Neuseeland spielt an der Rugby-WM nur um Platz drei – das Ende der schwarzen Dominanz

Neuseeland spielt am Freitag um 10 Uhr an der Rugby-WM gegen Wales um Platz drei – eine Strafaufgabe.

Ives Bruggmann
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Die Enttäuschung nach der Halbfinalniederlage war bei den «All Blacks» riesig. (Bild: Franck Robichon/EPA)

Die Enttäuschung nach der Halbfinalniederlage war bei den «All Blacks» riesig. (Bild: Franck Robichon/EPA)

Nichts anderes als der Titel war vor der Rugby-WM in Japan gut genug für Neuseeland. Schliesslich waren seit der letzten Niederlage an einer WM zwölf Jahre vergangen. In dieser Zeit gewannen die «All Blacks» nicht nur zweimal den WM-Pokal, sie revolutionierten dabei auch das Rugbyspiel und galten dank ihres blitzschnellen Passspiels lange als unbesiegbar.

Erste Risse waren schon nach der WM 2015 und dem Rücktritt einiger der besten Spieler der Geschichte zu erkennen. Doch just auf das Turnier in Japan schien die gewohnte Leichtigkeit wieder zurückgekehrt zu sein. Vor einer Woche folgte dann gegen England der grosse Einbruch. Mit 7:19 gingen die «All Blacks» unter. Ihr System wurde von Englands Trainer Eddie Jones entschlüsselt. Schnell war klar: Eine Ära geht zu Ende. Dem Trainer Steve Hansen, der Neuseelands Nationalmannschaft in ungeahnte Sphären hievte, bleibt damit der perfekte Abschied verwehrt. Hansen hatte bereits vor der WM angekündigt, dass er als Verantwortlicher der «All Blacks» zurücktritt. Auch Captain Kieran Read verpasst seinen dritten Titel und damit die Krönung seiner Karriere. Mitspieler Sonny Bill Williams, ebenfalls zweifacher Weltmeister, brachte die Gefühlslage nach der Niederlage gegen England auf den Punkt:

«Das Letzte, was ich in diesem Moment wollte, war, die Bronze-Partie zu spielen.»

Doch schnell kam der Sinneswandel: Die erfolgreichste Ära der Nationalmannschaft Neuseelands soll mit einem Sieg abgeschlossen werden.

Ein Sieg gegen die Enttäuschung

Hansen, der 2004 als Assistent bei den «All Blacks» begann und seit 2012 als Trainer für die beste Nationalmannschaft der Welt verantwortlich ist, stellt für die Partie gegen Wales nochmals seine besten Akteure auf. Und die werden alles daran setzen, ihrem Anführer einen versöhnlichen Abschied zu bereiten.

Assistenztrainer Ian Foster, der als Nachfolger Hansens im Gespräch ist, fand derweil eine zusätzliche Motivation für die Partie der beiden Halbfinalverlierer:

«Wir sehen es als Chance, die Enttäuschung aus der Niederlage zu tilgen.»

Auf den Nachfolger Hansens, sei es Foster oder ein anderer, wartet eine riesige Herausforderung. Das erfolgsverwöhnte neuseeländische Publikum erwartet nicht nur Siege, sondern auch eine attraktive Spielweise. Ebendiese wurde jedoch von den Europäern, zuerst von den Iren, vor einer Woche von den Engländern, durchschaut. Mit ihren Defensivtaktiken, in denen sie dem Gegner den Ball häufig überlassen, ihre eigene Hälfte jedoch energisch verteidigen, zermürbten sie die «All Blacks». Die Frage ist nun, ob Neuseeland seinem Stil treu bleiben will. Doch zuerst folgt heute die Partie gegen Wales. Dank der Offensivtaktik spricht die Statistik in diesem Fall deutlich für Neuseeland: Seit 1953 hat es alle 30 Spiele gewonnen.

England entzaubert die «Rugby-Götter»

England steht erstmals seit 2007 und zum 4. Mal insgesamt im Final der Rugby-WM. Die Engländer schalteten in einem hochklassigen Halbfinal in Yokohama Titelverteidiger Neuseeland dank einem 19:7 aus.