem Jahr Mitglied des Exekutivkomitees der Uefa ist und die Frau von Ermittler Pahud in der Uefa-Rechtsabteilung arbeitet. Khelaifi ist auch Präsident des Fussballklub Paris Saint-Germain (PSG), der mit der ganz grossen Kelle anrichtet und Stars wie Neymar Jr. oder Kylian Mbappé beschäftigt. 

Beschuldigter Nasser Al-Khelaifi (links), Milliardär aus Katar und Boss des Fussballklubs PSG, mit seinem Angestellten Neymar Jr.

Beschuldigter Nasser Al-Khelaifi (links), Milliardär aus Katar und Boss des Fussballklubs PSG, mit seinem Angestellten Neymar Jr. 

Bild: Christophe Petit Tesson / EPA

Erst im April hatte das Bundesstrafgericht ein erstes Ausstandsgesuch von Al Khelaifi abgelehnt, das letztes Jahr eingereicht worden war.

Auslöser dieses neuen Gesuchs sind jetzt vorab Erkenntnisse aus der Disziplinarverfügung der Aufsichtsbehörde AB-BA gegen den Bundesanwalt. In dieser Verfügung wird Michael Lauber eine ganze Reihe von Verstössen vorgeworfen. So habe er mehrfach die Unwahrheit gesagt und seine Amtspflichten verletzt – dies im Zusammenhang mit den ominösen Treffen mit Fifa-Boss Gianni Infantino. An eines der Treffen kann sich keiner der vier verbrieften Teilnehmer – auch Laubers Pressechef André Marty und Infantinos Busenfreund, der Walliser Staatsanwalt Rinaldo Arnold waren dabei – angeblich mehr erinnern.

«Organisierte» Gesetzesverstösse

Wegen derartigen Manövern können Beschuldigte mit einiger Aussicht auf Erfolg vorbringen, dass sie kein faires Verfahren erhalten. Anwalt Mangeat begründet das neue Ausstandsgesuch mit organisiertem Fehlverhalten in Laubers Behörde: «Die Bundesanwaltschaft hat die Umgehung der Grundprinzipien der Strafprozessordnung so organisiert, dass sie auf allen Ebenen der Institution wirkte. Also von der Spitze, dem Amtsleiter der Bundesanwaltschaft, bis hinunter zu den einzelnen Mitgliedern der Task Force FIFA und den Verfahrensleitern.»

Zudem wirft der Anwalt des Milliardärs der Bundesanwaltschaft vor, sie greife «entweder zu Unwahrheiten oder zu Omertà, um die Wahrheit zu verstecken». 

Laubers abenteuerliche Amtsführung liefert Beschuldigten derzeit endlos Stoff für Beschwerden und bedroht jetzt auch den Korruptionsprozess. Es ist völlig unklar, welche Rolle das «vergessene» Treffen von Bundesanwalt und Fifa-Boss in Bezug auf das Verfahren spielte, das die Bundesanwaltschaft seit März 2017 gegen den Katarer Al Khelaifi führt. Das «vergessene» Treffen fand am 16. Juni 2017 statt. Nur zwei Wochen zuvor hatte sich die Fifa in dem Verfahren als Privatklägerin konstituiert. Ging es beim geheimen Treffen (auch) um dieses Verfahren?

Der Verdacht steht sogar im Raum, dass ein mit dem Verfahren befasster Staatsanwalt als «fünfter Mann» an dem Geheimtreffen teilnahm. Innerhalb der Bundesanwaltschaft gibt es Leute, die sagen, dieser Mann sei Joël Pahud gewesen. Das wäre besonders fatal, weil Pahud die Anklage im Verfahren gegen Valcke und Al Khelaifi vertritt.

Sonderermittler soll Leck untersuchen

Die Anwälte von Al-Khelaifi haben noch ein zweites Verfahren in Gang gesetzt. Sie werfen der Bundesanwaltschaft Amtsgeheimnisverletzung im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen Al-Khelaifi vor. Anwalt Mangeat:

«Wir haben im Februar die Einleitung eines Strafverfahrens verlangt, nachdem wir festgestellt haben, dass Journalisten Zugang zu Dokumenten aus diesem Strafverfahren hatten – und zwar schon zum dritten Mal seit 2018.»

Da der Fall natürlich nicht durch die Bundesanwaltschaft selbst untersucht werden könne, habe die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft (AB-BA) einen ausserordentlichen Staatsanwalt eingesetzt. «Am 20. März 2020 wurde ein Verfahren wegen Amtsgeheimnisverletzung gegen unbekannt eröffnet», sagt Mangeat. Eine Stellungnahme der AB-BA war kurzfristig nicht zu erhalten.

Lauber schwimmen alle Felle davon

Dem Bundesanwalt Michael Lauber schwimmen die Felle derzeit rapide davon. Die Parteien SP und CVP fordern nun offen seinen Rücktritt. Geht er nicht von selbst, soll er des Amts enthoben werden. Auslöser ist auch hier der Bericht der Aufsichtsbehörde.

Selbst Fifa-Boss Gianni Infantino, mit dem sich Lauber mehrmals im Geheimen getroffen hatte, erhöht den Druck und fordert, dass die Bundesanwaltschaft (BA) das Strafverfahren gegen seinen Vorgänger Sepp Blatter weiterführt. Wenn doch, droht die Fifa mit Rechtsmitteln, wie ein Sprecher auf Anfrage sagt:

«Die Fifa wird alle rechtlichen Optionen prüfen, um sicherzustellen, dass die fraglichen Personen zur Rechenschaft gezogen werden.»

Die BA plant, eines von zwei Ermittlungsverfahren gegen Blatter einzustellen. Obwohl ein Schweizer Polizeibericht den ehemaligen Fifa-Chef offenbar belastet. Immer auffälliger wird daher eine für Experten seit jeher unhaltbare Konstellation: Blatter hat den gleichen Anwalt wie Lauber. Der Zürcher Strafverteidiger Lorenz Erni verteidigt Blatter in dessen Strafverfahren bei der Bundesanwaltschaft. Und er berät den Bundesanwalt in dessen Rechtshändeln gegen die eigene Aufsicht AB-BA.

Rolle von Anwalt Erni kommt in den Fokus

Ein Experte ist überzeugt, dass hier eine schwerwiegende Interessenkollision vorliegt: «Um Lauber im Aufsichtsverfahren verteidigen zu können, musste Erni vollen Einblick in die Akten der Fussball-Verfahren haben. Dieses Wissen wiederum kann er für Blatters Verteidigung verwenden, der in einem dieser Verfahren beschuldigt ist.»

Es gilt für alle Erwähnten die Unschuldsvermutung.

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