Nicole Reist: Wenn plötzlich Schlümpfe am Strassenrand stehen

Nicole Reist, 35, ist vierfache Weltmeisterin im Ultra Cycling. Für den Sport opfert sie ihren Schlaf und viel Geld. Warum tut sie das?

Raphael Gutzwiller
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Nicole Reist tritt oft tagelang in die Pedalen. (Bild: Urs Nett/PD)

Nicole Reist tritt oft tagelang in die Pedalen. (Bild: Urs Nett/PD)

Das Rennen dauert 42 Stunden und 10 Minuten. Es führt über 1000 Kilometer und 17000 Höhenmeter. «Für mich ist das eine kurze Distanz», sagt Nicole Reist und lacht. In Graz ist sie soeben Weltmeisterin im Ultra Cycling geworden. Zum vierten Mal. Nur vier Männer waren schneller.

Ultra Cycling heisst die Extremsportart, in der enorme Distanzen auf dem Fahrrad zurückgelegt werden. «Kurze» Rennen dauern zwei Tage, die längsten bis zu zwei Wochen. «Je länger, desto besser», lautet die Devise von Reist. Wenn es über mehrere Tage geht, ist sie richtig gut. Dann zeigt die 35-jährige Winterthurerin, dass sie mit wenig Schlaf auskommt. So etwa beim Race Across America, dem 5000 Kilometer langen Rennen durch die USA, das Reist mit den Olympischen Spielen vergleicht. Im vergangenen Jahr gewann sie es zum zweiten Mal, schlief dabei in neun Tagen nur neun Stunden. In diesem Jahr entschied sie sich aus finanziellen Gründen für die WM in Graz statt für die USA.

Wenn sie über ihre Rennen spricht, wird aus der zurückhaltenden Reist eine Plaudertasche. Begeistert erzählt sie von ihrer Sportart, die für so viele Menschen unverständlich ist. Warum tut sich ein Mensch solche Distanzen an?

«Für mich ist es faszinierend, herauszufinden, wozu der eigene Körper fähig ist. Mir geht es nicht darum, eine bestimmte Klassierung zu erreichen oder Rekorde zu brechen.»

Um 1.45 Uhr klingelt der Wecker

Rasch gehört Reist zur Weltspitze. Die Konkurrenz ist klein, ihr Ehrgeiz enorm. Das zeigt sich anhand ihres Tagesablaufes. Unter der Woche klingelt ihr Wecker stets um 1.45 Uhr, dann trainiert sie bis um 5 Uhr. Bis um 16 Uhr arbeitet sie als Hochbautechnikerin. Danach steht wieder ein Training an, um 20 Uhr geht es ins Bett. Am Wochenende stehen Einheiten von mehreren Stunden an. «Der Trainingsaufwand ist enorm», sagt Reist. Doch sie macht weiter, weil sie sich sicher ist, dass ihre Leistungsgrenze noch nicht erreicht ist. «In den Bergen bin ich gut, im Flachen kann ich noch besser werden.» Es ist dieser Wunsch nach Perfektion, nach dem Maximum, den Reist antreibt.

Der Kopf ist während des Rennens leer

In die Rennen startet sie enthusiastisch, doch irgendwann gibt der Körper zu verstehen, dass er nicht mehr kann. Reist fährt weiter. Stundenlang, tagelang. Auf dem Fahrrad macht sie alles ausser Schlafen und auf die Toilette gehen.

Das Radfahren verändert Nicole Reist. Sie funktioniert nur noch. Die Beine treten in die Pedale, der Kopf ist leer. Immerhin ist sie mit einem Funk mit ihren Helfern, die sich im Auto dahinter befinden, verbunden. Sechs Helfer hatte sie an der WM dabei, in Amerika waren es elf. Sie sind Reists Lebensversicherung. Zu ihrem Team gehören ein Physiotherapeut, ein Mechaniker und diverse Helfer, die die Autos fahren oder für die Verpflegung verantwortlich sind. Die Hauptaufgabe des Teams aber ist: Für Reists Sicherheit sorgen.

Nach Tagen auf dem Rad kämpft Reist mit Sekundenschlaf. Ihre Augen fallen zu. Irgendwann fährt sie Schlangenlinien. Dann schreien die Helfer in den Funk, um sie zu wecken. Manchmal kommen Halluzinationen dazu. Es winken ihr Blumen. Oder Schlümpfe stehen am Strassenrand. Es ist schon vorgekommen, dass Reist plötzlich stoppte, weil sie dachte, die Strasse sei gesperrt. Sie sah Polizisten in Leuchtwesten. Dabei waren es nur Leitpfosten.

«Zum Glück waren meine Halluzinationen bisher ungefährlich», sagt sie. Doch auch sonst hat das stundenlange Radfahren seine Tücken. Es kann vorkommen, dass Reist auf die andere Spur abdriftet, weil sie einschläft. Passiert ist noch nie etwas. Andere hat es schlimmer erwischt. Der Däne Anders Tesgaard kollidierte während des Race Across America 2015 mit einem Auto. Nach zweieinhalb Jahren im Koma verstarb er.

«Einige denken, ich sei verrückt»

Vielleicht ist es diese Gefahr, weshalb sich Reists Familie nicht für ihren Sport begeistern kann. Auch sonst treffe sie immer wieder auf Menschen, die nicht verstehen können, warum sie sich diese Rennen antue. «Einige denken, ich sei verrückt.» Für ihre Freunde sei sie aber keine «Spinnerin». «Sie akzeptieren, wenn ich an ein Geburtstagsfest nicht komme, weil ich trainiere.» Wenn Nicole Reist irgendwann aufhört, freut sie sich darauf, mal wieder ins Kino zu gehen. Eine eigene Familie hat sie nicht geplant.

Früher hat Reist Unihockey und Tennis gespielt. Dann fragte sie 2005 ein Arbeitskollege, ob sie bei einem 24-Stunden-Rennen mitmachen wolle. Sie sagte zu.

«Das Rennen war happig. Aber ich habe gleich gesagt, dass dies noch nicht meine Leistungsgrenze ist.»

Das Fieber war ausgebrochen. Sie wollte immer weiter, immer länger, immer extremer. Es folgte 2007 die Teilnahme an der WM und der erste Titel. Und irgendwann entwickelte Reist ihren amerikanischen Traum vom Race Across America. 2016 nahm sie erstmals teil und siegte sogleich, 2018 doppelte sie nach.

Race Across America kostet fast 60'000 Franken

Auch wenn Reist die Beste ihrer Sportart ist, generiert sie kaum Einnahmen. «Sponsoren für Ultra Cycling zu finden, ist schwer.» Sie hat Materialsponsoren, Geld erhält sie aber fast keines. Dabei kosten die Rennen einiges, das Race Across America zum Beispiel 50000 bis 60000 Franken. Reist bezahlt es von ihren Ersparnissen. Sie arbeitet mit einem 100-Prozent-Pensum als Hochbautechnikerin, auch wenn sie rund drei Monate pro Jahr für ihren Sport fehlt. Sie kompensiert es in der übrigen Zeit – mit bis zu 12-Stunden-Tage.

Selbst im Umfeld der Extremsportart gilt Reist als extrem. Sie hat kürzere Erholungspausen als die anderen. Am 28. Juli bestreitet sie das 2600 Kilometer lange «Race Across France», am 12. August steht sie am 2200 Kilometer langen «Race Around Austria» am Start. «Die Pause dazwischen sei zu kurz, sagen einige. Doch ich bin mir sicher, dass es möglich ist.»