Fussball
Nicht nur in St. Gallen: Die Nachwuchsarbeit wird immer professioneller

Die Klubs arbeiten in ihren Campus so gut, dass die Akademien des Schweizerischen Fussballverbands überflüssig werden. Wir liefern ein Beispiel am Projekt Future Champs Ostschweiz. Zudem: Wo liegen die Ostschweizer im nationalen Vergleich?

Markus Brütsch, St. Gallen, und Jakob Weber
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Anfang Oktober hat die Nachwuchs-Akademie des FC St. Gallen ihre Tore geöffnet.

Anfang Oktober hat die Nachwuchs-Akademie des FC St. Gallen ihre Tore geöffnet.

St. Galler Tagblatt/Ralph Ribi

Es ist sieben Uhr in der Früh und im Haus herrscht die totale Stille. Liegen etwa alle noch in ihren Betten? «Nein, die sind schon weggefahren in die Schule nach Bürglen oder an ihren Lehrlings-Arbeitsplatz», sagt Ferruccio Vanin. Der 48-Jährige ist der Geschäftsführer von Future Champs Ostschweiz (FCO) und führt durch die brandneue Akademie. Diese ist für rund zehn Millionen Franken innerhalb eines Jahres erbaut worden und liegt in St. Gallen nur 200 Meter von der AFG Arena und 400 Meter von den Trainingsplätzen im Sportplatz Gründenmoos entfernt.

Hinter dem Projekt FCO, das mit einem Budget von 3,5 Millionen Franken operiert, stehen die Profiklubs des FC St. Gallen und des FC Wil, der Ostschweizer Fussballverband sowie 140 Vereine aus der Ostschweiz. Aus einem Reservoir von 15 000 Jugendlichen von Chur bis Tägerwilen zählen derzeit 800 Nachwuchsspieler zu FCO. «Statistisch betrachtet werden lediglich acht davon einmal den Sprung zu den Profis schaffen. Die Entscheidung fällt in der Regel bei der U18», sagt Vanin. Insgesamt wird in neun Stützpunkten, einer davon liegt in der süddeutschen Grenzstadt Konstanz, ausgebildet. Je näher die Spieler dem Juniorenspitzenfussball kommen, desto näher rücken sie an den Standort St. Gallen.

Es fehlt an nichts

«Mit der Einweihung der Akademie haben wir in unserer Entwicklung einen Meilenstein gesetzt», sagt Vanin, seit einem Jahr im Amt und zusammen mit dem Technischen Leiter Marco Otero der Chef einer neuen Crew. Das Haus an der Kunklerstrasse 1 bietet FCO zwölf Doppelzimmer für Jugendliche, die aus Orten in der Region kommen, bei denen eine tägliche Anfahrt nicht sinnvoll ist, wie zum Beispiel aus Ilanz oder Chur. Es gibt Aufenthalts- und Lernräume, ein Gymnastikzimmer sowie einen Esssaal für sechzig Personen. Einmal in der Woche verpflegt sich hier auch die erste Mannschaft. Es stehen ein Akademieleiter, eine Pädagogin und zwei Personen für die Gastronomie zur Verfügung.

Aktuell belegen 15 Nachwuchsfussballer – zwei davon sind 13-jährig – die Zimmer; acht von ihnen besuchen die Sportschule in Bürglen, sieben gehen in die Lehre oder absolvieren die Kantonsschule. Der FCO-Campus in Bürglen steht FCO exklusiv zur Verfügung, die Spieler bestreiten hier am Morgen Individual- und Spezialtrainings, am Abend trainieren sie mit der Mannschaft im Gründenmoos. Wer in die Akademie aufgenommen werden will, muss gewisse Kriterien erfüllen, die Eltern zahlen grundsätzlich einen Beitrag. «Wir sind gut aufgestellt und stark in der Region verankert», sagt Vanin.

Viele Barnettas sollen folgen

Auch nach der Übernahme des FC Wil durch türkische Investoren geht die Zusammenarbeit weiter. «Der Partnervertrag ist gültig, Verhandlungen laufen», sagt Vanin. Jahrelang bekundete der FC St. Gallen Mühe, eigene Spieler wie einst Tranquillo Barnetta herauszubringen. Es fehlten dazu die infrastrukturellen Möglichkeiten, um das Potenzial auszuschöpfen. Vor vier Jahren war Präsident Dölf Früh dann die treibende Kraft, um das Projekt ins Leben zu rufen und die breite Nachwuchsförderung zu professionalisieren.»

FCO hofft, pro Jahr einen bis zwei Spieler für die Super League und zwei bis drei für die Challenge League auszubilden. «Mit Roy Gelmi (20) und Silvan Hefti (18) hat FCO dem Fanionteam des FCSG zwei Stammspieler geliefert; mit Michael Eisenring (22), Michael Scherrer (20), Daniel Lässer (20) und Jim Freid (21) drängen weitere nach. FCO dient aber nicht nur dem Spitzen-, sondern auch dem Breitensport. Spieler, die den Durchbruch nicht schaffen, kehren gut ausgebildet zu ihrem Stammverein zurück.

Bald nur noch Tenero und Biel

FCO ist das neuste Beispiel, wie die Schweizer Profiklubs in ihre Nachwuchsförderung investieren. Noch vor vier Jahren hatte der Schweizerische Fussballverband (SFV) Akademien in Payerne, Emmen, Tenero und für die Mädchen in Huttwil betrieben. Letztere sind inzwischen ins neue Stadion von Biel gezügelt. Emmen aber hat seine Tore geschlossen und im nächsten Jahr macht auch Payerne dicht. Nicht, dass der SFV kein Interesse mehr an der Ausbildung des Nachwuchses hätte, doch die Klubs haben ihre Anstrengungen derart intensiviert, dass es die SFV-Akademien nicht mehr braucht.

Der FC Basel, auch beim Nachwuchs die Nummer 1 in der Schweiz, wendet vier Millionen Franken für die Förderung auf und verfügt wie GC (GC-Campus) mit dem im August 2013 eröffneten Campus Basel über eine nahezu perfekte Ausbildungsstätte. Für den Bau und den Unterhalt kam und kommt neben öffentlichen Geldern die Stiftung Nachwuchs-Campus Basel auf, deren Präsidentin Gigi Oeri ist. Zum Campus gehören auch die beiden Wohnhäuser im Lehenmattquartier.

Diese werden von Spielern benützt, die von ausserhalb der Region stammen. «Wir sind für jeden Tag dankbar, an dem wir hierherkommen dürfen», sagt Massimo Ceccaroni, der Technische Leiter Nachwuchs des FC Basel. «Das motiviert uns, noch besser zu werden, um den Anforderungen der ersten Mannschaft zu entsprechen.»

Ausbildner sind entscheidend

Adrian Knup ist Vizepräsident und Nachwuchsverantwortlicher des FCB. Er schätzt es, dass mit dem Campus die Bedingungen für die Ausbildung noch besser geworden sind, es generell mehr Platz hat, auch für eigene Büros und ein Restaurant. Der frühere Nationalstürmer weist indes mit Recht darauf hin, dass die beste Infrastruktur allein noch keinen Erfolg garantiert. «Entscheidend ist die Arbeit der Ausbildner und deren Bereitschaft, immer auf dem neusten Stand zu sein», sagt Knup. «Es geht aber nicht nur um den Sport.

Auch der soziale Bereich ist eine wichtige Schiene und ein Standbein unserer Ausbildung.» Knup findet es spannend, auch im Ausland zu sehen, wie andere Vereine es machen und aufgestellt sind. «Letztlich aber», so der 47-Jährige, «muss jeder Klub die Ausbildung auf seine eigenen Bedürfnisse zuschneiden; so, wie es der Vereinsphilosophie entspricht.»

Ranking-Kriterien

Die Nordwestschweiz hat die Nachwuchsarbeit der zehn Super-League-Clubs nach folgenden Kriterien untersucht:

Wie erfolgreich sind die U21- und die vier U-Mannschaften zwischen 15 und 18?
Wie gross ist die Anzahl an Teams im gesamten Jugendbereich?
Funktioniert die Zusammenarbeit mit Schule und Lehrbetrieben?
Wie gross ist das Nachwuchs-Budget?
Wie viele Sportfelder stehen zur Verfügung und müssen die Vereine diese mit dem Breitensport teilen?
Gibt es Kunstrasenplätze und ein Restaurant?
Stehen Internatsplätze zur Verfügung?
Liegen sämtliche Trainings- und Spielstätten am selben Ort, und wie gut sind diese erreichbar?

Rang 1: FC Basel Der Ligakrösus hat auch die beste Nachwuchsabteilung. In sechs Kategorien sind die Basler spitze. Mit etwa vier Millionen Franken stemmt der FCB das höchste Jahresbudget. Der neue Campus besticht durch die zentrale Lage in Stadionnähe und durch die zahlreichen Spielfelder, von denen fünf nur von den FCB-Junioren benutzt werden. Zudem sind die U-Mannschaften im internen Super-League-Vergleich am erfolgreichsten.
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Rang 2: FC Luzern Die Nachwuchsarbeit des FC Luzern trumpft mit einer äusserst guten Lage auf. Die Pilatus Akademie liegt im Zentrum Luzerns direkt neben der Swisspoarena, auch die Trainingsplätze auf der Allmend sind gleich nebenan. Die campusinterne Schule, die etwa 150 sportlich und musisch talentierten Schülern Platz bietet, ist ebenfalls einzigartig. Der sportliche Erfolg der Juniorenmannschaften ist noch verbesserungsfähig.
Rang 3: FC St. Gallen Der im Oktober 2015 eröffnete Campus des FC St. Gallen hat mit 3,5 Millionen Franken das zweithöchste Budget der Liga. Auch die Zusammenarbeit mit Schule und Lehrbetrieben ist gut. 24 Internatsbetten sind die zweitmeisten im Ligavergleich. Mit Ausnahme des sportlichen Erfolgs liegt der Nachwuchs der St. Galler in allen Kategorien unter den Top 3. Ein öffentliches Restaurant sucht man auf dem Campus jedoch vergebens.
Rang 4: Grasshoppers GC darf sich über eine äusserst erfolgreiche Juniorenabteilung freuen. Auch die Infrastruktur auf dem Campus in Dielsdorf, wo man alleine über fünf Spielfelder und eine Geschäftsstelle verfügt, ist hervorragend. Das grosse Manko der Jung-Hoppers ist die Erreichbarkeit. Mit dem öffentlichen Verkehr muss man von der Zürcher Innenstadt oder vom Letzigrund bis zum Campus eine knappe Stunde einplanen.
Rang 5: FC Zürich Kein Verein hat so viele Junioren-Teams wie der FC Zürich. Auch bezüglich verfügbarer Spielfelder ist der FCZ top, doch diese verteilen sich auf mehrere Standorte, die teilweise auch vom Breitensport genutzt werden. Der FC Zürich arbeitet mit zahlreichen Schulen und Lehrbetrieben zusammen, damit die Junioren auch eine akademische Ausbildung erhalten.
Rang 6: Young Boys In Bern gibt es Tagesschulen mit eigenen YB-Klassen, die von den Junioren besucht werden. Die Nachwuchsteams der Berner sind hinter Basel und GC am erfolgreichsten. Bezüglich Infrastruktur besteht bei YB noch Luft nach oben. Die Junioren spielen an drei verschiedenen Orten und müssen sich die Plätze im Neufeld mit dem FC Bern teilen. Spieler, die von weiter her kommen, werden in Gastfamilien untergebracht.
Rang 7: FC Sion Mit der Eröffnung des Trainingszentrums in Riddes 2009 war der FC Sion der Vorreiter für die anderen Super-League-Clubs. Die U21 der Romands ist zudem die erfolgreichste zweite Mannschaft der Liga. Auch die 25 Betten auf dem Campus sind der Spitzenwert. Problematisch ist dagegen die Lage. Die drei Sportstätten Riddes, Croix Martigny und Sion liegen je 20 km auseinander und sind nur schwer zu erreichen.
Rang 8: FC Thun Der FC Thun hat keinen eigenen Campus und somit auch kein Internat. Das Budget für die Junioren, die im Stadion Lachen beheimatet sind, ist mit 800 000 Franken dementsprechend klein. Ausser dem Kunstrasen in der Stockhorn-Arena existieren in Thun nur drei weitere Felder, die alle mit dem Breitensport geteilt werden.
Rang 9: FC Lugano Bellinzona, Chiasso, Locarno und Lugano stemmen gemeinsam das Team Ticino, welches zumeist in Tenero oder Lugano spielt und trainiert. Die beiden Spielorte liegen 40 km auseinander. Einen Campus gibt es im Tessin nicht. Das Team Ticino kalkuliert mit einem Budget von einer Million Franken pro Jahr.
Rang 10: FC Vaduz Der FC Vaduz hat ebenfalls keinen Campus. Der Liechtensteiner Fussballverband organisiert das Team Liechtenstein, welches im Juniorenbereich mit den anderen Super-League-Teams mitspielt, ohne wirklich mithalten zu können. Die U18 der Liechtensteiner spielt deswegen nur gegen die U17 der anderen Vereine.

Rang 1: FC Basel Der Ligakrösus hat auch die beste Nachwuchsabteilung. In sechs Kategorien sind die Basler spitze. Mit etwa vier Millionen Franken stemmt der FCB das höchste Jahresbudget. Der neue Campus besticht durch die zentrale Lage in Stadionnähe und durch die zahlreichen Spielfelder, von denen fünf nur von den FCB-Junioren benutzt werden. Zudem sind die U-Mannschaften im internen Super-League-Vergleich am erfolgreichsten.

bz Basellandschaftliche Zeitung

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