Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

OLYMPISCHE SPIELE: «Ich verstehe jeden Athleten, der absagt»

Ist der Hype um Zika nicht bloss Angstmache? Und wie schützt man sich richtig vor einem Mückenstich? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Kerstin Warnke.
Interview Andreas Ineichen
Kerstin Warnke, die leitende Ärztin der Schweizer Olympiadelegation, geniesst in dieser Woche den Sommer in Ennetbürgen – morgen fliegt sie ab in den Winter von Brasilien. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Kerstin Warnke, die leitende Ärztin der Schweizer Olympiadelegation, geniesst in dieser Woche den Sommer in Ennetbürgen – morgen fliegt sie ab in den Winter von Brasilien. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Interview Andreas Ineichen

Kerstin Warnke*, Chief Medical Officer von Swiss Olympic, wird am Montag nach Rio de Janeiro abfliegen. Sie will die zehn Tage bis zum Beginn der Olympischen Spiele dazu nutzen, um die Angebote der Poliklinik im Olympic Village bezüglich Tropenkrankheiten zu prüfen und die Qualität der medizinischen Versorgung innerhalb der Olympic Venues zu evaluieren. Zudem wird sie die medizinischen Untersuchungszimmer in der Schweizer Unterkunft einrichten und entsprechende Material-kisten auspacken. Eine Woche später werden die weiteren Ärzte, Physiotherapeuten, weitere Staff-Mitglieder und eine erste Tranche an Athleten folgen. Rio de Janeiro ist wegen des durch die Tigermücke übertragenen Zika-Virus und hygienischen Problemen zu einer Herausforderung für die Schweizer Delegation und ihre Anhänger geworden.

Kerstin Warnke, wie viele Flaschen Mückenspray packen Sie in Ihr Gepäck ein?

Kerstin Warnke: (Schmunzelt.) Drei. Wir haben jetzt schon eine Ladung von ungefähr 50 Flaschen in Rio. Die sind mit dem Schiffscontainer gekommen. Nun hat der Veranstalter mitgeteilt, dass er auch noch zwei Flaschen pro Athlet zur Verfügung stellt. Darum sollte unser Vorrat meiner Ansicht nach ausreichen. Vor drei Jahren haben wir nach Mückenspray beim Organisator nachgefragt, doch damals hiess es, es gebe nichts. Da hat durch die weltweite Berichterstattung in den letzten Monaten ein Umdenken stattgefunden.

Werden Sie sich nachts unter ein Moskitonetz legen?

Warnke: Nicht nur nachts. Die Mücken, die das Dengue-, das Chikungunya-Fieber und das Zika-Virus übertragen, sind mehrheitlich tagaktiv. Immer, wenn man sich hinlegt, ist deshalb das Moskitonetz zu empfehlen. Das haben wir auch allen Athleten geraten. Aber wir können niemanden zu seinem Glück zwingen. Wir haben für alle, die Moskitonetze wollen, genügend vor Ort. Und diejenigen, die in externen Unterkünften untergebracht sind, haben die Moskitonetze schon da. Das Gleiche gilt auch für das Mükorex, ein Insektizid, das als Kontaktgift auf Insekten wirkt und für den Menschen absolut ungiftig ist. Man sprüht es auf die Kleider und das Moskitonetz. Wenn sich ein Insekt darauf setzt, wird es sterben. Gerade bei externen Unterkünften, wo es auch anderes «Ungeziefer» wie zum Beispiel Wanzen haben könnte, finde ich das sehr nützlich.

Ist der Hype um Zika aber nicht auch Angstmache? Die WHO hält die Durchführung der Olympischen Spiele für unbedenklich, und Christoph Hatz, Professor am Tropeninstitut in Basel, sagte jüngst, im August gebe es in Rio keine Mücken mehr, weil Winter sei. Wo ist also das Problem?

Warnke: Generell hat Professor Hatz Recht, aber das Klima ist weltweit unberechenbar geworden. Das Problem ist, dass in Rio derzeit Temperaturen um die 29 Grad Celsius herrschen und es immer wieder regnet. Das ist kein Winter. Wintertemperaturen würden bedeuten, dass es zwischen 18 und 21 Grad kühl und trocken ist. Aber bei Temperaturen um die 29 Grad und Regen herrschen optimale Bedingungen für die Vermehrung von Mücken. Aber warten wir mal ab, wie das Wetter wirklich sein wird.

Man muss auch festhalten, dass die Tigermücke gefährlichere Krankheiten übertragen kann als das Zika-Virus.

Warnke: Genau. Die Mücken verbreiten neben Zika auch das Gelb-, das Dengue- und das Chikungunya-Fieber, und wenn man die Anzahl Infektionen weltweit betrachtet in Relation zu den Menschen, die daran sterben, ist das Denguefieber gefährlicher als Zika. Letzteres ist deshalb in den Vordergrund gerückt, weil es das ungeborene Leben betrifft, und das macht sehr viele Menschen mehr betroffen. Man kann Zika übertragen durch Sex.

Wie hoch ist die Gefahr, dass man sich in Rio mit Zika ansteckt?

Warnke: Es gibt eine epidemiologische Studie, die besagt, dass es 1,8 Infektionen auf eine Million Touristen gibt, also ohne sexuelle Übertragung berechnet. Das ist nicht viel, aber wenn es mehr Mücken wegen des warmen und feuchten Wetters haben sollte, reicht ein Stich und Pech, um Zika zu bekommen. Ich will nicht, dass sich ein Athlet mit Zika ansteckt, weil dahinter ja ein Schicksal steht. Deshalb müssen wir Vorkehrungen treffen – egal was die Statistik sagt.

Mit Jordan Spieth, Jason Day, Dustin Johnson und Rory McIlroy haben die vier weltbesten Golfer ihre Olympia-Teilnahme abgesagt, dazu verzichten auch die Tennisspieler Tomas Berdych und Milos Raonic. Haben Sie in jedem Fall Verständnis für eine Absage, oder kann das Zika-Virus auch bloss ein Vorwand sein?

Warnke: Ich habe für jeden Athleten Verständnis, der aus irgendeinem Grund Angst vor irgendetwas hat. Wenn man Angst hat, kann man nicht 100 Prozent Leistung erbringen. Und wenn man Angst hat, krank zu werden, ist die Krankheit schon ein Schrittchen näher gerückt. Wenn die Tennisspieler wegen Zika absagen, muss man ihnen glauben. Im Tennis ist ja die ganze Elite am Start, und einige wie Federer oder Murray haben das Turnier in Toronto abgesagt wegen der Vorbereitung auf Rio. Bei den Golfern ist das Problem, dass der Wettkampfkalender nicht abgestimmt worden ist auf das Comeback dieser Sportart in Rio, und viele werden abwarten und schauen, ob es sich lohnt, die Vorbereitungen auf ein Major-Turnier für Olympia zu unterbrechen. In der Zukunft wird das wohl anders ausschauen. In jedem Fall würde ich aber einer Frau, die schwanger ist, empfehlen, auf Rio zu verzichten. Selbstverständlich auch, wenn sie bloss Zuschauerin ist.

Hat es unter den 109 Schweizer Athletinnen und Athleten welche gegeben, die ihre Teilnahme wegen Zika in Frage stellten?

Warnke: Wir haben Zika schon seit drei Jahren auf dem Radar und haben für die Schweizer Athletinnen und Athleten eine Broschüre über Infektionskrankheiten, die durch Mücken übertragen werden können, entwickelt. Wir haben alle Teilnehmer und ihre Entourage früh für die Probleme sensibilisiert. So sind unsere Athleten durch die aktuelle Berichterstattung über Zika nicht überrascht worden, deshalb gab es wirklich nur wenige Anfragen.

Kann man sagen, dass Golf an den Olympischen Spielen die gefährlichste Sportart ist bezüglich einer Zika-Infektion?

Warnke: Nein, das würde ich so nicht sagen. Der Golfer steht zwar neben Wasserhindernissen und muss da spielen. Wasserhindernisse sind die ideale Brutstätte für Mückenlarven, und so gesehen ist das Risiko etwas höher. Das Gleiche gilt aber auch für die Segler, deren Risiko einer Infektion auf offener See abnimmt, aber auch die Ruderer sind nahe am Wasser. Alle haben wir sie in separaten Vorträgen informiert, und sie konnten Fragen stellen. Die Information über diese Krankheiten war das Wichtigste überhaupt in unserer Vorbereitung auf Rio.

Wo bekommt man als Schweizer Tourist, der sich schützen will, dieses Mükorex?

Warnke: Man kann es in den Tropen­instituten von Zürich, Basel und Bern kaufen, aber es wird nicht auf Bestellung geliefert. Weil das Mittel wasserlöslich ist, muss man es zum Beispiel nach einer Kleiderwäsche neu auftragen.

Bei der Ansteckung mit dem Dengue- oder dem Chikungunya-Virus kriegt man als Reaktion über 40 Grad Fieber, bei Zika hingegen muss es nicht mal überhöhte Temperatur geben. Wie verhält man sich richtig bei Verdacht auf eine Infizierung?

Warnke: Das grosse Problem bei Zika ist, dass man höchstens 38 Grad Fieber hat, also wie in der Schweiz bei einer viralen Erkältung. Der Leistungssportler weiss, dass er sich bei jedem Erkältungssymptom bei uns melden muss. Dann werden wir die Situation evaluieren, eine Laborkontrolle machen und gucken, ob die Entzündungswerte erhöht sind oder nicht. Die Poliklinik im olympischen Village hat ein Labor, in dem wir dann weitere Tests veranlassen können. Wenn die Infektion ganz frisch ist, kann man die RNA des Virus im Blut nachweisen, dann bis zu neun Tage noch im Urin. Nach zehn Tagen kann man nur noch die Antikörpertests machen. Dabei ist das Problem, dass diese nicht absolut spezifisch sind. Also wenn jemand Dengue-Virus hat, kann es eine Kreuzreaktion geben. Das heisst: Man glaubt, er hat Dengue, dabei hat er Zika – und umgekehrt. Dafür müsste man einen weiteren spezifischen Test machen lassen, und ich bezweifle, ob sie den in der Poliklinik in Rio anbieten. Die Forschung in dem Bereich wird stark vorangetrieben, vor allem in den USA als direkten Nachbar zu Zentralamerika, und die haben mit www.cdc.gov die beste Internetseite, um sich über Infektionskrankheiten zu informieren.

Und wie verhalte ich mich als Zuschauer richtig bei einem Verdacht auf Infizierung?

Warnke: Wer in Rio erkältet war und die Familienplanung vorantreiben will, muss sich nach der Rückkehr unbedingt vom Hausarzt beraten lassen. Wenn man auch ohne das Auftreten von Symptomen 100-prozentige Sicherheit will, verhütet beim Sex während sechs Monaten, bevor die Familienplanung wieder aufgenommen wird. Aber wo gibt es schon 100-prozentige Sicherheit?

Neben den Infektionskrankheiten gibt es noch das Hygieneproblem mit der Wasserqualität in Rio. Wie verhält sich die Schweizer Delegation da?

Warnke: An allen Wettkampfstätten in Rio sind bei einer Untersuchung im März letzten Jahres Escherichia-coli-Bakterien aus den Wasserleitungen gekommen, das ist ein Darmbakterium und ein Beweis dafür, dass das Wasser mit Fäkalien verschmutzt ist. Ein ziemlich grosses Problem. Unsere Athleten haben deshalb ein Desinfektionsmittel bekommen, mit dem sie die Hände einreiben müssen, bevor sie etwas essen. Auch wenn sie geduscht oder die Hände gewaschen haben, bedeutet es nicht, dass sie sauber sind. Sie müssen die Hände desinfizieren.

Was bedeutet das für die Sportarten, die im Wasser stattfinden?

Warnke: Die Segler und die Ruderer spritzen ihre Boote ab, weil das Wasser so verschmutzt ist. Darüber hinaus desinfizieren die Ruderer noch ihre Griffe. Überall im olympischen Dorf sind Spender aufgestellt, damit man die Hände desinfizieren kann. Ein weiteres Problem, auf das man vorbereitet sein muss, ist die Grippeepidemie. Wenn wir diese bei uns im Dezember und im Januar haben, tritt sie in der südlichen Hemisphäre im August auf. Deshalb haben wir die Grippeimpfung allen Athleten empfohlen und ihnen den Impfstoff der Südhemisphäre zur Verfügung gestellt. An den Ankleidungstagen für Rio 2016 konnten sich alle Athleten, Betreuer und Officials impfen lassen.

Hinweis

* Kerstin Warnke ist die leitende Ärztin der Sportmedizin am Luzerner Kantonsspital. Sie betreut zum vierten Mal die Schweizer Athleten an den Olympischen Sommerspielen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.