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Piano-Festival in Luzern: «Steine klopfen» mit Ravel und Mozart

Das gestern eröffnete Piano-Festival rückt kuratierte Programme wie jenes mit Andreas Haefliger ins Zentrum: Der Bruder des Intendanten sagt, wie ihn dabei Kung-Fu, Erfahrungen mit seinem Vater und ein Leben zwischen New York und Wien inspirieren.
Urs Mattenberger
Trotz Kung-Fu kein Bruce Lee am Flügel: Andreas Haefliger spielt am Piano-Festival Mozart und Ravel. (Bild: Marco Borggreve)

Trotz Kung-Fu kein Bruce Lee am Flügel: Andreas Haefliger spielt am Piano-Festival Mozart und Ravel. (Bild: Marco Borggreve)

Igor Levit eröffnete gestern das Lucerne Festival am Piano mit der Live-Präsentation seines Konzeptalbums «Igor Levit, Life». Für solche kuratierten Konzerte ist auch Andreas Haefliger bekannt. Der Bruder des Intendanten Michael Haefliger tritt nach sieben Jahren wieder am Festival auf.

Andreas Haefliger, Sie haben 1985 in Luzern mit ihrem Bruder Michael debütiert. Dann gingen Sie als Pianist in den USA und er als Intendant in der Schweiz getrennte Wege. Kam die Einladung jetzt ans Festival über Agenturen zustande?

(Lacht.) Nein, wir haben ein sehr nahes Verhältnis, das über Whatsapp und ein paar Telefonate im Jahr weit hinausgeht. Zum einen war und ist für uns beide die Familie zentral. Zum anderen schätzen wir gegenseitig unsere künstlerische Arbeit. Als Intendant des Lucerne Festival gibt Michael wegweisende Impulse und spielt auf diesem Instrument wie ich auf dem Flügel.

Zu Michael Haefligers Impulsen gehört die Suche nach neuen Konzertformaten. Aber Sie treten jetzt ganz klassisch als Solist mit dem Tonhalle-Orchester auf.

Auch so kann man solche Ansprüche einlösen! Für mich ist entscheidend, dass immer die Musik im Zentrum steht und kein Spektakel. Deshalb bin ich früh einen anderen Weg gegangen, indem ich, auch in meiner CD-Serie «Perspectives», Werke zusammenstellte, die in einer speziellen Verbindung zueinander stehen. Wir können auf eine lange Musikgeschichte zugreifen, die man ganz unterschiedlich darstellen kann. Da sehe ich mich als Interpret in der Rolle eines Kurators.

Ungewöhnlich ist, dass Sie mit dem Tonhalle-Orchester zwei Solokonzerte spielen. Haben Sie das vorgeschlagen?

Ja, und ungewöhnlich ist auch die Verbindung von Mozarts c-Moll-Konzert mit Ravels Klavierkonzert für die linke Hand, weil für viele wohl Mozarts Moll-Dämonie nicht zu den Jazz-Einflüssen bei Ravel passt. Aber ich finde die Schatten in Mozarts Musik auch im Werk von Ravel. Und mich fasziniert diese dämonische Dunkelheit in beiden Werken. Ravels Konzert für die linke Hand ist ja nie zirzensisch, auch wo es vom Jazz inspiriert ist, sondern bleibt in einer melancholischen Grundstimmung wie jenes von Mozart.

Am Lucerne Festival haben Sie sich zuletzt als Schubert-Romantiker präsentiert. Jetzt kehrt die Melancholie mit Ravel zurück. Sind Sie ein Romantiker, der das Zwielichtige in der Musik sucht?

Ich bin sicher kein Romantiker im Sinn der überschwänglichen Selbstdarstellung. Aber eine romantische Ungezügeltheit gehört dazu, wenn ein Stück nach Fantasie und Gefühlen verlangt. Und auch wenn ich als intellektuell denkender Mensch Zusammenhänge recherchiere, ist im Konzert der unmittelbare Zugang viel wichtiger. So ist es immer eine Challenge, ein Werk unverfälscht darzustellen und zu entscheiden, was man von sich selber zeigt. Ich bin ja ein Mensch mit vielen Facetten, und da spielt alles, was man erlebt, mit hinein. Etwa die Intensität, mit der ich das Erwachsenwerden unserer Tochter erlebe.

Nah an den Teilnehmern sind Sie in den Meisterkursen. Spielen da solche persönlichen Aspekte eine Rolle?

In Meisterkursen muss man eine Balance zwischen der Rolle als Lehrer und dem Stoff finden. Wichtig ist es, trotz der Adrenalin-Spannung eine offene Stimmung zu kreieren, dann nehmen die Teilnehmer alles, was man sagt, mit 150-prozentiger Klarheit auf. Für mich bedeutet das auch Stress, weil ich alles schnell auf den Punkt bringen muss. Meisterkurse sind deshalb auch ein anderes, schönes, aber auch anspruchsvolles Format.

Sie praktizieren Kung-Fu. Wie passt die Kampfkunst zu ihrem Klavierspiel?

Ich betreibe Kung-Fu nicht als Kampfkunst und bin kein Bruce Lee am Klavier. (Lacht.) Kung-Fu hat für mich eher einen philosophischen Hintergrund. Ich trainiere Bewegungen, die den Körper öffnen und suche nach einem direkten Weg zwischen einem Gedanken, und dem, was in der Bewegung als Resultat herauskommt – auch am Klavier. Wenn ich lange übe, kann ich dadurch den Körper öffnen und das Nervensystem beleben. Das geht so weit, dass ich den Klang aus dem Rücken oder aus der Hüfte heraus beeinflussen kann.

Ihr wunderbarer, körperhaft singender Klavierklang verdankt sich dem Kung-Fu?

Dieser «singende» Ton wurde schon in meinen Jugendjahren zu einem Ideal. Prägend dafür war wohl, dass ich von meinem Vater, dem Tenor Ernst Haefliger, als Begleiter hinzugezogen wurde, wenn er Sänger unterrichtete. Im Kung-Fu lernte ich eine Technik kennen, mir diesen Klang vor meinem inneren Ohr vorzustellen und dann durch Bewegungen zu unterstützen. Das schönste Erlebnis ist aber, wenn man diese Konzentration mit dem Publikum erreicht. Wenn man eine Note spielt und spürt: Der ganze Saal ist dabei! Das hat etwas Archaisches, als würde man in der Urzeit Steine klopfen, um sich mitzuteilen.

Nach 25 Jahren in den USA zogen Sie vor neun Jahren nach Wien um. Eine Rückkehr zu den europäischen Wurzeln?

In gewissem Sinn schon. Von meinem Zimmer aus fällt mein Blick ins Zimmer des Kantors einer Synagoge. Das ist für mich ein starkes Symbol für die lange und in gewissem Sinn zeitlose Geschichte, die gerade in Wien musikalisch sehr präsent ist. Das hat selbst meine Interpretationen beeinflusst. Während man sich in Amerika viele agogische Freiheiten erlauben kann, habe ich hier zu einem geradlinigeren, gereifteren Spiel gefunden. Aber der äussere Anlass war der Schuleintritt unserer Tochter. Wir wollten, dass sie in Europa zur Schule geht.

Wie haben Sie denn die USA erlebt?

Das Studium an der Juilliard School hat mir punkto Sicherheit, Virtuosität und Extrovertiertheit sehr viel gebracht. Aber das Leben, auch der Konzertbetrieb, ist in den USA doch stark vom Wettbewerb bestimmt. Das bringt die Gefahr mit sich, dass nicht die Kunst, sondern das «Excitement», die Publicity und die Virtuosität im Vordergrund stehen. Da schätze ich heute die vielen Schattierungen und die Intimität, die das europäische und eben das Wiener Musikleben bietet, mehr.

Neben Kung-Fu haben Sie die japanische Sprache erlernt. Woher kommt dieses Interesse an der asiatischen Kultur?

Ich bin generell am Kulturaustausch interessiert und denke, das 21. ist ein asiatisches Jahrhundert! An der japanischen Kultur fasziniert mich die Gründlichkeit, mit der die Japaner sich etwas widmen. Das zeigt sich in eigenen Traditionen wie der Shakuhachi-Musik, aber auch da, wo sie europäische Technologie kopiert haben. Jetzt lerne ich die arabische Sprache und denke, da geht wieder eine neue Welt auf. Ich hoffe, wenn man sich intensiv auf etwas einlässt, kommt, wie bei eigenen Kindern, irgendetwas zurück.

Hinweis Konzert: Samstag, 24. November, 18.30, Konzertsaal, KKL. Meisterkurse von Andreas Haefliger: So, 18. November, bis Mi, 21. November, 11.00, St Charles Hall, Meggen.

Wir verlosen eine private Unterrichtsstunde bei Andreas Haefliger (für Amateur oder Profi) am Donnerstag, 22. November um 15 Uhr. Wählen Sie heute die Telefonnummer 0901 83 30 25 (Fr. 1.50 pro Anruf), oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.

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