OLYMPIA: Jonas Hiller macht Werbung in eigener Sache

Der Schweizer Eishockey-Nationaltorhüter Jonas Hiller war einst NHL-Pionier. Jetzt steht er vor dem letzten grossen Vertrag seiner Karriere.

Nicola Berger, Anaheim
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Von der NHL an die Olympischen Spiele in Sotschi: Anaheim-Goalie Jonas Hiller. (Bild: Keystone)

Von der NHL an die Olympischen Spiele in Sotschi: Anaheim-Goalie Jonas Hiller. (Bild: Keystone)

Auf den Höhenflug folgte die Enttäuschung: In der Lockout-Saison von 2013 hatten sich die Anaheim Ducks auf Platz 2 der Western Conference gespielt, im Playoff scheiterten sie aber bereits in der Startrunde gegen Detroit. Am 12. Mai waren die Ducks eliminiert, der Frust sass tief. Bei Jonas Hiller (31) ging das so weit, dass er Abstand brauchte vom Eishockey, er war übersättigt, genau dann, als die Schweizer Nationalmannschaft fleissig am WM-Silbermärchen von Stockholm schrieb. Hiller sah sich die Spiele nicht live an, nicht einmal den Final, aber er hat den Erfolg seiner Kollegen mit Wohlwollen registriert.

Hiller ist ja einer der Schweizer NHL-Pioniere, es ist noch nicht lange her, dass er und Mark Streit die einzigen Schweizer Kräfte in der besten Liga der Welt waren. Hiller erinnert sich noch sehr genau daran und stellt zufrieden fest: «Das Schweizer Eishockey hat enorme Fortschritte gemacht.»

Der Appenzeller sitzt in der Garderobe des Honda Center, seine Anaheim Ducks hatten gegen die Champions der Chicago Blackhawks mit 0:2 verloren, es war die dritte Niederlage in Serie. In Nordamerika liegen die Extreme ja immer nahe beieinander, gerade im Sport, der Abstieg vom Helden zur Null kann rasend schnell gehen. An diesem Abend sind die Journalisten indes nachsichtig, es war das letzte Heimspiel vor der Olympiapause und die Ducks führen die Tabelle in der Western Conference noch immer an.

Vertrag läuft im Sommer aus

Hiller hat gegen die Blackhawks exzellent gehalten, von den Journalisten indes interessiert sich niemand für ihn. Während er sich ungestört seiner Ausrüstung entledigt, wird Teemu Selänne (43) von einer ganzen Horde an Medienschaffenden umringt. Mit gutem Grund: Selänne steht vor seinen sechsten Olympischen Spielen.

Für Hiller steht erst die zweite Teilnahme an, aber das macht ihn nicht weniger interessant. Es gibt um seine Person in diesen Tagen viele spannende Fragen: Wie sieht er seine Zukunft? Verlängert er bei den Ducks? Mit welchen Erwartungen fliegt er nach Sotschi?

Was die Vertragssituation in Anaheim angeht, kann Hiller kein Licht ins Dunkel bringen, so gerne er auch würde. Sein mit 4,5 Millionen US-Dollar dotiertes Arbeitspapier verliert im Sommer nach vier Jahren seine Gültigkeit. Hiller würde gerne bleiben, er hat sich an den relaxten «Way of Life» in der Sonnenstube der USA gewöhnt. Er sagt: «Ich muss mir nie überlegen, ob ich zum Training noch eine Jacke anziehen soll. Es sind diese kleinen Dinge, die man schätzen lernt.»

Der «Vertigo»-Schock

Hiller nimmt solche Details wieder bewusster wahr, seit er im Februar 2011 an «Vertigo» erkrankte und der Horrorbegriff Karriereende im Raum stand. Er klagte über Schwindelgefühle und hatte Probleme mit dem Sehvermögen. Der Torhüter sagt: «Das war schon beängstigend. Zumal mir niemand sagen konnte, wann ich wieder gesund sein werde.»

Doch er hatte Glück, das Virus verschwand so wie es gekommen war: Über Nacht, zum Start der Saison 2011/2012, war der Appenzeller beschwerdefrei. Die schweren Wochen waren für ihn auch eine Lebenslektion. Er sagt: «Wenn ich mit meiner Leistung nicht zufrieden war, habe ich mich immer weiter gepusht. Bei Vertigo musste ich lernen, auch einmal einen Schritt zurückzumachen.»

Das ist Hiller ganz gut gelungen, er gehört heute zu den besseren Torhütern in der NHL, in der laufenden Saison kassiert er durchschnittlich 2,35 Gegentore – nur zwölf Keeper müssen weniger oft hinter sich greifen.

Mit seinen starken Darbietungen stellt Hiller das Management der Ducks vor einen delikaten Entscheid. Keine andere NHL-Organisation verfügt über so viele hochklassige Goalietalente, wie die Ducks: Frederik Andersen (24), Viktor Fasth (31) und John Gibson (20) haben allesamt das Zeug zur Nummer 1, Hiller, das ist die bittere Wahrheit, wird in Anaheim über diese Saison hinaus eigentlich nicht mehr benötigt, zumal die drei Konkurrenten substanziell weniger kosten.

Hiller will in Kalifornien bleiben

Sollte der Blondschopf im Sommer auf den freien Markt kommen, kann er problemlos ein Salär von über fünf Millionen Dollar fordern, ein Team wie Edmonton würde das sofort bezahlen. Das Problem ist nur, dass es Hiller nicht wegzieht aus Kalifornien, jetzt, nach sieben Jahren. Er sagt: «Ich verdiene lieber 500 000 Franken weniger, wenn ich dafür hier bleiben kann.» Man kann das verstehen, Hillers Arbeitsumfeld bewegt sich nahe der Perfektion: Die Ducks dürften auf Sicht regelmässig um den Titel mitspielen, der Druck ist verhältnismässig gering, weil sich in Südkalifornien eine Mehrheit nicht für Eishockey interessiert, und Hiller bewohnt in Newport Beach ein schickes Haus direkt am Meer. Klar, dass er da sein Anaheim-Abenteuer verlängern möchte. Er sagt: «Ich habe hier alles, was ich brauche.»

Ob sein Wunsch erfüllt wird, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Gemäss Hiller haben vor Wochen erste Vertragsgespräche stattgefunden, er sagt aber selber: «Es kann sein, dass die Ducks für mich keinen Platz mehr haben.»

Der Hunger auf Erfolg

Entsprechend bleibt Hiller nichts anderes übrig, als eifrig Werbung in eigener Sache zu betreiben. In der NHL, aber auch in Sotschi.

Für Olympia hat die Schweizer Nummer 1 grosse Ziele. Er sagt: «Ich freue mich extrem darauf, für die Nationalmannschaft zu spielen. Es ist ja schon wieder vier Jahre her, seit ich das letzte Mal dabei war.» 2010 in Vancouver war das, wer das Kader anschaut, fühlt sich zurückversetzt in eine andere Epoche: Hiller und Streit waren die einzigen NHL-Profis und Thierry Paterlini noch Nationalspieler.

Heute ist alles anders, die Schweizer treten mit mindestens acht NHL-Akteuren an. Klar, dass auch Hiller von einer Medaille träumt. Der Olympiafinal ist für den 23. Februar angesetzt, Jonas Hiller ist an dem Tag noch nicht verplant. Er sagt, sein Hunger sei gross. Auf Eishockey. Und Erfolg.