Analyse zum Fall Stancescu

Posse um Eishockey-Einzelrichter: die neue Dimension der Lächerlichkeit

Die Eishockey-Schlagzeilen werden von Schiedsrichter-Fehlentscheiden und anderen Nebenschauplätzen dominiert. Und das in der spannendsten Phase des Jahres – den Playoffs. Eine Analyse zur Situation der Schweizer Hockey-Justiz.

Marcel Kuchta
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Der ehemalige Stürmer der Kloten Flyers Victor Stancescu hat sein Amt als Einzelrichter per sofort niedergelegt.

Der ehemalige Stürmer der Kloten Flyers Victor Stancescu hat sein Amt als Einzelrichter per sofort niedergelegt.

/KEYSTONE/DOMINIC STEINMANN

Eigentlich stehen wir zurzeit in der schönsten Eishockey-Zeit des Jahres. Auf dem Eis geht es nach dem monatelangen Qualifikations-Geplänkel endlich um die Wurst. Die Playoffs wecken Emotionen, der Sport steht im Mittelpunkt. Dachte man zumindest. Die letzten Wochen und Tage haben aber bewiesen, dass dem nicht so ist. In den Schlagzeilen steht nicht, wer weshalb die Halbfinals erreicht und wer nicht. Wir reden seit Tagen hauptsächlich von Fehlentscheiden und Nebenschauplätzen. Von den verunsicherten Schiedsrichtern. Vom unberechenbaren «Sicherheitschef» Stéphane Auger. Von den rätselhaften Einzelrichtern Oliver Krüger und Victor Stancescu. Von den opportunistischen Schiedsrichter-Bossen Beat Kaufmann und Brent Reiber.

Der «Player Safety Officer» der National League, Stéphane Auger, ist unberechenbar.

Der «Player Safety Officer» der National League, Stéphane Auger, ist unberechenbar.

Gestern hat die Lächerlichkeit nun eine neue Dimension erreicht. Der HC Lugano forderte erst per Communiqué offiziell die Absetzung der beiden Einzelrichter. Der umstrittene Freispruch im Fall Severin Blindenbacher und in erster Linie die verzögerte Wiederaufnahme des Verfahrens gegen den Kanadier Maxime Lapierre kamen im Tessin erwartungsgemäss nicht gut an. Ein paar Stunden später legte Victor Stancescu sein Amt per sofort nieder. Er hätte seinen Job in Zukunft nicht mehr ohne latente Befangenheitsvorwürfe ausüben können.

Im letzten Sommer noch einstimmig gewählt

Dabei hatte man Stancescu, der im November 2015 seine Aktivkarriere wegen einer chronischen Hüftverletzung hatte beenden müssen, im letzten Sommer gerade wegen seiner noch frischen Erfahrungen als Spieler als idealen Kandidaten für das Amt des Einzelrichters betrachtet. Auch der HC Lugano gehörte zu den NL-Teams, die Stancescu ohne Ausnahme ihre Stimme gaben – im Wissen darüber, dass er Freundschaften zu noch aktiven Spielern pflegt. Dass betreffend der geschäftlichen Beziehungen mit ZSC-Lions-Spieler Roman Wick nicht volle Transparenz herrschte, war zweifellos ein – letztlich verhängnisvoller – Fehler.

Roman Wick ist Stancescus Freund und Geschäftspartner. Neben seinem Engagement in der NLA betreibt er eine Bar.

Roman Wick ist Stancescus Freund und Geschäftspartner. Neben seinem Engagement in der NLA betreibt er eine Bar.

Keystone

Stancescus erzwungener Abgang öffnet nun die nächste Baustelle. Wer soll sein Nachfolger werden? Und wie sieht das Anforderungsprofil aus? Der neue, ideale Einzelrichter sollte – unter Berücksichtigung der aktuellsten Entwicklungen – also möglichst keine noch aktiven Eishockey-Spieler kennen, möglichst nicht in einer Stadt wohnen, in welcher ein NLA-Eishockeyklub beheimatet ist, und möglichst auch nicht selber Eishockey gespielt haben. Viel Spass bei der Suche.

Es entbehrt sowieso nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet der HC Lugano wegen eines «Beziehungsdelikts» auf die Barrikaden geht. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass der amtierende Schiedsrichter-Chef Beat Kaufmann jahrelang für die «Bianconeri» spielte und später zur deren Führungsetage gehörte. Immerhin ist Kaufmann clever genug, dass er und seine Schiedsrichter-Crew kaum einmal in Gefahr geraten, in die Nähe eines vermeintlichen Interessenskonflikts zu geraten. Aber die ganze Konstellation zeigt, wie es um die Schweizer Eishockey-Justiz steht. Statt mit einer klaren Linie und starken Persönlichkeiten aufzutrumpfen, macht man sich das Leben mit schwer nachvollziehbaren Urteilen, liederlicher Arbeit und einem gerüttelt Mass an Naivität selber schwer.

Beat Kaufmann, hier noch als Chef des EHC Basel, ist Boss der Schiedsrichter der NLA. Zuvor war er für den HC Lugano tätig.

Beat Kaufmann, hier noch als Chef des EHC Basel, ist Boss der Schiedsrichter der NLA. Zuvor war er für den HC Lugano tätig.

Keystone

Die Klubs können nach Belieben schalten und walten

Jetzt wäre vor allem mal die Verbandsspitze gefordert. Zum Beispiel Swiss-Icehockey-CEO Florian Kohler. Oder National-League-Präsident Denis Vaucher. Oder Swiss-Icehockey-Präsident Marc Furrer. Das ganze Theater auf diesen Nebenschauplätzen unterstreicht die latente Führungsschwäche und die verschobenen Machtverhältnisse. Die Klubs können nach Belieben schalten und walten.
Lugano kann gestern einen Entscheid mittragen und sich morgen wieder gegen denselben Entscheid stellen – ohne Konsequenzen. Das Gärtchendenken hat mal wieder Hochkonjunktur. Dabei wären die Playoffs so spannend.