Umstrittener Megaanlass
Olympia in Tokio inmitten der Corona-Pandemie: Es sind die Spiele des Wahnsinns

Die Olympischen Sommerspiele in Japan haben vieles versprochen, lösen aber fast nichts davon ein. Schon lange vor dem Coronavirus zeigte sich, dass die Verantwortlichen entweder naiv oder unehrlich kommunizierten. Die Zeit der Pandemie machte dies der Bevölkerung im Land erst so richtig deutlich.

Felix Lill, Tokio
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Das 1,2 Milliarden Dollar teure Nationalstadion von Tokio, das Herz der Spiele, wird während der Olympischen Wettkämpfe aus 70000 leerbleibenden Sitzen bestehen.

Das 1,2 Milliarden Dollar teure Nationalstadion von Tokio, das Herz der Spiele, wird während der Olympischen Wettkämpfe aus 70000 leerbleibenden Sitzen bestehen.

Bild: AP/Keystone

«Die Olympischen Spiele werden den Sieg der Menschheit über das neuartige Coronavirus markieren.» Shinzo Abe, der diese Worte im März 2020 gegenüber der versammelten Presse in Tokio aussprach, regiert Japan schon seit fast einem Jahr nicht mehr. Aber an die Worte des Ex-Premiers dürfte sich noch jeder im Land erinnern. Im selben Monat mussten die Spiele um ein Jahr verschoben werden, weil es zumindest nicht mehr nach einem schnellen Sieg über die Pandemie aussah.

Knapp eineinhalb Jahre später steht die Eröffnung der weltgrössten Sportveranstaltung nun unmittelbar bevor und die Lage ist nicht besser geworden. Zwar sind von den Zehntausenden Athletinnen, Offiziellen und Journalisten rund 80 Prozent gegen das Coronavirus geimpft. In der japanischen Bevölkerung liegt dieser Anteil jedoch bei kaum 20 Prozent. In mehreren Gegenden im Land sind die Krankenhäuser überlastet. Über die Hauptstadt ist der Ausnahmezustand verhängt: Die Menschen sollen möglichst daheimbleiben.

Dennoch hat auch Yoshihide Suga, der Nachfolger von Shinzo Abe als Premierminister, dessen Worte dieses Jahr wiederholt. Und leitete dann nach und nach diverse Schritte ein, die offenbarten, dass Tokio diesen Sommer keineswegs den Sieg über die Pandemie verkünden kann. Ende Juni wurde ein ausgeklügeltes Konzept erarbeitet, mit dem bis zu 10000 Menschen in die Stadien gelassen werden sollten, um es Anfang Juli wieder zu verwerfen. Alle Stadien in und um Tokio bleiben nun leer. Zuschauer aus dem Ausland wurden schon im März ausgeschlossen.

Japans Bevölkerung möchte kein Olympia im Land

So heisst «Tokio 2020», wie sich die Spiele auch nach der Verschiebung noch offiziell nennen, in diesem Sommer kaum die Welt willkommen. Geht es nach der japanischen Bevölkerung, so ist dies auch besser so. Eine grosse Mehrheit im Land ist gegen die Austragung der Spiele, weil man sie für mittlerweile zu teuer und zu gefährlich hält.

Dreht man die Zeit um ein Jahrzehnt zurück, war die Stimmung damals schon ähnlich. Im März 2011 wurde Japan von der schwersten Katastrophe seiner jüngeren Geschichte erschüttert. Im Nordosten wurde ein Erdbeben der Stärke 9 gemessen, eine rund 20 Meter hohe Welle schwappte über die Küste. Der Tsunami führte zur Havarie des Atomkraftwerks Fukushima. Ungefähr 20000 Menschen starben, Hunderttausende verloren ihr Zuhause. Ganze Städte wurden unbewohnbar – und sind es bis heute.

Das Tokioter Bewerbungskomitee drückte bei der Sache ein Auge zu. Am Abend der IOC-Versammlung in Buenos Aires, die über das Austragungsrecht der 2020er-Spiele entschied, sagte der damalige Premierminister Shinzo Abe am 7. September 2013: «Einige von Ihnen könnten besorgt sein um Fukushima. Lassen Sie mich Ihnen versichern. Die Lage ist unter Kontrolle.» Für viele in Japan gilt Abe, der sich über die Jahre noch reichlich weitere fragwürdige Statements im Zusammenhang mit Olympia erlaubte, seit diesem Tag als Lügner.

Wegen der Spiele stockte der Wiederaufbau

Den Spielen von Tokio verlieh seine Regierung den Untertitel «fukkou gorin» – die «Spiele des Wiederaufbaus». Das Versprechen des Wiederaufbaus durch Olympia stösst vielen besonders sauer auf, weil mehrere Bauprojekte im Nordosten nicht zuletzt durch die hohe Aktivität in Tokio verhindert wurden. In der Hauptstadt war die Nachfrage nach Bauarbeitern und Materialien so hoch. Ökonomische Fragen rund um die Spiele sind generell zu einem Reizthema geworden. Als die japanische Gesellschaft anfangs skeptisch gegenüber den Tokioter Bewerbungsplänen war, rechneten die Verantwortlichen vor, wie sehr die Wirtschaft von Olympia profitieren würde. 32 Milliarden US-Dollar an Mehrwert würden sie schöpfen, hiess es. Und dies ohne Einsatz von Steuergeldern. Die sechs Milliarden US-Dollar, die das Bewerbungsbudget als Kosten veranschlagte, sollten aus privaten Quellen beschaffen werden.

Über die Zeit drehten die Zahlen. 2016 schätzte eine von der Tokioter Metropolregierung eingesetzte Budgetkommission, dass die Kosten der Spiele auf bis auf 30 Milliarden ansteigen könnten, wenn nicht dringend gespart würde. Und als unabhängige Ökonomen die Ertragsprognosen unter die Lupe nahmen, kritisierten sie grosse Übertreibungen. Auch die Verkündung, das Ganze würde keine Steuergelder kosten, war von Anfang an eine kreative Rechnung: Die Stadionbauten hatte man dafür ignoriert.

Ehrlichkeit war wohl von Anfang an keine Stärke der Organisatoren. Ebenfalls 2016 kam heraus, dass die französische Staatsanwaltschaft gegen den Chef des Bewerbungskomitees und damaligen Vorsitzenden des Japanischen Olympischen Komitees, Tsunekazu Takeda, wegen Verdachts auf Stimmenkauf ermittelt. Takeda beteuerte stets, das Austragungsrecht sei sauber erworben worden. Er trat dennoch zurück.

Deltavariante schürt zusätzliche Ängste in Tokio

Ähnlich erging es Anfang diesen Jahres Yoshiro Mori, ehemaliger Premierminister und bis dahin Vorsitzender des Tokioter Organisationskomitees. Als er gesagt hatte, Frauen ziehen Meetings ständig in die Länge, weshalb er lieber weniger davon in seinen Versammlungen sähe, folgte ein Sturm der Entrüstung. Auch er trat zurück.

Unter den Tokioter Organisatoren liegen die Nerven schon lange blank. Seit Wochen wird regelmässig gegen die Spiele protestiert. Die Rufe nach einer Absage kommen nicht nur von der Strasse und aus sozialen Medien. Diverse Gesundheitsexperten haben betont, dass Olympia statt zum Sieg über die Pandemie zu einem Superspreadingevent werden könnte – zumal das Infektionsgeschehen in Tokio seit Wochen von der aggressiveren Deltavariante geprägt ist. Und selbst der Kaiser, so berichteten es japanische Medien, soll besorgt sein angesichts der Situation. Allerdings darf sich dieser laut Japans Verfassung nicht politisch äussern. IOC-Präsident Thomas Bach hingegen sagte nach seiner Ankunft in Japan: «Das Wichtigste ist, dass diese Spiele stattfinden.» So etwas mag mal nach Frieden und Völkerverständigung geklungen haben. Dieser Tage wirkt es in Tokio eher wie eine Drohung.