Pfiffe für die Tennis-Stars: An den ATP-Finals zeigen die Besten nur Durchschnitt

In London wird auf den letzten Metern einer langen Saison viel Mittelmass geboten. Neue Turniere verschärfen diese Tendenz zusätzlich.

Jörg Allmeroth, London
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Auch der Japaner Kei Nishikori enttäuschte. (Bild: Julian Finney/Getty (London, 15. November 2018))

Auch der Japaner Kei Nishikori enttäuschte. (Bild: Julian Finney/Getty (London, 15. November 2018))

Als Dominic Thiem am Donnerstag dann doch noch ein WM-Spiel in London gewonnen hatte, gegen Kei Nishikori aus Japan, kam dennoch keine rechte Freude beim österreichischen Star auf: «Toll war das jetzt nicht», sagte Thiem in einem TV-Statement nach dem versöhnlichen Schlusspunkt seiner Aktivitäten. Und dann gab Thiem eine Beobachtung zu Protokoll, die er gewiss mit vielen Tausend Fans bei den ATP Finals in der O2-Arena teilte: «Ich habe hier noch gar kein vernünftiges Match gesehen. Eins, das man in Erinnerung behalten würde.»

Tatsächlich ist beim letzten Turnier des Jahres nur der Rahmen gross, die Kulisse, das Drumherum: Rund 17'000 Zuschauer pilgern jeweils zu den Nachmittags- und Abendveranstaltungen hinüber nach North Greenwich, in den Osten der englischen Kapitale, aber was sie zu sehen bekamen, ist kein rauschendes Ball-Erlebnis. Sondern allenfalls Durchschnittsware. Und manchmal nicht mal das. Als der Südafrikaner Kevin Anderson am Dienstag ebenfalls gegen Kei Nishikori zugange war und zwischenzeitlich auf eine Doppel-Null gegen den komplett indisponierten Vorzeigeprofi aus Japan zustrebte – er gewann schliesslich 6:0, 6:1 –, waren erstmals seit Jahren deutliche Unmutsbekundungen auf den Rängen hörbar, Pfiffe gellten durch die Arena.

Selbstkritische Topspieler

Keiner der acht Profis vermag bisher die Belastungen einer erneut auszehrenden Saison abzuschütteln. Auch nicht die beiden haushohen Favoriten auf den Titel in London, Novak Djokovic und Roger Federer. Federer startete mit einer heftig enttäuschenden Niederlage gegen Nishikori ins Turnier, kam dann besser und zielstrebiger ins Spiel gegen Thiem und Anderson, sodass er doch noch als Gruppenerster in die Halbfinals vorstiess. Aber der Maestro gab selbst zu, dass die Partien auch «von vielen Fehlern» geprägt gewesen seien. Djokovic sagte nach seinem Sieg gegen den Deutschen Alexander Zverev, der Level des Matches sei «nicht gerade atemberaubend» gewesen: «Man kann sich nach so einem langen Jahr am besten einfach über den Sieg freuen.»

Bis zum Freitag und der Entscheidung in der Guga-Kuerten-Gruppe war nur ein einziges der WM-Matches über drei Sätze und damit die volle Distanz gegangen. Der grosse Rest indes war gekennzeichnet von Einseitigkeit der Zahlen und Eintönigkeit im Spiel. Zverev, der 21-jährige Deutsche, sandte Mitte der Woche eine Art Hilferuf aus: Die Saison im Tennis sei absurd lang, sagte er, «wir spielen so lange wie in keiner anderen Sportart, haben die kürzesten Pausen.»

Die lange Verletztenliste

Er traf damit einen Nerv zumindest bei vielen anderen Topspielern, die traditionell die meisten und herausforderndsten Matches über die elf Monate während der Saison bestreiten müssen. Federer, oft so etwas wie ein honorarfreier Berater von Zverev, sagte am Donnerstag, vielen Spielern stünde es frei, sich mehr Pausen zu nehmen. Was tatsächlich zutrifft, aber eben nur für verdiente Kräfte wie ihn – Federer muss gemäss den ATP-Regularien markant weniger Pflichtturniere bestreiten als die sonstige Tourkarawane, er nimmt sich seit geraumer Zeit auch diese Erholungsintervalle.

Einige der echten Spitzenkräfte des Tennis sind in London ja gar nicht am Start, die Verletztenliste ist lang. Rafael Nadal ist wieder angeschlagen, Andy Murray und Stan Wawrinka sind seit längerer Zeit ausser Gefecht gesetzt. Auch der Argentinier Juan Martin del Potro ist aufs Neue im Patientenstatus, auch er konnte die WM-Feierlichkeiten nicht bereichern. Doch wenn der grosse Machtkampf um Turniere und Termine nicht einigermassen schiedlich-friedlich aufgelöst wird, dann wird die Hatz im Wanderzirkus schon bald noch schlimmer.

Allein in den letzten Wochen sind nun mit dem Davis-Cup-Finalturnier Mitte/Ende November und dem soeben vorgestellten ATP Cup zum Saisonstart 2020 zwei neue Teamevents hinzugekommen, eine echte Pause zur körperlichen Erholung und Regeneration zwischen den Spielzeiten würde damit de facto nicht mehr existieren. In der Saison 2020 würde es dann den ATP Cup, den Davis Cup, den Schauwettbewerb Laver Cup und das olympische Tennisturnier geben. Neben allen regulären Turnieren und den vier Grand Slams.

Der Tennis-Circuit, so sagt ein europäischer Turniermanager, «ist dabei, sich selbst zu zerstören.»