Laura Unternährers neues Leben an der Côte d’Azur

Vier Schweizerinnen und Schweizer haben als Profi den Sprung ins Ausland geschafft. So auch Laura Unternährer, die nach sieben Jahren bei Voléro Zürich den Umzug der Spitzenabteilung aus der Schweiz nach Cannes mitgemacht hat.

Andreas Eisenring, Cannes
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«Mir passt das Leben hier»: Die 25-jährige Jurassierin Laura Unternährer hat den Wechsel nach Frankreich gewagt. (Bild: Andreas Eisenring)

«Mir passt das Leben hier»: Die 25-jährige Jurassierin Laura Unternährer hat den Wechsel nach Frankreich gewagt. (Bild: Andreas Eisenring)

Cannes weist im Januar durchschnittlich viermal mehr Sonnenstunden auf als ­Zürich. Die Statistik bestätigt sich an diesem Tag: Die Menschen tragen Sonnenbrillen und spazieren dem Meer entlang. Man sitzt vor einem Café, es darf am frühen Nachmittag durchaus schon eine Flûte de Champagne sein. Dabei ist es Winter und abends kann es empfindlich kalt werden. Aber Heizstrahler gehören hier zur Ausrüstung.

Für die Jurassierin Laura Unternährer ist die Mittelmeerdestination zum neuen Lebensmittelpunkt geworden. Sie spielt für den Spitzenclub Le Cannet, wo sie Captain ist. Die 25-Jährige bestreitet bereits ihre achte Saison als Profi. Sie ist eine Vorreiterin, denn nebst ihr haben inzwischen drei weitere Schweizer Volleyballer und Volleyballerinnen den Sprung als Profi ins Ausland geschafft: Laura Künzler bei Vilsbiburg sowie Maja Storck bei Aachen in Deutschland und bei den Männern Passeur Reto Giger bei Radom in Polen. Den riskanten Sprung ins Ausland zu wagen, ist Ausdruck einer neuen Mentalität unter Schweizer Volleyballtalenten. Unternährer sagt:

«Mir passt das Leben hier, das schöne Wetter, das Meer. Es ist halt schon motivierender, wenn man aus dem Training kommt und die Sonne scheint.»

Durchgetakteter Profialltag

Auch die Unterkunft trägt zur entspannten Atmosphäre bei: Der Club stellt den Spielerinnen ein Appartement zur Verfügung: in der Ferienresidenz Pierre-Vacances, wo im Sommer Hunderte von Touristen für Hochbetrieb verantwortlich sein werden. Pinien säumen die schmucke Anlage, die an Yachthafen und Golfplatz grenzt.

Der Alltag eines Volleyballprofis ist aber auch an der Côte d’Azur durchgetaktet. Unternährer steht um 7.30 Uhr auf, nimmt sich Zeit für Frühstück und die Heimatkontakte, ehe sie zum Morgentraining oder zum Kraftraum fährt. In der Mittagspause geht es zurück in die Residenz, wo sie sich etwas kocht. Dann folgt das Nachmittagstraining im Gymnase Maillan, ein in die Jahre gekommener Zweckbau, die Wände aufgepeppt mit grossen Plakaten aller Spielerinnen, im traditionellen Voléro-Violett gehalten. Einen Vorteil hat die nicht mehr zeitgemässe Halle: Der hölzerne Parkett­boden ist bei Volleyballern wegen der federnden Katapultwirkung sehr beliebt.

Nach dem zweiten Training ist der Arbeitstag noch nicht beendet. Der Erholungszeit am Abend kommt eine grosse Bedeutung zu – gerade für Unternährer, die früher kaum einmal verletzt war, sich zuletzt aber länger mit zwei körperlichen Einschränkungen herumschlug. Da plagte sie zum einen seit fast vier Jahren diese hartnäckige Verletzung bei der Schlagarmschulter:

«Zeitweise sah ich nur noch Sterne vor Schmerzen, wenn ich den Ball smashte.»

Kortison wollte sie nicht nehmen. Kaum hatte sie dieses Problem dank Akupunktur einigermassen in den Griff bekommen, erlitt sie in der Vorbereitung mit Le Cannet einen Riss beim Muskelansatz im Oberschenkel, welcher mit Eigenblutinfusionen bekämpft wurde. «Jetzt fühle ich mich seit langem endlich wieder einmal fit», sagt die 25-Jährige.

Kampf um einen Stammplatz

Unternährer ist Captain bei Le Cannet, was allerdings keine Stammplatzgarantie ist – nicht nur wegen der Verletzungen. Mit ihren 1,79 m ist sie zwar im Alltagsleben eine grosse Frau, im Vergleich mit den Angriffsgrössen auf dem Feld hingegen gehört sie zu den Kleinsten. Sie sagt:

«Für mich war die Körpergrösse eigentlich nie ein Thema. Klar, es ist nicht einfach, mich zu behaupten, und ich bin mehr als andere auf ein präzises Zuspiel angewiesen. Aber es gibt ja noch andere Elemente, wie Abnahme oder Feldverteidigung, wo ich mich profilieren kann.»

Von Trainer Avital Selinger, auch er war früher bei Voléro Zürich engagiert, wird sie momentan oft nicht für die Startsechs nominiert und muss dann versuchen, die Chance zu packen, wenn sie eingewechselt wird. Was ihr am Samstag bei der 1:3-Derbyniederlage gegen RC Cannes allerdings nicht optimal gelang. Ihr Ziel für den Rest der Saison ist klar: «Ich möchte so oft wie möglich spielen. Dafür kämpfe ich und trainiere so hart, wie es nur geht, mehr kann ich nicht machen.» Keine leichte Aufgabe für die Schweizerin. Sie ist zwar die erfahrenste Spielerin, aber in dem jungen Team, wo neun Nationalitäten vertreten sind, ist die Konkurrenz gross.

In dieser Hinsicht habe sie bei Voléro Zürich, wo sie schon mit 18 Jahren in der Champions League eingesetzt wurde, sehr viel gelernt: «Ich bin sehr dankbar für die harte Schule, die ich dort durchlief. Am Anfang war ich mental sehr schwach, habe viel geweint, mir zu viele Gedanken gemacht. Mit der Zeit konnte ich mir dann eine Schutzhaut zulegen.» Das kommt ihr heute zugute. So will sie keine Energie an die Frage verschwenden, warum sie der Trainer nicht immer von Anfang an aufstellt. Die Jurassierin sagt:

«Das gehört dazu. Ich muss für diesen Moment einfach jederzeit bereit sein, will mich aber deswegen nicht speziell unter Druck setzen.»

Fragezeichen Schweizer Nationalteam

Diese positive Grundhaltung der aus ­Reconvilier stammenden Volleyballerin ist eine gute Voraussetzung dafür, dass die Sonne für sie in Le Cannet, wo ihr Einjahresvertrag im Frühling abläuft, auch nächste Saison noch scheinen wird.

Beim Thema Schweizer Nationalteam ist allerdings etwas Stirnrunzeln angesagt. Als sich am 9. Januar die Schweizerinnen in Schönenwerd wegen der erstmals geschafften EM-Qualifikation um den Hals fielen, fehlte Unternährer. Nationaltrainer Timo Lippuner hatte sich zwar intensiv um sie bemüht, aber wegen des Umzugs nach Cannes, der Schulterverletzung und einer anders geplanten Saisonvorbereitung sagte sie ab. Jetzt hat ihr Schweizer Verband Swiss Volley signalisiert, dass ihr die Tür dennoch offen stünde für die EM Ende August. «Es ist grossartig, was das Nationalteam geschafft hat. Aber eigentlich habe ich dem Verband schon im Sommer den Rücktritt aus dem Nationalteam kommuniziert, obwohl mir das nicht leicht gefallen ist. Und vielleicht wäre es dem jungen Team gegenüber auch nicht ganz richtig, jetzt wieder zurückzukehren», so Unternährer, die auch dem Privatleben mehr Prioritäten einräumen will: Auf Anfang September ist die Heirat geplant, also mitten in der Endphase der EM.