Olympia-Kolumne
Wie ich mit Armeniens muskelbepackten Ringern in der Nudel-Bar auf Tuchfühlung ging – und meinem Olympia-Aus entkam

Journalist Simon Häring berichtet hier von Nebenschauplätzen bei seinem Arbeitsaufenthalt bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Simon Häring
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Wer dieser Tage nach Japan reist, muss sich am Flughafen auf lange Wartezeiten gefasst machen.

Wer dieser Tage nach Japan reist, muss sich am Flughafen auf lange Wartezeiten gefasst machen.

Jae C. Hong / AP

Wer dieser Tage nach Japan reist, braucht Geduld. Sieben Stunden dauerte die Einreiseprozedur am Flughafen Narita. Vorzuweisen hatte ich: zwei vor der Abreise gemachte PCR-Tests, eine Health Card, einen mehrseitigen Fragebogen und ein schriftliches Versprechen («Written Pledge»), mich zuvor nicht in einem Risikogebiet aufgehalten zu haben. Dazu musste ich nach Ankunft zum Spucktest antreten. So weit, so gut. Wär da nicht das Chaos, das die heillos überforderten Helfer verursachen. Denn auf mein Testergebnis wartete ich vier Stunden geschlagene, weil eine Helferin mit einer von Hand geführten Liste ein Durcheinander gemacht hatte.

Simon Häring.

Simon Häring.

Sandra Ardizzone

Bei einigen Reisenden lagen die Nerven ob dieses grösseren Missgeschicks dermassen blank, dass sie eine bemitleidenswerte Helferin drangsalierten, bis diese in Tränen ausbrach. Die Einreise machte das auch nicht schneller.

Doch genug gejammert. Denn die Wartezeit in einer umfunktionierten Nudel-Bar gab mir Gelegenheit, allerlei Kurioses zu beobachten, und mit den Olympia-Teilnehmern, die ebenfalls über Wien nach Tokio gelangt waren, ein erstes Mal auf Tuchfühlung zu gehen – natürlich immer mit dem gebotenem Abstand. Oder sie zumindest zu beobachten.

Eine kleine Typologie: Die Österreicher nutzten auf dem Flug der Austrian Airlines ihren Heimvorteil, schäkerten mit den Flugbegleiterinnen und staubten Croissants à discrétion ab. Nicht bekannt ist mir allerdings, ob es sich bei den Schleckmäulern allenfalls um Judokas gehandelt haben könnte, deren Appetit sich später beim Wägen noch rächen könnte.

Chilenen mit zwei Masken, Schutzbrille und Visier

Ganz sicher bin ich hingegen, dass es sich bei den Athleten, die in der Kluft Armeniens reisen, um Ringer handelt. Die muskulösen Arme und die Nase verraten sie. Diese ist deshalb gut sichtbar, weil es die Armenier mit der Maskentragepflicht nicht so genau nehmen. Irgendwie verständlich, dass sich keiner traut, die Durchsetzung der Regeln einzufordern. Wir werden alle Zeuge davon, wie die starken Männer mit engelsgleicher Stimme in ihre Handys wispern, wenn sie mit ihren Müttern videotelefonieren.

Die Prozesse haben sich offenbar noch nicht eingespielt. Es ist hektisch, die von Hand geführten Listen fehlerhaft, die Nerven angespannt.

Die Prozesse haben sich offenbar noch nicht eingespielt. Es ist hektisch, die von Hand geführten Listen fehlerhaft, die Nerven angespannt.

AP

Besonders vorsichtig aufgetreten sind am Flughafen hingegen die Vertreter einer chilenischen Reisegruppe: sie tragen zwei Masken, eine Schutzbrille und ein Visier, wie Sie es vielleicht vom Zahnarztbesuch kennen. Genützt hat das offenbar nicht. Der erste Athlet, der sich von den Olympischen Spielen zurückziehen musste, weil er positiv auf das Coronavirus getestet worden war, ist ein Taekwondo-Kämpfer aus Chile. Mein Glück: Ich sass nicht im gleichen Flugzeug. Mein Olympia-Abenteuer geht weiter. Oder besser: es beginnt, nachdem ich drei Tage in Quarantäne verbracht habe.