Noe van Messel - eine Ausnahmeerscheinung des Schwingsports

Der Zuger Noe van Messel ist die Entdeckung dieser Saison. Es gibt wohl keinen anderen 17-jährige Schwinger in diesem Land, der talentierter oder professioneller ist.

Claudio Zanini
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1,90 Meter gross, 113 Kilogramm schwer: Noe van Messel im Schwingkeller in Oberägeri. (Bild: Pius Amrein (17. Juni 2019))

1,90 Meter gross, 113 Kilogramm schwer: Noe van Messel im Schwingkeller in Oberägeri. (Bild: Pius Amrein (17. Juni 2019))

Als 2010 das Eidgenössische in Frauenfeld stattfand, sass Noe van Messel zu Hause in Oberägeri vor dem Fernseher. Die Sportart faszinierte ihn. Nachdem er bereits den ganzen Samstag vor dem Bildschirm verbrachte, zerrte ihn seine Mutter am Sonntagmorgen an die frische Luft. Ausgerechnet in der entscheidenden Phase des Festes. Der 8-jährige Junge war genervt. Er wollte nichts anderes, als den Schwingern zuschauen. Doch ihm wurde ein Spaziergang verordnet.

Nach diesem Fest fasst Noe van Messel den Entschluss, Schwinger zu werden. Er schliesst sich dem Schwingklub Aegerital an. Zu dieser Zeit hat er auch Ambitionen im Skifahren. Er ist richtig gut darin. Als er sich einem Regionalkader anschliessen könnte, springt er ab. Der Skisport ist ihm zu gnadenlos. Er realisiert, dass es nur eine Spitze und keine Zweitklassigkeit gibt. Wer sich verletze, verliere den Anschluss, sagt er. «Ich hätte ein guter Speedfahrer werden können. Aber dann wäre ein noch besserer Schwinger verloren gegangen.»

Ein starkes Team im Rücken

Van Messels Begabungen gehen über das Sportliche hinaus. Er ist ein Schnelldenker. Im Gespräch nickt er Fragen ab, bevor sie zu Ende formuliert sind. Er begreift rasch, worauf das Gegenüber hinauswill. Seine Antworten sind druckreif. In einem Jahr wird er die Matura machen. Sport sei die ideale Ergänzung zur Kantonsschule, sagt er, man habe viel Freizeit. «Mir fehlt manchmal der schulische Fleiss. Dafür passe ich im Unterricht gut auf.» Es gibt diese Schüler, die kaum lernen und dennoch gute Noten haben. Noe van Messel ist einer von ihnen.

Sein Potenzial scheint immens. Dass er sich fürs Schwingen entschied, folgt keiner Logik. Er kommt nicht aus einer urschweizerischen Familie, die den Schwingsport seit Generationen in sich trägt. Die Grosseltern väterlicherseits stammen aus den Niederlanden, Vater und Mutter sind in der Schweiz geboren. Er ist ein Einzelkind. Die Klischees, die damit einhergehen, kennt er gut. Er will nicht verneinen, dass seine Eltern viel aufwenden, um im Projekt Schwingkarriere mitzuwirken. Vor drei Jahren, nach dem Eidgenössischen in Estavayer, sagte er zu seinem Vater, er wolle 2019 in Zug auch dabei sein. Vater Jake entgegnete auf das ambitiöse Getue des Sohnes:

«Dann müssen wir mehr machen, als alle anderen.»

Derzeit gibt es wohl keinen anderen 17-jährigen Schwinger in diesem Land, der professioneller aufgestellt ist. Zum Team gehört der Athletiktrainer Arno Galmarini, der Bruder des alpinen Snowboarders Nevin Galmarini. Der frühere Spitzenschwinger Franz Föhn kümmert sich um den technischen Bereich, eine Freundin der Familie übernimmt das Mentaltraining. Wie viel der mentale Aspekt ausmacht, hat Van Messel schon in seinem jungen Alter erkannt. Wenn er ins Sägemehl steige, gehe er «in die Zone». Er schafft es, alles rundherum auszublenden. Es gibt nichts, ausser siegen. «Im Nachhinein weiss ich oft nicht einmal, mit welchem Schwung ich gewonnen habe.»

15 Kilogramm Muskeln zugelegt

Den Erfolgen von Noe van Messel haftet wenig Zufälliges an. Sein kräftiger Körper ist das Produkt von sehr viel Arbeit. Als er sich im Frühling 2018 das Kreuzband riss, wog er 98 Kilogramm bei einer Grösse von 1,90 Meter. Bis im Januar 2019 legte er 15 Kilogramm Muskelmasse zu. «Bis hier bin ich sehr zufrieden», sagt Van Messel und zeigt mit seiner Hand von den Unterschenkeln bis zur Hüfte. Dann deutet er auf seinen Oberkörper: «Das hier ist ein Projekt für die nächsten zwei bis drei Jahre.» Es ist Selbstoptimierung in ihrer reinsten Form.

Das Meisterstück auf dem Stoos: Noe van Messel wird beim ersten Bergfest der Saison Dritter - hinter Joel Wicki und Pirmin Reichmuth. (Bild: Sven Thomann/Freshfocus (Stoos, 10. Juni 2019))

Das Meisterstück auf dem Stoos: Noe van Messel wird beim ersten Bergfest der Saison Dritter - hinter Joel Wicki und Pirmin Reichmuth. (Bild: Sven Thomann/Freshfocus (Stoos, 10. Juni 2019))

In der laufenden Saison zahlte sich die Arbeit erstmals aus. Beim ersten Kranzfest holte er seinen ersten Kranz. Beim zweiten und dritten Kranzfest legte er nach. Man hätte die Saison nach einem Monat stoppen können und sie wäre weit erfolgreicher gewesen, als er sich erhoffen durfte. Das Meisterstück folgte auf dem Stoos, als er Dritter wurde hinter den Königsanwärtern Joel Wicki und Pirmin Reichmuth. Man kann diese Leistung kaum genug hoch einstufen. In einer Zeitung erschien er prominenter platziert als Federer und Wawrinka, seine Mitschüler trauten ihren Augen nicht. «Ich wusste, dass ich bereit bin für diese Saison. Doch was ich bis jetzt erreicht habe, ist der Hammer», sagt Van Messel. Das Gespräch vor der Schwinghalle wird von einer Frau unterbrochen. Sie sagt: «Ich habe dich im Radio gehört. Du hast sehr gut geredet. Mach weiter so!» Es ist die frühere Handarbeitslehrerin des Schwingers. Ihr Stolz ist nicht überhörbar.

Dank seinen Kranzgewinnen hat Noe van Messel nun die Qualifikation für das Eidgenössische in Zug geschafft. Der Traum ist wahr geworden. Der Junge von damals ist nicht mehr ein Zuschauer, sondern selbst im Fernsehen.

Joel Wicki siegt im Schnellgang auf dem Stoos

Mit einer Machtdemonstration holt sich der Sörenberger Joel Wicki auf dem Stoos den zehnten Kranzfestsieg. Für Schlagzeilen sorgt auch das erst 17-jährige Zuger Talent Noe van Messel.
Simon Gerber