Patrik Wägeli: Der schnelle Bauer mit dem langen Atem sucht die Würze in der Kürze, um das Unmögliche doch noch möglich zu machen

Der Thurgauer Patrik Wägeli (29) ist Schweizer Meister im Marathon und Bauer. Für seinen Traum von der Teilnahme bei den Olympischen Spielen tauscht er die geliebte Strasse gegen Wettkämpfe auf der Bahn ein.

Simon Häring
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Marathonläufer Patrik Wägeli auf dem Bauernhof in Nussbaumen im Kanton Thurgau, wo er zu 40 Prozent arbeitet.

Marathonläufer Patrik Wägeli auf dem Bauernhof in Nussbaumen im Kanton Thurgau, wo er zu 40 Prozent arbeitet.

Andrea Stalder

Eine Chance hat er noch, vielleicht zwei. Zumindest wenn es um die Olympischen Spiele 2021 in Tokio geht. Noch hat sich Patrik Wägeli nicht entschieden, wie er das fast Unmögliche noch möglich machen will: seine persönliche Bestzeit im Marathon von 2:15:22 Stunden um fast vier Minuten zu senken. 2 Stunden, 11 Minuten, 30 Sekunden für ist die magische Zahlenfolge, seit die Limite im Frühling 2019 verschärft worden ist. Fast ein Jahr habe er gebraucht, das zu verdauen, sagt Wägeli in der kleinen Küche im Elternhaus in Nussbaumen. Hier bewirtschaftet er mit seinem Vater einen Bauernhof. 22 Milchkühe gehören dazu, ein Muni, Hochstammbäume für Mostobst, Ackerbau und ein Wohnhaus.

«Ich bin Bauer mit Leib und Seele», sagt Wägeli. Doch er ist auch Läufer, amtierender Schweizer Meister im Marathon. Fast jeden Tag steht er um 07.00 Uhr auf, und trainiert. Gegen Mittag fährt er von Frauenfeld, wo er mit seiner Freundin wohnt, nach Nussbaumen, und bewirtschaftet den Bauernhof, manchmal bis spät in die Nacht. Immerhin kann er neuerdings auf einen Angestellten zählen, der ihn entlastet, wenn Wägeli zwei Mal im Jahr für längere Trainingslager weilt, im Winter fliegt er nach Kenia, im Sommer schnürt er in St. Moritz die Laufschuhe. Dan Uebersax ist Wägelis Trainer, das war er schon, als der schnellste Bauer, wie Wägeli sich nennt, noch Orientierungsläufer war, bis er Anfang 20 die Freude daran verlor.

10 Kilometer unter 30 Minuten? «Ein Bubentraum!»

Uebersax traut Wägeli im Marathon Zeiten von 2:10 Stunden zu. Wenn er sich denn voll auf den Sport konzentrieren will. Doch das will Wägeli nicht, er glaubt auch nicht, dass ihn das schneller machen würde. Er brauche den Ausgleich, der Sport lenke ihn von der Arbeit ab, die Arbeit lenkt ihn vom Sport ab. Er will nicht Bauer oder Läufer sein, sondern eben beides: laufender Bauer und bauernder Läufer, weil in seiner Brust zwei Herzen schlagen. Das eine tun, aber das andere nicht lassen – das gilt derzeit auch in der sportlichen Laufbahn. Wägeli liebt die Wettkämpfe auf der Strasse, die Marathons, die Emotionen, die grösser seien als bei Rennen über kürzere Distanzen, weil man weniger Wettkämpfe bestreite.

Wägeli ist in der Natur Zuhause, Trainings auf der Bahn sind für ihn nur ein Mittel zum Zweck, wie auch Rennen über kürzere Distanzen. Er will laufen, so weit ihn die Beine tragen. Irgendwann, sagt er, wolle er einmal einen 100-Kilometer-Lauf bestreiten. Und doch legt er seinen Fokus derzeit auf kürzere Strecken. Weil er auf den so genannten Unterdistanzen schneller werden müsse, um seine Zeit im Marathon zu verbessern. Am Samstag lief er in Meilen über 3000 Meter in 8:24.58 Minuten eine neue persönliche Bestzeit, und wurde Siebter. Persönliche Bestzeit will Wägeli auch am Freitag laufen, diesmal über 10'000 Meter in Uster. Unter einer halben Stunde bleiben, lautet das Ziel. «Das ist ein Bubentraum», sagt Wägeli.

Wägeli ist Bauer mit Leib und Seele, er sagt: «Bei der Arbeit kann ich vom Sport abschalten. Und beim Sport von der Arbeit.»

Wägeli ist Bauer mit Leib und Seele, er sagt: «Bei der Arbeit kann ich vom Sport abschalten. Und beim Sport von der Arbeit.»

Andrea Stalder

Jeden Marathon zu Ende laufen

Die Läufe auf der Bahn sind eine Konzession an das ganz grosse Ziel: die Olympischen Spiele. Wenn nicht in Tokio, dann in vier Jahren in Paris. Die Bestzeit im Marathon in einem Jahr um fast vier Minuten zu senken, sei eigentlich unmöglich, «jetzt bleibt es sehr schwierig, aber es ist nicht ganz unmöglich». Wägeli hat nun zwar mehr Zeit, aber trotzdem nur eine, höchstens zwei Chancen, die Olympia-Limite für Tokio zu laufen. Gibt er sich zwei Chancen, müsse er im Dezember den ersten Versuch starten. Das Problem: Dann finden nur wenige Marathons statt. Deshalb spricht derzeit mehr dafür, dass Wägeli nur einen einzigen Versuch wagt.

Auf Februar 2021 angesetzt ist der Marathon in Sevilla, wo Wägeli 2019 persönliche Bestzeit lief. Was aber, wenn er nach halber Strecke merkt, dass die Olympia-Limite ausser Reichweite liegt? «Dann könnte ich immer noch aussteigen, und zwei Wochen später erneut einen Marathon laufen.» Zum Beispiel im April in Zürich. Auch hier schlagen zwei Herzen in seiner Brust. Denn es sei sein Ansporn, jeden Marathon zu Ende zu laufen. Es sind Gedankenspiele, die Wägeli spannend findet, an die er aber nicht zu viele Gedanken verschwenden will. Wieso auch? Das ganz grosse Ziel bleiben die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Dann ist er 33 und im besten Alter.