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Interview

Schweizer Nati-Spieler Behrami: «Ich habe einen Krieg gegen die ganze Welt geführt»

Für Valon Behrami ist die WM die sechste Teilnahme an einer Endrunde – Rekord für einen Schweizer Nationalspieler. Der 33-Jährige über seine Entwicklung im Team, den geschundenen Körper und den morgigen WM-Auftakt gegen Brasilien.
Interview: Christian Brägger, Rostow am Don
Valon Behrami: «Das Schweizer Team lebt von der Euphorie.» (Bild: Adam Pretty/Getty (Samara, 12. Juni 2018))

Valon Behrami: «Das Schweizer Team lebt von der Euphorie.» (Bild: Adam Pretty/Getty (Samara, 12. Juni 2018))

Valon Behrami, die WM wird Ihr sechstes grosses Turnier mit der Schweiz. Treten Sie danach zurück?

Schwierige Frage. Vor der EM 2016 war ich mir sicher, dass danach Schluss ist mit dem Nationalteam. Dann änderte ich meine Pläne wieder. Also ist es besser, sich gar nicht gross Gedanken zu machen. Ich weiss es noch nicht.

Macht Sie das Erreichte stolz?

Der Rekord wird nicht so lange bleiben, da hat es Junge bei uns, die erst 23 Jahre alt sind und schon drei Turniere haben. So gesehen profitiere ich vom Moment. Wenn ich fertig bin mit dem Fussball und zurückschaue, dann sehe ich die sechs Teilnahem vielleicht als etwas Grosses.

Wie viel Energie hat Ihr Körper noch?

Die mentale Energie ist das Wichtigste für mich. Und die bekomme ich im ­Nationalteam immer. Deswegen möchte ich auch nicht sagen, dass die WM mein letztes Turnier ist. Das Nationalteam gibt mir so viel. Andererseits habe ich viele körperliche Probleme.

Sie werden alt.

Ich bin schon längst alt. (lacht)

Wenn Sie von körperlichen Problemen sprechen, dann sind das vor allem Ihre Knie?

In der Tat. Vier Operationen gehen nicht spurlos an einem vorbei. Mein rechtes Bein war immer das stärkere. Und jetzt plötzlich beginnen auch da die Probleme. In diesem Jahr hatte ich drei Verletzungen im rechten Oberschenkel. Das war mental nicht einfach zu akzeptieren. Aber dann muss ich mir wieder sagen: Es ist jetzt so, das ist halt Fussball.

Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr Körper nach der Karriere ziemlich kaputt sein könnte?

Ja, manchmal schon. Aber das geht nur 30 Sekunden. Weil ich mir dann sage: Wie könnte ich jemals sagen, dass ich deswegen jetzt mit Fussball aufhöre? Fussball ist mein Leben, das war es schon immer. Ach, wie würde ich die ­Kabine vermissen!

Blicken wir zurück. Wie ist Ihre Erinnerung an die erste WM 2006?

Das Turnier in Deutschland. Es war wie am ersten Tag in einem neuen Job. Alles ist neu, und du hast keine Ahnung. Du bist wie auf einer Wolke. Ich war ein junger Spieler, überhaupt nicht wichtig im Team. Häufig war ich auch alleine mit Blerim Dzemaili. Aber es war eine gute Erfahrung.

An der WM 2010 in Südafrika bekamen Sie gegen Chile in der ersten Halbzeit die rote Karte, die Schweiz verlor und schied später aus …

Das war der schlimmste Moment meiner Karriere, ohne Zweifel. Ich war hier zu Hause in Lugano und wollte mich nur noch verstecken. Fünf Tage sass ich nur zu Hause rum, wagte mich nicht raus, weil ich vermeiden wollte, dass jemand mit mir spricht. Ich fühlte mich schuldig. Und ich dachte: Jetzt muss ich im normalen Leben dafür zahlen.

War es denn eine gerechtfertigte rote Karte? Trainer Ottmar Hitzfeld war ausser sich vor Wut, sagte, solche Schiedsrichter sollten am Strand pfeifen.

Wenn ich die Szene heute anschaue, muss ich sagen, es war ein Platzverweis. So kannst du nicht spielen!

Hat Sie dieser Moment verändert?

Ja. Es war wirklich schlimm damals. Aber es war die beste Zeit für den Menschen Valon, verstehen Sie?

Wie meinen Sie das?

Um mich herum war immer vieles negativ. Warum? Wegen mir selbst. Ich habe einen Krieg gegen die ganze Welt geführt, den ich nicht gewinnen konnte. Jede Kritik nahm ich persönlich. Nie konnte ich etwas akzeptieren. Ich habe realisiert: Entweder ändere ich mich, oder ich führe diesen Krieg weiter. Aber diesen Krieg kannst du nicht gewinnen. Ich habe das akzeptiert und gemerkt: Ich kann etwas ändern. Das beginnt im Kleinen: Wenn jemand schreibt, Behrami hat nicht gut gespielt, dann tut er das, weil es sein Job ist.

Wie denken Sie über die WM 2014 in Brasilien?

Das war eine gute WM. Wobei, dieses 2:5 gegen Frankreich, ich habe da in der ersten Halbzeit einen grossen Fehler gemacht. Ich wurde in der Halbzeit ausgewechselt, zu Recht. Nach dem Spiel sagte ich den Jungs: Ich gehe raus und rede mit der Presse. Alle wollten mich aufhalten. Sie dachten wohl, ich würde für noch mehr Unruhe sorgen. (lacht)Aber ich wollte nur hinstehen, Verantwortung übernehmen. Wir haben uns zum Glück gefangen und dann ein tolles Spiel gegen Argentinien gemacht. Es war – endlich – meine erste komplette WM.

Erstaunlich ist, dass Sie von Ihrem Fehler sprechen gegen Frankreich. Und nicht von der grossartigen Aktion gegen Ecuador, die das 2:1 in der Nachspielzeit eingeleitet hat. Das ist die Szene, die ewig mit Ihnen in Verbindung bleiben wird.

Vielleicht ist das so. Aber im Rückblick ist für mich die Reaktion der Mannschaft nach dem Desaster gegen Frankreich das, was bleibt.

Und das Tackling gegen Ecuador?

Natürlich, die Erinnerung ist schön. Die Szene zeigt, wie ich bin.

Reden wir noch über die EM 2016.

Frankreich, ja. Das war toll! Und wissen Sie warum? Ganz einfach: An einer solchen EM spürst du die Atmosphäre besser. Die Fans sind da, deine echten Fans, sie fahren mit dem Auto nach Frankreich. Das ist ein anderes Gefühl als in Südafrika mit Vuvuzelas oder in Brasilien, wo dann halt trotzdem nicht die gleiche Anzahl fussballbegeisterter Schweizer vor Ort sein können.

Sind Sie so sicher, dass die Schweiz an dieser WM Grosses leisten kann?

Ja, das bin ich. Und trotzdem muss ich Ihnen sagen: Diese Mannschaft darf nicht zu viel nach vorne schauen. Wenn das geschieht, wenn überall schon wieder die Rede ist von «schaffen wir endlich einmal einen Viertelfinal», dann verlieren wir den Fokus. Dieses Team lebt von der Euphorie, die entstehen kann. Aber das kommt Schritt für Schritt.

Ihre Tochter hat Sie nach der EM ja dazu veranlasst weiterzumachen. Was hat Sie zur Auslosung gesagt?

Sie sagte nur: «Du spielst gegen Neymar?!» Sie kennt Neymar, nur Neymar, weil sie auf der Playstation «Fifa» spielt. Und als sie mein Nicken sah, schaute sie mich an und meinte nur: «Der ist zu stark für dich!» Danke schön! Das war’s dann mit meinem Selbstvertrauen. (lacht)

Wie muss man denn gegen Brasilien spielen? Vladimir Petkovic ist ja ein Trainer, der nicht nur hinten rein­stehen will.

Es wird schwierig gegen Brasilien. Wir müssen vorsichtig sein, dürfen aber nicht nur defensiv stehen. Wir müssen den Moment verstehen – und mutig sein. Die Fähigkeit, die Situationen des Spiels richtig zu deuten, das könnte den Unterschied ausmachen.

Serbien wird in der zweiten WM-Woche der nächste Gegner sein. Ist dieses Spiel für Sie mit Ihren kosovarisch-albanischen Wurzeln speziell?

Nein. Albanien an der EM war vielleicht nicht so einfach. Serbien ist ein normaler Gegner für mich. Wir denken immer, Fussball sei ein Kriegsplatz. Die Leute glauben, da passiere etwas. Aber es passiert nichts, das alles ist doch nur inszeniert. Wir sind Fussballer und Vorbilder für die Kinder. Wenn du zu Hause bist, interessiert dich doch die Nationalität nicht. Du hast Geld, dir geht es gut.

Was meinen Sie mit «inszeniert»?

Was bringt es, wenn ich gegen Serbien das Gefühl habe, ich müsse jetzt jemandem wehtun. Wir sind Fussballspieler! Ich habe in kosovarischen Zeitungen gelesen, dass Serbien an der WM nun gegen «unsere» Kosovo-Spieler antreten müsse. Was soll das?! Ich spiele für die Schweiz.

Vom Saulus zum Paulus

Valon Behrami hat eine unglaubliche Metamorphose in der Schweizer Nationalmannschaft hinter sich. War er nach seinem Début 2005 lange nicht fassbar und galt als arroganter Aussenseiter, der ständig die Sonnenbrille trug, ist er heute Sympathieträger, Charmebolzen und Leaderfigur. Der 33-jährige Mittelfeldspieler steht für die multikulturelle Vielfalt im Team, ist das Bindeglied für alle Ethnien sowie zwischen Jung und Alt. Oft war der 79-fache Nationalspieler verletzt, was ihm eine noch grössere Karriere wohl verwehrte. Privat ist Behrami mit der Skirennfahrerin Lara Gut liiert, ihren Sport, wie er sagt, werde er aber nicht lernen.

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