Turbulenzen ohne Ende: Der Ex-Präsident des St.Galler Turnverbands tritt zwei Wochen nach seiner Wahl in die STV-Ethikkommission schon wieder zurück

Der Ex-Präsident des St. Galler Turnverbands, Dominik Meli war seit knapp zwei Wochen als «unabhängiges Mitglied» in die neu geschaffene Ethikkommission des Schweizerischen Turnverbands (STV) gewählt. Nach Misstönen um die Unabhängigkeit seiner Person hat der STV am Mittwoch die Reissleine gezogen: Meli tritt das Amt trotz erfolgter Wahl nicht an.

Odilia Hiller
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Dominik Meli, Ex-Kantonalpräsident des St.Galler Turnverbands, verlässt die Ethikkommission des Schweizerischen Turnverbands zwei Wochen nach seiner Wahl wieder.

Dominik Meli, Ex-Kantonalpräsident des St.Galler Turnverbands, verlässt die Ethikkommission des Schweizerischen Turnverbands zwei Wochen nach seiner Wahl wieder.

Turbulenzen im Turnsport und kein Ende: Die sechsköpfige, frisch ins Leben gerufene Ethikkommission des Schweizerischen Turnverbands (STV) ist zwei Wochen nach der Wahl ihrer Mitglieder durch die Abgeordneten der STV-Mitgliederverbände bereits um ein Mitglied ärmer. Dominik Meli, ehemaliger Kantonalpräsident des St.Galler Turnverbands, tritt seine Wahl nicht an. Da waren's nur noch fünf, die beim STV für einen sauberen Turnsport garantieren sollten.

Der Zwischenfall tritt ein, noch bevor die neu geschaffene Aufsichtsbehörde ihre Arbeit aufnehmen konnte. Diese besteht in der Untersuchung möglicher Verstösse gegen die Ethikrichtlinien innerhalb des STV.

Der Nichtantritt Melis als Kommissionsmitglied erfolgt gemäss Ethikkommission freiwillig, dürfte ihm aber seitens STV-Führung nahegelegt worden sein. Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Kantonalpräsident sind Vorwürfe zu eigenen Versäumnissen Melis bei Meldungen zu Ethikverstössen laut geworden.

Daniel Mägerle ist frisch gewählter Präsident der Ethikkommission des Schweizerischen Turnverbands.

Daniel Mägerle ist frisch gewählter Präsident der Ethikkommission des Schweizerischen Turnverbands.

Bild: PD

Viel Kopfschütteln über Personalwahl

Die Wahl Melis, der erst Anfang Jahr als langjähriger St. Galler Kantonalturnvater abgetreten war, in die neue interne Aufsichtsstelle des STV löste in manchen Kreisen so viel Kopfschütteln aus, dass die Personalie nun bereits wieder Geschichte ist. Den Abgang bestätigt der Präsident der Ethikkommission, der Winterthurer Anwalt Daniel Mägerle, auf Anfrage von CH Media. Der STV hat im Anschluss an die Anfrage am Donnerstag eine Medienmitteilung publiziert.

Die Ethikkommission hat sich Unabhängigkeit gemäss Geschäftsreglement gross auf die Fahne geschrieben und wird demnächst, voraussichtlich noch vor Ende Jahr, ihre erste Aufgabe angehen: die Causa Kunstturnen Frauen. In der als «Magglingen-Protokolle» bekannt gewordenen «Magazin»-Recherche hatten Kunstturnerinnen Ende Oktober bis anhin nicht bekannte, schwere Vorwürfe gegen Frauennationaltrainer Fabien Martin erhoben. Diese zu untersuchen, ist nun Aufgabe der Ethikkommission des STV.

«Nicht von unserer Aufgabe ablenken»

«Wir möchten die Aufnahme unserer Arbeit nicht durch Misstöne gefährden, geschweige denn zum jetzigen Zeitpunkt von unserer Aufgabe ablenken», sagt der Anwalt zum Ausscheiden Dominik Melis. Es sei wichtig, dass die Unabhängigkeit bei jedem Mitglied der Kommission unumstritten sei. Inhaltlich könne und wolle er zu den Vorwürfen gegen Meli keine Stellung nehmen, da sie ihm völlig neu seien. Er kenne Dominik Meli nicht persönlich und habe erst einmal mit ihm telefoniert.

Gemäss Recherchen dieser Zeitung erheben vor allem Stimmen aus dem Umfeld des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz (RLZO) für Kunstturnen in Wil den Vorwurf mangelnder Eignung Melis für das Amt in der Ethikkommission. Dieser Zeitung namentlich bekannte Personen haben ihre Bedenken unter anderem in einem Brief an die Mitglieder der Sportkommission des Ständerats kundgetan, sich aber auch direkt an die STV-Spitze gewandt. Sie möchten aus Furcht vor weiteren Repressalien von Verbandsseite nicht an die Öffentlichkeit treten.

Zwei Brüder in zentralen Gremien des Turnverbands

Im Brief geht es einerseits um die familiäre Nähe Dominik Melis zum Präsidenten der Geschäftsprüfungskommission des STV, Markus Meli: Die beiden sind Brüder. Wo hier die Unabhängigkeit sei, fragen die Briefeschreiber. Nebst der Tatsache, dass einmal mehr ein Amt innerhalb des sehr engen «Inner Circle» der Turnfamilie vergeben wurde, beanstanden die Verfasser auch Melis Rolle um die verschiedenen, teils jahrelangen Querelen am RLZO. Namentlich waren dies Vorwürfe von Vetternwirtschaft im ehemaligen Vorstand, Mobbing an zwei Geschäftsführerinnen sowie ein mutmasslicher sexueller Übergriff des Ex-Cheftrainers der Frauen an einer minderjährigen Kunstturnerin, der zurzeit Gegenstand einer Strafuntersuchung der St. Galler Staatsanwaltschaft ist.

Meli habe als Vermittler und kantonaler Verantwortlicher wiederholt «sehr altmodische» und fragwürdige Entscheidungen getroffen, die meist zuungunsten der Personen ausgefallen seien, welche Missstände im Kunstturnen und am RLZO gemeldet hätten. Im Grossen und Ganzen sei Meli beim Unter-dem-Deckel-Halten und Nichtbeachten von Vorwürfen äusserst verbandstreu vorgegangen. Was die Frage aufwerfe, inwiefern er als unabhängiges Mitglied einer Ethikkommission einen Beitrag zur seriösen, zeitgemässen Aufarbeitung von Missständen sowie einer Verbesserung der überholten Verbandskultur leisten könnte.

Der Angesprochene nimmt Stellung

Dominik Meli nimmt auf Anfrage von CH Media schriftlich Stellung zu seinem Abgang. «Die Ethikkommission des STV muss ihre Arbeit absolut unabhängig durchführen können. Deshalb ist es sinnvoll, dass die eingegangenen Vorwürfe von Personen untersucht werden, welche zwar ein grosses Know-how haben, aber in der letzten Zeit keine kritischen Schnittstellen zum Turnsport hatten. Um dies sicherzustellen, habe ich im Sinne des Sportes auf die Annahme des Amtes verzichtet. Alleine schon der Anschein einer möglichen Verflechtung ist nicht sachdienlich», schreibt Meli.

Allfällige gegen ihn gerichteten Vorwürfe oder Kritiken seien unbegründet und haltlos. «Der Verein RLZ Ostschweiz ist als privater Verein organisiert. Kraft meines Amtes als Präsident des St. Galler Turnverbandes war ich lediglich Vertreter eines stimmberechtigten Mitgliedes an den Versammlungen. Die Verantwortung lag einzig und alleine bei der damaligen Geschäftsführung und dem damaligen Vorstand.» Diese Gremien seien von ihm über alle ihm zugetragenen Hinweise zeitnah informiert worden. Dank seinem Engagement – lediglich als Mitglied in einer Taskforce - sei es zudem zu den «notwendigen personellen Wechseln im Vorstand» gekommen.

Ethikkommission weiterhin handlungsfähig

Laut Geschäftsreglement der Ethikkommission ist das Gremium auch mit fünf statt sechs Mitgliedern handlungsfähig. Bedingung ist, dass Vertreterinnen und Vertreter beider Geschlechter, der drei Sprachregionen sowie mindestens ein Jurist, eine medizinische Fachperson und eine Athletenvertretung Teil der Runde sind.

Die verbleibenden fünf Mitglieder der Ethikkommission sind:

  • Daniel Mägerle (ZH/TG) (Präsident)
  • Christian Blandenier (NE)
  • Valentina Lavagno (TI)
  • Ursula Laasner-Haussmann (ZH)
  • Roman Gisi (LU)

Die Ethikkommission ist am Donnerstag zu einer Videokonferenz zusammengekommen, wobei er das Thema «Unabhängigkeit» eigens traktandiert habe, sagt Kommissionspräsident Mägerle. Jedes Mitglied sei aufgerufen, sich über die eigene Unabhängigkeit nochmals Gedanken zu machen. «Denn wo Unabhängigkeit draufsteht, muss auch Unabhängigkeit drin sein», so der Präsident.