RAD: «Bei den Rennen ist es manchmal wie im Krieg»

Martin Elmiger fällt nach einem Sturz für den heutigen Klassiker Paris-Roubaix aus. Im Interview gibt der Chamer einen Einblick ins Peloton, spricht darüber, wie er damit umgeht, dass Stürze ein Bestandteil seines Jobs sind, und warum die Anzahl der Stürze zunimmt.

Interview Stefan Klinger
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Ein schöner Ort, um neue Energie zu tanken: Der verletzte Martin Elmiger geniesst in Zug die herrliche Aussicht. (Bild Manuela Jans)

Ein schöner Ort, um neue Energie zu tanken: Der verletzte Martin Elmiger geniesst in Zug die herrliche Aussicht. (Bild Manuela Jans)

Martin Elmiger, werden Sie sich heute Nachmittag (13.15 Uhr auf Eurosport/Anm. d. Red.) das Rennen Paris–Roubaix im Fernsehen anschauen?

Martin Elmiger: Wenn wir nicht kurzfristig was anderes machen, dann ja. Wenn ich daheim bin, geht es nicht anders. Dann muss ich es einfach sehen, auch wenn das sicher hart wird und es das Schlimmste ist, was du machen kannst.

Weil Sie sich dann die ganze Zeit über sagen: Da wäre ich jetzt auch dabei.

Elmiger: Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Wenn das Wetter schlecht ist, habe ich kein Problem damit, dass ich Paris–Roubaix im Fernsehen anschauen muss. Dann bin ich sogar ein Stück weit froh darüber, weil dieses Rennen bei Regen einfach extrem gefährlich ist. Aber bei gutem Wetter, und danach sieht es wohl aus, wäre ich sehr gerne dort selbst gefahren.

Nehmen Sie uns doch mal mit aufs Rad: Wie haben Sie Ihren verhängnisvollen Sturz letzten Sonntag erlebt?

Elmiger: Es hat sich angefühlt wie in einem Traum, als ob da ein Film abgelaufen ist. Wir sind in einem lang gezogenen Feld recht schnell aus einem Dorf rausgefahren. Plötzlich sehe ich, dass vorne einige stürzen, also bremse ich. In dem Moment knallt einer von hinten mit voller Wucht in mich rein, ich komme zu Fall und überschlage mich.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie auf den Asphalt knallten?

Elmiger: Ich habe sofort gemerkt, dass in meinem Handgelenk etwas nicht mehr gut ist. Wenn der Schmerz sofort da ist, ist das meistens kein gutes Zeichen. Wenn er erst nach einer Stunde kommt, hast du dir eher etwas nur verstaucht. Trotzdem habe ich mir ein Ersatzrad geben lassen und bin nochmals ins Feld zurückgefahren. Dann habe ich aber sehr schnell gemerkt, dass es keinen Sinn mehr macht, und aufgehört. Zum Glück hat mich dann ein belgischer Fan aufgesammelt, mein Rad hinten eingeladen und mich auf direktem Weg ins Ziel gefahren. Ich wollte nur noch in den Mannschaftsbus, mit dem Tross wäre das noch ein weiter Weg gewesen. Ich habe ihm dann zum Dank ein paar Sachen von mir geschenkt.

Dass Sie nichts für den Sturz konnten, macht die Verarbeitung des Ganzen sicher nicht einfacher.

Elmiger: Das stimmt. Wenn du wegen eines eigenen Fehlers wie an der WM vergangenes Jahr, als ich mir einen Schlüsselbeinbruch zugezogen habe, stürzt, nervt es dich nicht so. Du weisst, was du falsch gemacht hast und wie du dich nächstes Mal anders verhalten musst. Wenn du aber nichts dafür kannst, ist es schon ganz schön hart. Ich fand es allerdings schön, und es hat mir auch geholfen beim Verarbeiten, dass sich der französische Fahrer, der mich abgeschossen hat, bei mir per SMS gemeldet und entschuldigt hat, weil er schlichtweg kurz unaufmerksam war. Dadurch konnte ich die Sache auch schneller abhaken, weil ich mich nicht geärgert habe, dass es ihm egal ist, wie es mir geht. Es ist schön, dass es doch noch ein paar im Feld gibt, die etwas im Hirn haben.

Dann hat sich inzwischen auch die Enttäuschung gelegt, dass nicht nur das eine Rennen hinüber ist, sondern gleich auch noch die Klassiker Paris–Roubaix und Amstel Gold Race.

Elmiger: Am Anfang war diese Erkenntnis für mich schon noch hart. Denn nun sind die drei wichtigsten Rennen der ersten Saisonhälfte, auf die ich fünf Monate hingearbeitet habe, hin. Ich hatte mich gut gefühlt und im Rennen am letzten Sonntag vom Team alle Freiheiten gehabt. Und auch jetzt bin ich noch super in Form und könnte bestimmt gut fahren – nur das Handgelenk spielt eben nicht mehr mit. Aber inzwischen sehe ich es positiv und sage mir: Dafür kann ich nun mal ein bisschen mehr Zeit daheim und mit meiner zehnmonatigen Tochter verbringen, sonst wäre ich jetzt ständig unterwegs. Ich hätte nach dem Amstel Gold Race ohnehin eine Pause gemacht. Nun lege ich diese Pause eben früher ein – und fange dann auch wieder früher an mit dem nächsten Teil der Saison ...

... in dem Ihnen dann wieder dasselbe droht. Gelingt es Ihnen eigentlich gut, auszublenden, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Sie irgendwann wieder in einen Sturz verwickelt werden, weil das im Radsport einfach auch dazugehört?

Elmiger: Ich versuche es auszublenden, aber das gelingt nicht immer. Wenn du gut in Form bist und es gut läuft, ist das einfacher, weil du dann so fokussiert bist. Wenn du nicht so gut in Form bist, nimmst du eher mal eine Schutzhaltung ein und willst einfach nur gut durchkommen und heil wieder heimkommen.

Es macht den Anschein, als gäbe es zurzeit deutlich mehr Stürze als früher. Woran liegt das?

Elmiger: Der Radsport ist ja keine eigene abgeschlossene Welt für sich, sondern irgendwie ein Abbild der Gesellschaft. Und so herrscht eben auch bei uns, wie überall, mehr Druck, es wird mehr Leistung gefordert. In zwei Jahren gibt es eine Reform der Pro-Tour. Auf den ersten Blick sieht es jetzt so aus, als ob es dann weniger Plätze für die Fahrer gibt. Vielleicht spielt das auch bei manchen eine Rolle im Unterbewusstsein, dass sie weniger bremsen, weil nun das Gedränge um Verträge grösser wird. Dann kommen natürlich die Fahrer dazu, die in kleineren Teams sind und völlig auf Kamikaze machen, weil sie unbedingt wegwollen zu einer grösseren Mannschaft. Bei den Rennen hast du manchmal das Gefühl, dass du im Krieg bist.

Woran machen Sie das fest?

Elmiger: Daran, wie egoistisch und rücksichtslos manche fahren. Nach dem Motto: Mir reichts gerade noch durch die enge Stelle durch, was dahinter passiert, ist mir egal. Es gibt x-fach im Rennen die Situation, dass einer voll draufhält, obwohl zum Beispiel vorne ein Auto am Strassenrand steht, und dann einfach kurz vorher reindrückt. Wenn dann der andere nicht nachgibt, kracht es. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter.

Bitte schön.

Elmiger: Es fühlt sich manchmal so an, dass sich der eine oder andere sagt: Was hinter mir passiert, ist mir nicht nur egal, sondern ich bin sogar noch froh, wenn andere stürzen. So gibt es dann schon weniger Konkurrenten.

Hand aufs Herz: Haben Sie so etwas auch schon mal gedacht?

Elmiger: Ganz sicher nicht. Aber ich bin ehrlich genug, um Ihnen eines zu sagen: Ich bin nie froh, wenn jemand stürzt. Aber ich habe auch schon mal nach einem Sturz das angenehme Gefühl gehabt, dass es nun ein wenig entspannter zugeht, weil das Feld durch den Sturz in zwei Teile zerrissen ist und es dadurch im ersten Hauptfeld mehr Platz gibt.

Nehmen Sie uns bitte noch mal mit aufs Rad, diesmal mitten ins Peloton: Stacheln sich die Fahrer gegenseitig so sehr an, dass sie irgendwann vor lauter Ehrgeiz das Risiko nicht mehr richtig einschätzen können?

Elmiger: Gehen Sie mal in ein Fussball-stadion, das mit 60 000 Zuschauern ausverkauft ist. Da spüren Sie auch eine ganz besondere Energie. Und so hat ein Peloton mit 220 Fahrern auch seine ganz eigene Energie. Die Anspannung, die Nervosität, jeder will vorne sein, keiner will nachgeben – da ist viel Ego drin, das Testosteron ist regelrecht zu spüren. Diese Energie führt dazu, dass es bei den Positionskämpfen immer extrem hart zugeht.

Anscheinend denkt man beim Radsport-Weltverband darüber nach, gelbe und rote Karten einzuführen und Fahrer nach wiederholtem Missverhalten auch mal zu sperren. Halten Sie das für eine gute Idee?

Elmiger: Ich habe davon bisher noch nichts gehört, aber auf den ersten Blick muss ich sagen: Warum nicht? Manchmal haben wir wirklich den Fall, dass ein Idiot immer wieder im Sprint die Linie verlässt oder auch so einen abschiesst, ohne dass er bestraft wird. Da sollte man ruhig auch im Nachhinein noch büssen. Bei uns kann man nur bis eine Stunde nach dem Rennen Protest oder Beschwerde einlegen, danach ist das Rennen abgeschlossen und alles vorbei. Ich fände es gut, wenn es die Möglichkeit gäbe, auch nachträglich noch jemanden zu bestrafen. Bei uns geht es schliesslich nicht nur um blaue Flecken. Wir fahren teils 50, 60 km/h, da kommen beim Sturz dann herbe Verletzungen raus.

Es gibt das Gerücht, dass immer mehr Fahrer zum Schmerzmittel Tramadol greifen und es deshalb mehr Stürze gibt, weil es die Sinne benebelt und die Reaktionsfähigkeit mindert.

Elmiger: Tramadol beseitigt nicht den Schmerz von Grund auf, sondern hat den Effekt, dass es den Kopf bezirzt und die Reaktionsfähigkeit verlangsamt. Es ist ein Ansatz, die vermehrten Stürze so zu erklären. Allerdings muss man wissen, dass der Fahrer durch Tramadol eher benommen und entspannter wird und dann eher nicht so aggressiv in die Positionskämpfe geht. Daher glaube ich nicht, dass die vielen Stürze in der Anfangsphase darauf zurückzuführen sind. Zumal in unserem Team und bei anderen Teams, die ebenfalls härtere Antidopingbestimmungen als das Mindestmass haben, Tramadol ohnehin verboten ist. Ich bin mir fast sicher, dass es nicht weniger Stürze geben wird, wenn Tramadol für alle Teams verboten wird. Da hätte ein Verbot der sogenannten «final bottles», in denen Koffein und Taurin sind, eher eine Auswirkung.

Kommen wir noch einmal zu Paris–Roubaix zurück. Was ist aus Fahrersicht das Faszinierende an diesem speziellen Rennen?

Elmiger: Dieses Rennen ist einfach ein Mythos. Es ist unglaublich speziell, wenn du dich erinnerst, dass du als Kind dieses Rennen immer am Fernsehen angeschaut hast und nun selbst am Start stehst und die Möglichkeit hast, etwas Grosses zu reissen. Es ist ein unglaublich grosser Reiz, wenn du am Morgen aufstehst und denkst: Heute kann ich etwas Monumentales machen. Wenn du dann über die ganzen Pflastersteine gefahren bist, den ganzen Staub geschluckt hast oder bei Regen grosse Mühe hattest, auf den Kopfsteinpflaster-Passagen richtig zu steuern und zu bremsen, sagst du dir zwar im Ziel meistens, dass es viel zu gefährlich ist und du nie wieder diesen Seich mitmachen wirst. Trotzdem stehst du im nächsten Jahr wieder hoch motiviert am Start. Zu Paris–Roubaix entwickelst du als Fahrer einfach eine Hassliebe.