Erdogan-Affäre

Özil-Rücktritt: Ein Foto wird zur Staatsaffäre

Mit einem Rundumschlag verabschiedet sich Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft. In der Affäre, in der es nur Verlierer gibt, geht es um weit mehr als bloss um Fussball.

Fabian Hock
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Der Stein des Anstosses: Mesut Özil (l.) posiert mit dem autoritären türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Der Stein des Anstosses: Mesut Özil (l.) posiert mit dem autoritären türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Getty Images

Wenn sich die Kanzlerin, der Bundespräsident und das halbe Parlament in einer Sache zu Wort melden, dann handelt es sich wohl unzweifelhaft um eine Staatsaffäre. In deren Zentrum: Mesut Özil. Der Weltmeister von 2014 hatte am Sonntagabend seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt – und dabei kräftig gegen die Medien und den Deutschen Fussball-Bund (DFB) ausgeteilt. Reinhard Grindel, dem Präsidenten des DFB, warf Özil Inkompetenz und Rassismus vor.

In der Folge entlädt sich nun in Deutschland, was sich seit den umstrittenen Fotos der beiden türkischstämmigen Nationalspieler Özil und Ilkay Gündogan mit dem autokratischen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan kurz vor der WM aufstaute. Und dies, wie in Deutschland in solch einem Fall üblich, mit einer gewissen Hysterie.

Am lautesten polterte gestern Uli Hoeness, der Präsident des FC Bayern München. «Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt», sagte er der «Bild». «Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen», so Hoeness in Richtung Özil. Wie viel der Bayern-Boss von jener WM selbst gesehen hat, ist nicht bekannt. Er trat zwei Wochen vor dem Turnier seine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung in der Justizvollzugsanstalt Landsberg an. Hoeness von Özils Qualitäten zu überzeugen, vermochte derweil auch nicht die Mehrheit der Fans des DFB-Teams, die den Spielmacher in fünf der letzten acht Jahre zum «Nationalspieler des Jahres» wählten.

Fussball-Fakten helfen in einer solchen Debatte ebenfalls nur bedingt weiter. Etwa, dass Özil seit seinem Nationalmannschaftsdebüt mehr Torvorlagen geliefert hat als jeder andere Spieler im DFB-Dress. Denn darum geht es längst nicht mehr. «Özil» steht inzwischen für die ganz grossen Fragen: Kann Integration überhaupt gelingen? Und wie rassistisch geht es in Deutschland heute zu?

Zwei Lager

Ein Wortgefecht, das die Stimmungslage recht gut auf den Punkt bringt, lieferten sich gestern Justizministerin Katarina Barley (SPD) und Ex-Familienministerin Kristina Schröder (CDU) via Twitter. Barley findet, es sei «ein Alarmzeichen, wenn sich ein grosser, deutscher Fussballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt». Schröder dagegen erkennt «ja eher ein Alarmzeichen, wenn die Politik auf den billigen und beliebten Versuch reinfällt, mit dem Rassismusvorwurf das eigene Verhalten gegen jede Kritik zu immunisieren». Je weiter nach rechts beziehungsweise links man schaut, desto radikaler fällt das Urteil aus. Die AfD sieht sich bestätigt, dass Integration einfach nicht funktioniert. Die Linke verurteilt den aus ihrer Sicht umgreifenden Rassismus.

Angela Merkel bemüht sich derweil um Deeskalation: «Mesut Özil ist ein toller Fussballspieler, der viel für die Fussball-Nationalmannschaft geleistet hat», sagte eine Regierungssprecherin am Montag in Berlin. Özil habe jetzt eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren sei.

Die Kanzlerin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatten die potenzielle Sprengkraft der Affäre früh erkannt – und versuchten bereits vor dem Turnier in Russland zu schlichten. Steinmeier empfing Özil und Gündogan im Schloss Bellevue, die Kanzlerin äusserte sich in einer Talkshow. «Ich finde, wir brauchen jetzt alle, damit wir gut abschneiden», sagte sie damals. «Deshalb würde ich mich freuen, wenn mancher Fan auch klatschen könnte.»

Mancher Fan klatschte. Aber längst nicht jeder. Und die, die klatschten, taten es nicht lange.

Als der schlimmste Fall in Russland – Aus in der Vorrunde – dann tatsächlich eintrat, schien klar: Die Causa Özil/Gündogan muss irgendwie dazu beigetragen haben. Der öffentliche Druck stieg. Die Anfeindungen nahmen zu. Grindel verlangte eine Stellungnahme vom bis dahin schweigsamen Özil. Die hat er am Sonntag bekommen. Gepfeffert, auf Englisch, drei Seiten lang. «In den Augen Grindels und seiner Unterstützer bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren», liess Özil verlauten.

So ernst die Lage und die Vorwürfe sind: Die Art und Weise, wie der Star von Arsenal London seine Botschaft unters Volk brachte, lässt erahnen, welche Zielgruppe Özils Berater im Auge hatten, als sie (mutmasslich) den Text formulierten. Die internationale Marke «Özil» – oder «MÖ10», wie es in Zeiten von «CR7» und #ZSMMN konsequenterweise heisst – erreicht über die sozialen Medien immerhin 70 Millionen Nutzer.

Gewinner gibt es in der Affäre Özil keine. Verlierer jede Menge. Zuvorderst der DFB, dessen Krisenmanagement, vorsichtig formuliert, für Erstaunen sorgt. Özil selbst, der es bis heute nicht geschafft hat, sich von einem Machthaber zu distanzieren, der Hunderte Menschen einsperrt, weil sie eine andere politische Meinung vertreten. Deutschland, das in der ohnehin schon aufgeheizten Lage in Sachen Integrationsbemühungen um Jahre zurückgeworfen wird.