Champions League
«PS: Sir Alex, das ist für dich» - wie eine spezielle Beziehung die Blütezeit von Manchester United geprägt hat

Sir Alex Ferguson und Cristiano Ronaldo haben die glorreichen Jahre von Manchester United geprägt. Es ist die Geschichte einer Verbindung, die weit über den Fussball hinaus geht.

Céline Feller Jetzt kommentieren
Drucken
Teilen
Cristiano Ronaldo umarmt nach dem EM-Titel 2016 seinen Förderer Sir Alex Ferguson.

Cristiano Ronaldo umarmt nach dem EM-Titel 2016 seinen Förderer Sir Alex Ferguson.

Paris, 10. Juli 2016

In seinem Anzug steht er da, sehnsüchtig nach oben blickend, mit diesem stets jovialen Lächeln. Er klopft den vorbeilaufenden Spielern auf die Schulter, die soeben den Europameister-Titel gewonnen haben. Aber Sir Alex Ferguson wartet an diesem 10. Juli 2016 nur auf einen: Cristiano Ronaldo. Als dieser seinen Förderer sieht, entwischt ihm ein lautes «Oooh», es folgt eine herzliche Umarmung, ein Schmatzer auf die Backe des Sirs. Als hätten sich gerade Vater und Sohn nach langer Zeit wieder gesehen.

Die Beziehung der beiden beginnt 2003. In einem Testspiel zwischen Sporting Lissabon und Manchester United spielt der noch wenigen bekannte Ronaldo den weltbekannten United-Stars Knoten in die Beine. Es ist der Moment, als ihn Ferguson nach Manchester locken will – und dafür fast alles tut. 18 Jahre jung ist der Junge aus Madeira damals, als er zum grossen Weltverein aus Manchester stösst.

Seither verbindet Ronaldo und Ferguson eine Beziehung, welche weit über ihr fussballerisches Genie hinaus geht. Denn als Ronaldo nach Manchester kommt, dorthin, wo ihn Ferguson zu einem Weltstar formen sollte, trägt er eine Bürde mit sich. Ronaldos Vater ist Alkoholiker, immer wieder bezahlt der Sohn ihm Entzüge. Bis er 2005 der Sucht erliegt. Es verbindet Ferguson und Ronaldo. So sehr, dass dieser, im August, als er im Sommer 2021 nach zwölf Jahren zur United zurückkehrt, sagt: «Er ist wie ein Vater für mich.»

Als Ferguson geht, bricht der Verein fast zusammen

Es sind zwölf Jahre, in denen aus dem Erfolgsverein Manchester United der Mittelklasse- und Krisenklub wird. Ein Klub, der sich auf der Suche nach seiner Identität befindet. In Ronaldos erster Zeit, da entsteht um den damaligen Jungstar und unter Ferguson auf dem Platz eine Macht.

Von 2007 bis 2009 wird United immer Meister, mit einem Fussball, der die DNA des Vereins nicht besser zusammenfassen könnte: attraktiv, unberechenbar, mit schnellen Kontern, begeisternden Offensiv-Akteuren gepaart mit aus der ruhmreichen Akademie stammenden Spielern.

Als «icing on the cake» kommt zur nationalen Dominanz im Mai 2008 auch noch der Triumph in der Champions League dazu. Es ist die Krönung eines stetigen Aufwärtstrends dieses Vereins. National scheint er trotz dem Oligarchen-Geld bei Chelsea ein zu starkes Fundament zu besitzen, als dass er von der Spitze verdrängt werden könnte.

Es ist aber auch ein Fundament, das für den immer mehr zur Marke reifenden Ronaldo nicht mehr fruchtbar genug ist. 2009 verlässt er United in Richtung Real Madrid. Sein Ex-Klub ist bis 2013 und dem Rücktritt von Sir Alex immer noch abwechslungsweise Erster oder Zweiter.

Hirn, Herz, Hairdryer

Nach Fergusons Abschied bricht der Verein fast in sich zusammen. Ferguson, der nicht nur Trainer, sondern auch Sportchef, Hirn, Herz und Hairdryer des Vereins war, hinterlässt ein Führungs-, Erfolgs- und Macht-Vakuum. Der von ihm auserwählte Nachfolger David Moyes ist mit dem Erbe seines schottischen Landsmannes überfordert.

Während United Auswege aus der tiefer werdenden Krise sucht, sie aber nicht findet, steigt Ronaldo in immer neue Erfolgssphären auf. Vier Champions-League-Titel holt er mit Real, Uniteds bis dato letzter Triumph in der Königsklasse – es war jener mit Ronaldo 2008. Wer den Verein wieder zurück zu dieser Grösse führen soll, ist ebenfalls ein Rätsel.

Die Glazer-Familie, die den Verein besitzt, bewirkt einzig einen Schuldenberg. CEO Ed Woodward war vielleicht ein guter Banker, vom Fussball aber versteht er wenig. Auch deshalb setzt der Verein ohne Fergusons Know-how auf die falschen Leute – auf und neben dem Platz. United versucht sich erst zwei Jahre mit Louis van Gaal als Cheftrainer, danach mit José Mourinho.

Dieser erreicht mit United in der Saison 2017/2018 Rang 2 und damit eine so guten Klassierung wie seit Fergusons Rücktritt nicht mehr – aber auch sein United ist nicht, was es einmal war.

Auf Mourinho folgt Ole Gunnar Solskjaer. Er, der zwischen 1996 und 2007 seine Tore für United schiesst – inklusive dem entscheidenden beim zweitletzten Champions-League-Triumph Uniteds 1999. Er, der von sich sagt, durch Fergusons Art und Weise sozialisiert geworden zu sein – als Trainer, der er heute ist. Seit seiner interimistischen Übernahme am 19. Dezember 2019 befindet sich United in der Wiederfindungsphase.

Solskjaer gräbt die Werte des Klubs wieder aus. Er bringt auf dem Feld den United-Way langsam zurück. Routiniers werden mit Rookies so kombiniert, dass Erfolg herausspringt. Und Solskjaer hat den Mut, Top-Talente wie Mason Greenwood in die Verantwortung zu nehmen, oder auch mal David de Gea auf die Bank zu verbannen.

Das Telefonat zwischen Ronaldo und Ferguson

United wird tabellarisch kontinuierlich besser, bis zum ganz grossen Wurf reicht es aber noch nicht. Das gewisse Etwas, es fehlt noch. Bis zu diesem Sommer. Raphael Varane wird verpflichtet, Jadon Sancho ebenfalls. Und Paul Pogba bleibt, der x-ten Wechselposse zum Trotz. Es ist ein Zeichen an die Konkurrenz.

United ist wieder da, um anzugreifen. Der Verein will wieder dort hin, wo er unter Ferguson einst war. Was dafür lange noch fehlt, ist ein Spieler, an dem sich alle aufrichten. Mit Ronaldo ist genau diese Lücke ebenfalls geschlossen und ist United ein ernsthafter Titelkandidat – vielleicht das erste Mal in der Post-Ferguson-Ära.

Dass diese so fussballromantische Wiedervereinigung stattfinden konnte, dass United wieder auf dem Weg zu dem ist, was es unter Ferguson einmal war, ist vor allem einem zu verdanken. Diesem Mann, der am späten Abend des 10. Juli 2016 so freudetrunken auf seinen Schützling wartete.

Denn ein Telefonat mit Sir Alex hat Ronaldo endgültig überzeugt, dorthin zurückzukehren, wo er hingehört. Oder wie Ronaldo es selbst nach seinem Transfer auf den sozialen Medien schrieb: «PS: Sir Alex, this one is for you.»

0 Kommentare

Aktuelle Nachrichten