Fussball

«Pandabären in Basel? Das schaffst du nie!»

Ein Fussball-Gespräch mit Guy Morin und Alexander Tschäppät, den politischen Chefs von Basel und Bern, über die Dominanz des FC Basel, die Titel-Sehnsucht in Bern und die Tatsache, dass Fussball nicht alles im Leben ist.

Etienne Wuillemin und Fabio Vonarburg
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Was, wenn Embolo in Bern geboren wäre? «Dann hätten ihn die FCB-Scouts längst nach Basel geholt!»

Was, wenn Embolo in Bern geboren wäre? «Dann hätten ihn die FCB-Scouts längst nach Basel geholt!»

KEYSTONE

Es ist kurz nach 9 Uhr an diesem Freitagmorgen, als Alexander Tschäppät in seinem Büro in Bern zum Telefonhörer greift. «Kommst du am Sonntag zum Spiel, ich lade dich ein», begrüsst der Basler Regierungspräsident Guy Morin am anderen Ende der Leitung Tschäppät. «Danke, aber die Depression kann ich auch zu Hause feiern», antwortet der Berner Stadtpräsident. Es ist der Beginn eines kurzweiligen Interviews mit den ranghöchsten lokalen Politiker.

Hat Basel ab und zu auch Mitleid mit der Fussball-Restschweiz?

Guy Morin: Also wenn ich Alexander Tschäppät so reden höre, dann schon ein bisschen. Wir produzieren gerade Medikamente gegen Depressionen.
Alexander Tschäppät: Die brauchen wir selbstverständlich nicht. Schokolade soll das Gemüt beruhigen – und da sind wir in Bern mit der Toblerone bestens bedient.

«Mein Wunschtraum: Der FCB im Europa-League-Final zu Hause!» – Guy Morin, Regierungspräsident Basel (Grüne).

«Mein Wunschtraum: Der FCB im Europa-League-Final zu Hause!» – Guy Morin, Regierungspräsident Basel (Grüne).

Nicole Nars-Zimmer

Wie ist es, ständig Mitleid ertragen zu müssen, weil YB immer dann verliert, wenn es wirklich zählt?

Tschäppät: Wir müssen neidlos anerkennen, dass der FCB ein Vorbild ist, was die Nachwuchsförderung angeht. Und jetzt die Ernte einfährt für die jahrelange Arbeit. Das haben alle anderen Klubs ein wenig verpasst. Aber YB ist schon nah dran an Basel ...
Morin (unterbricht): Elf Punkte! Elf!
Tschäppät: Ja, also am Sonntag dann noch acht. Aber klar, die Meisterfeier dieses Jahr ist euch. Nur: Wenn Aarau nächste Saison dann nicht mehr in der Super League spielt, ist der Rückstand schon fast aufgeholt – so viele Punkte wie wir gegen Aarau vergeben ...

Was macht Basel besser als der Rest?

Morin: Wer einmal hoch oben ist, immer wieder Erfahrungen macht in der Champions League, der profitiert davon auch in der Meisterschaft, macht in entscheidenden Situationen vieles richtig und strahlt das «Wir-sind-unbesiegbar» auch aus – und selbst die Gegner glauben es. Zudem kommt die gute Nachwuchsförderung. Nehmen wir Embolo, kürzlich erst 18 geworden und strahlt national wie international trotzdem schon eine enorme Reife aus.

Ist es nicht auch Zufall, dass der Lebensgefährte von Embolos Mutter in der Nähe von Basel wohnt?

Morin: Wenn Embolo im Raum Bern aufgewachsen wäre, dann hätten ihn unsere Scouts sicher früh entdeckt und dann eben nach Basel geholt.
Tschäppät: Diese Antwort kann ich noch akzeptieren, solange du nicht sagst, als Berner wäre Embolo viel zu langsam (lacht). Das Problem ist doch: Wer hat, dem wird gegeben: Basel ist erfolgreich, darum steigt der Marktwert der Spieler, darum steigen die Transfererlöse, also kann der Verein mehr in die Jugend investieren. Das ist die Spirale, die für jene, die darauf sitzen, unglaublich toll ist – und alle anderen hinterherhinken lässt.
Morin: Aber YB liegt ja jetzt auf Rang zwei, da könnt ihr auch in die Champions League.
Tschäppät: Zumindest einmal in die Qualifikation, wir wollen bescheiden bleiben. Ich als Berner oder Schweizer überhaupt muss ja Basel dafür danken, dass wir die halbe Liga nach Europa schicken können.
Morin: Danke für die Blumen!
Tschäppät: Schon gut, du kannst ja dann Läckerli zurückschicken.

Gibt es etwas, das der FCB von YB lernen kann?

Tschäppät: Sag jetzt ja nicht ‹Geduld›!
Morin: Zuversicht und Optimismus. Wenn wir schon beim Wünschen sind: Mein Wunschtraum wäre, dass der FCB nächstes Jahr im Europa-League-Final spielt, wenn er in Basel stattfindet.
Tschäppät: Immer diese Bescheidenheit, das spricht eben für euch. Wenn ich Basler Regierungspräsident wäre, würde ich sagen: ‹Lieber im Champions-League-Final irgendwo als im Europa-League-Final zu Hause.› Ich wäre schon froh, wenn wir nach fast 30 Jahren einfach wieder einmal Meister werden. Das wird auch eintreffen, schliesslich habe ich das meinen Wählern für mein letztes Amtsjahr versprochen – und ich halte meine Wahlversprechen.
Morin: Apropos Versprechen: Ich habe versprochen, dass wir einmal Pandabären haben im Zolli. Vielleicht ist das sogar noch ein bisschen schwieriger als ein Titel mit YB.
Tschäppät: Pandabären im Zoo, das schaffst du nie, aber ihr könntet doch unsere Braunbären ausleihen, die sind gerade in den Ferien im Jura. Aber die sind euch ja zu wenig, oder? Das wäre ein bisschen wie Zweiter in der Meisterschaft ... (Stille) ... Hallo? Bist du noch dran?
Morin: Ja!
Tschäppät: Wenn du ‹Basel› und ‹Zweiter in der Meisterschaft› in einer Kombination hörst, verschlägt es dir sofort die Sprache.
Morin: Nein, nein – ich will lieber die Pandabären, die sind zwar etwas faul, aber härzig.

«Der unbändige Hunger ist für einen YB-Trainer schwer zu vermitteln.» – Alexander Tschäppät, Stadtpräsident Bern (SP).

«Der unbändige Hunger ist für einen YB-Trainer schwer zu vermitteln.» – Alexander Tschäppät, Stadtpräsident Bern (SP).

Keystone

Züri-West-Sänger Kuno Lauener sagte kürzlich den Satz: «Rang zwöi isch o suberi Büez!» Ist es das wirklich?

Tschäppät: Ich würde sagen: Das war ‹suberi Büez›, aber jetzt ist dann mal Rang eins angesagt! Das dünkt mich eben das Problem bei YB, diese ständige Wohlfühlstimmung und schnelle Zufriedenheit. Das setzt sich in den Köpfen der Spieler fest. Der unbändige Hunger ist für einen YB-Trainer sehr schwierig zu vermitteln.

Sind Sie als Berner manchmal neidisch auf die totale Identifikation der Basler mit ihrem FCB und den absoluten Erfolgshunger?

Tschäppät: Nein, die Identifikation ist in Bern nicht anders. Die Euphorie verteilt sich vielleicht einfach auf mehrere Vereine. Es gibt auch den FC Thun, im Eishockey den SCB, Fribourg, Biel, Langnau – alle innerhalb von fast 30 Kilometern. In Basel ist der FCB konkurrenzlos. Und klar ist auch: Fussball ist und bleibt ein Sport. Wer nach einer Niederlage am Wochenende am Montag immer noch griesgrämig ist, misst dem Sport eine zu hohe Bedeutung zu. Die Welt hat noch ein paar andere Sorgen und Probleme als die drei Punkte.

In Basel ist das eben anders. Dort ist Fussball mehr als Sport.

Morin: Es gibt auch in unserem Regierungskollegium einige Kandidaten, denen man sehr deutlich anmerkt, wie der FCB spielte. Viele Basler leben mit dem FCB und brauchen bei einer Niederlage Zeit, um sich zu erholen. Aber das kommt in letzter Zeit ja nicht so häufig vor. Der FCB-Spielplan ist für viele auch das erste, was in die Agenda kommt. Ferien werden darum herum geplant – genauso wie manche kulturelle oder gesellschaftliche Anlässe der Stadt im Übrigen auch.

Wie denkt Basel über Paulo Sousa?

Morin: Es sind eher gemischte Gefühle. Er ist schon ein ziemlich spezieller Typ, von aussen dünkt er einen etwas unnahbar und auch seine Aufstellungen verstehen wir nicht immer. Aber er hat das Team im Griff und ist sehr präsent bei der Mannschaft, anders als Murat Yakin damals.

Herr Morin, können Sie sich vorstellen, dass Ihre Stadt mehr als 10 000 Tage auf einen Titel warten muss?

Morin: Wie viele Jahre sind das?
Tschäppät: Du musst es nicht ausrechnen, damit hat ganz Bern genug Erfahrung.

Im Juni 1987 wurde YB Cupsieger. Basel ist mittlerweile seit bald 2000 Tagen ununterbrochen Meister.

Tschäppät: Jetzt könnt ihr noch die Tage bis im Mai 2016 dazuzählen. Dann wandert der «Chübu» nach Bern.
Morin: Wollen wir wetten? Um eine Champagnerflasche?
Tschäppät: Klar! Aber nicht nur 7 Deziliter. Wir wollen ja ganz Bern berieseln. Falls der Titel wider Erwarten doch nicht nach Bern geht, bringe ich dir eine riesige Toblerone.