Kolumne

Neues Deutschland

Pedro Lenz
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Seit wir uns erinnern können, war Deutschland im Fussball alles, nur nicht leichte Beute. Verlor die deutsche Nationalmannschaft einmal ein wichtiges Spiel, ging dieser Niederlage ein heroischer Kampf voraus. Selbst Teams, die der jeweiligen deutschen Mannschaft überlegen waren, scheiterten am eigenen Respekt vor dem, was Deutschland fussballerisch ausstrahlte.

1966 im berühmten WM-Final zwischen England und Deutschland brach erst das bis heute umstrittene Wembleytor den deutschen Widerstand. An der WM 1970 schied Deutschland im Halbfinal gegen Italien aus. Das Spiel war so umkämpft, dass die Italiener im Final gegen Brasilien kein Bein mehr vors andere brachten.

An der EM 1976 lag Deutschland im Final gegen die Tschechoslowakei 0:2 zurück, aber in der 90. Minute gelang der Ausgleich. Erst im Penaltyschiessen mussten sie sich geschlagen geben. Auch 1986 an der WM in Mexiko holten sie im Final gegen Argentinien ein 0:2 auf, ehe sie sich doch noch beugen mussten.

Die Aufzählung ist alles andere als komplett, aber sie will aufzeigen, dass Deutschland normalerweise nur mit sehr, sehr viel Aufwand zu bezwingen war. Selbst die Spanier, die Deutschland an der EM 2008 und an der WM 2010 besiegten, hatten ihre beiden 1:0-Erfolge erlitten und erzittert.

Der deutsche Fussball konnte als reiner Kampf oder als gepflegte Kunstform erscheinen. Es gab deutsche Teams, die ohne zu glänzen Turniere gewannen, und es gab solche, die glanzvoll scheiterten. Zuweilen wurden Siege wie das 2:1 gegen Holland im WM-Final 1974 mit der Brechstange erzwungen. Und manchmal gab es ästhetische Siege wie das 7:1 2014 gegen Brasilien.

Selbst als die Schweizer Nationalmannschaft vor ein paar Wochen in der Nations League trotz haarsträubender Abwehrfehler nach einer 2:0-Führung ein 3:3 in Deutschland erreichte, glaubte man, die Deutschen seien zu allem fähig, nur nicht zum Debakel.

Aber das 0:6 gegen Spanien, das war nicht bloss die höchste Niederlage Deutschlands seit über 89 Jahren. Es war gleichsam der Untergang des fussballerischen Mythos Deutschland. Wer 0:6 verliert, den braucht niemand mehr zu fürchten.