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RAD: Cancellara – der Perfektionist

«I am just a bike-rider» schreibt Fabian Cancellara auf seinem Twitter-Account. Das ist pure Untertreibung. Eine Würdigung der sportlichen Leistungen des Berners.
Sandro Mühlebach (sda)
Der Berner Fabian Cancellara küsst im April 2010 die Trophäe nach seinem Sieg bei Paris–Roubaix. (Bild: Keystone/François Mori)

Der Berner Fabian Cancellara küsst im April 2010 die Trophäe nach seinem Sieg bei Paris–Roubaix. (Bild: Keystone/François Mori)

Sandro Mühlebach (SDA)

Fabian Cancellara ist mehr als «nur» ein erfolgreicher Athlet. Zusammen mit Roger Federer, Stan Wawrinka, Simon Ammann und Dario Cologna hat der 35-Jährige den Schweizer Sport seit der Jahrtausendwende geprägt. Insgesamt 74 Mal fuhr er in seiner Profikarriere als Erster über die Ziellinie. Mit seinem Rücktritt per Ende Saison endet deshalb ein Teil Schweizer Sportgeschichte.

Ein grosser tritt ab: Der Schweizer Radfahrer Fabian Cancellara, hier mit seiner Goldmedaille der Weltmeisterschaft in Salzburg 2006. (Bild: KEYSTONE/EPA/ROLAND SCHLAGER)
Eine von vielen Zieleinfahrten mit hochgestreckten Armen: Fabian Cancellara an der 108. Paris-Roubaix Klassik im Jahr 2010, … (Bild: KEYSTONE/AP Photo/Michel Spingler)
… an der Strassen-Weltmeisterschaft 2009 in Mendrisio, … (Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
… beim Radrennen in San Remo 2008, … (Bild: KEYSTONE/AP Photo/Alberto Pellaschiar)
… beim Zeitrennen an den Olympischen Spielen in Peking 2008, … (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)
… als Leader 2007 der Tourde France in der dritten Etappe in Compiegne, … (Bild: KEYSTONE/AP Photo/Christophe Ena)
… beim "Strade Bianche"-Rennen in Siena 2012 … (Bild: KEYSTONE/AP Photo/Gian Mattia D'Alberto, LaPresse)
… oder – und danach lassen wir es sein – als Gewinner der Flander-Rundfahrt 2014. (Bild: KEYSTONE/EPA/JULIEN WARNAND)
Jubel gabs auch an der Tour de Suisse, etwa nach der Schlussetappe 2009 beim Gesamtsieg. (Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
Für den Sieg an der Flandernrundfahrt gibts am Schluss eine Eisenplastik zu stemmen. (Bild: KEYSTONE/EPA/ERIC LALMAND)
Beim Paris-Roubaix-Rennen ist die Siegertrophäe ein Stein. (Bild: KEYSTONE/EPA/NICOLAS BOUVY)
Sieben Finger in die Höhe: Nach sieben Etappen ist Fabian Cancellara 2007 nach wie vor Leader an der Tour de France. (Bild: KEYSTONE/AP Photo/Bas Czerwinski)
Wieder in Gelb: Fabian Cancellara vor dem Start zur 6. Etappe an der Tour de France im Jahr 2009. (Bild: CKEYSTONE/AP Photo/Christophe Ena)
Radfahren – ein Krampf, auch für Champoins. Fabian Cancellara ausgepumpt nach dem Zeitfahren an der Tour des Suisse 2007. (Bild: KEYSTONE/EDDY RISCH)
«Ächz!» oder ähnlich: Fabian Cancellara, 2009 an der Tour de France in Nyon. (Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
2008: Cancellara, Olympiasieger, ausser Puste. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)
2008: Cancellara, Olympiasieger, in sich gekehrt. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Fabian Cancellara und sein Rennrad ruhen sich aus. Olympische Spiele in London, 2012. (Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
Gelassen in die Zukunft: Fabian Cancellara, hier in der Radrennbahn in Zürich-Oerlikon. (Bild: KEYSTONE/Gaetan Bally)
Das ist kein Hochzeitsfoto: Fabian Cancellara und seine Frau Stefanie bei der Verleihung der Credit Suisse Sports Awards 2008. (Bild: KEYSTONE/PETER KLAUNZER)
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Momente mit Fabian Cancellara

Vergleiche mit sportlichen Leistungen aus der Vergangenheit sind heikel. Fest steht aber, dass es hierzulande seit den legendären Ferdy Kübler und Hugo Koblet in den Fünfzigerjahren keinen erfolgreicheren Radrennfahrer mehr gegeben hat als Cancellara. Anders als Kübler/Koblet war der Sohn eines italienischen Einwanderers kein Rundfahrtenspezialist. Cancellaras Spezialdisziplinen waren die grossen Eintages-Klassiker im Frühling und die Zeitfahren.

Sieben Siege feierte Cancellara bei den «Monumenten des Radsports» (je dreimal Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix und einmal Mailand–Sanremo) und wurde so selber zum Monument. Nur sechs Fahrer, unter ihnen Eddy Merckx, Roger de Vlaeminck und Fausto Coppi, haben in der Geschichte des Radsports die wichtigsten Eintagesrennen öfter gewonnen als der Berner.

Der erfolgreichste Zeitfahrer

Mit vier WM-Titeln und einem Olympiasieg ist Cancellara der erfolgreichste Zeitfahrer der Geschichte. 29 Tage lang trug er an der Tour de France das Maillot jaune – als Nummer 12 der ewigen Bestenliste so oft wie kein anderer Fahrer in der Geschichte der Frankreich-Rundfahrt, dem es nie zum Gesamtsieg gereicht hat.

2003 fuhr Cancellara dank seinen Zeitfahrer-Qualitäten erstmals in den Fokus der Öffentlichkeit, indem er mit Prolog-Siegen in der Tour de Romandie und der Tour de Suisse aufwartete. Ein Jahr später trug er, erneut dank einem Sieg im Prolog, erstmals das Maillot jaune – bei seiner ersten Tour-Teilnahme. Es war der Auftakt zu einer glorreichen Karriere, die sich nun dem Ende zuneigt, der Aufstieg eines aussergewöhnlichen und eigenwilligen Sportlers.

2006/2008 unter Dopingverdacht

Schon früh hatte Cancellara als «Jahrzehnttalent» gegolten. Zu einem der Stars des internationalen Radsports avancierte er 2006, als er im Alter von 25 Jahren mit einer unwiderstehlichen Solofahrt zum ersten Mal in Roubaix triumphierte – als erster Schweizer seit Heiri Suter 83 Jahre davor. Es war einer dieser Triumphe «à la Cancellara», einer mit Ansage und einer, wie ihn fast nur der mittlerweile zweifache Familienvater erringen konnte.

Dank dem Triumph vor zehn Jahren in Roubaix verehren ihn die Radsportbegeisterten jener Region wie einen der Ihren. Anders als auf internationaler Ebene, anders als vor allem in Nordfrankreich und Belgien kam Cancellara in der Schweiz nie an die Beliebtheit von Kübler heran, der als «Ferdy National» 1983 als Schweizer Sportler des Jahrhunderts ausgezeichnet wurde.

Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass Cancellara seine Erfolge in einer Zeit einfuhr, in der fast jeder Radprofi des Dopings verdächtigt wurde. Auch Cancellara sah sich 2006 und 2008 Anschuldigungen ausgesetzt. Beweise oder konkrete Indizien gab es jedoch nie.

Cancellara wollte stets der Beste sein. Mit dem Berner verliert der Schweizer Sport am Ende dieser Radsaison einen Perfektionisten, der um klare Worte nie verlegen war. «Alles andere als der Sieg wäre eine Niederlage», sagte Cancellara etwa vor seinem Olympiasieg 2008 im Zeitfahren. Nicht nur in Peking liess er den Worten Taten folgen. Obwohl die Gegner wussten, dass er angreifen würde – verhindern konnten sie es oftmals nicht.

Abgang ohne WM-Titel

Doch auch für Cancellara wuchsen die Bäume nicht in den Himmel, nicht all seine Wünsche gingen in Erfüllung. Der WM-Titel und der Olympiasieg im Strassenrennen blieben ihm verwehrt. Es sind die grössten Lücken in seinem beeindruckenden Palmarès. Beide Siege lagen auf dem Silbertablett bereit. 2009 an der Heim-WM in Mendrisio suchte er jedoch zu früh die Entscheidung, 2012 an den Olympischen Spielen in London stürzte er auf dem Weg zu Gold selbst verschuldet in einer Kurve.

Niederlagen trieben Cancellara umso mehr an. Je länger seine Karriere dauerte und je mehr Siege er einfuhr, umso grösser wurde Cancellaras Antrieb, Radsportgeschichte zu schreiben. Ein Geheimnis machte er nie daraus, er kannte seinen Status im internationalen Radsport und im Peloton der Fahrer.

Seine vielleicht grösste Leistung taucht indes in keinem Rekordbuch auf. Zwischen seinem Triumph in Flandern 2010 und dem 3. Rang 2014 in Roubaix fuhr Cancellara bei jedem der zwölf «Monumente», die er beendete, aufs Podest. An einen solchen Wert kam nie ein Radprofi vor ihm nur annähernd heran. In einer Sportart, in der nicht immer die Stärksten gewinnen, ist das eine Meisterleistung sondergleichen und ein Beweis, dass Cancellara stets auf den Punkt in Topform war.

Am kommenden Montag macht die Tour de France Halt in Bern. Mit einem Sieg vor dem Stade de Suisse könnte er sich auch in seiner Heimat noch einmal in Erinnerung rufen. An der Tour de Suisse feierte Cancellara in Baar mit dem Sieg in der 1. Etappe der Tour de Suisse seinen bedeutendsten Erfolg in diesem Jahr auf heimischem Boden.

Mit elf Tagessiegen in der Schweizer Rundfahrt liegt er zudem gleichauf mit Kübler und Koblet – seinen Vorgängern als Aushängeschild und Vorbild im Schweizer Radsport, den zuvor letzten Radrennfahrern unseres Landes, die mehr als einfach «nur» erfolgreiche Athleten waren.

Cancellaras grösste Erfolge

Wohnort: Ittigen BE. – Geboren: 18. März 1981. – Grösse: 1,86 m. – Gewicht: 85 kg. – Familie:Verheiratet mit Stefanie, Töchter Giuliana und Elina. – Veloprofi seit 2001. – Teams:2001/02 Mapei-Quick Step. 2003 bis 2005 Fassa Bortolo. 2006 bis 2008 CSC. 2009/10 Saxo Bank. 2011 Leopard Trek. 2012 RadioShack-Nissan. 2013 RadioShack Leopard. 2014/15 Trek. 2016 Trek-Segafredo.

Titelkämpfe:Olympiasieger im Zeitfahren 2008, Olympia-Zweiter Strassenrennen 2008, vierfacher Weltmeister Zeitfahren (2006, 2007, 2009, 2010), dreifacher WM-Dritter Zeitfahren (2005, 2011, 2013), U-23-WM-Zweiter Zeitfahren 2000, Junioren-Weltmeister Zeitfahren (1998, 1999), zehnfacher Schweizer Meister Zeitfahren, zweifacher Schweizer Meister Strassenrennen.

Klassische Eintagesrennen: dreifacher Sieger Paris–Roubaix (2006, 2010, 2013), dreifacher Sieger Flandern-Rundfahrt (2010, 2013, 2014), Sieger Mailand–Sanremo (2008), zweifacher Zweiter Paris–Roubaix (2008, 2011), dreifacher Zweiter Mailand–Sanremo (2011, 2012, 2014), Zweiter Flandern-Rundfahrt (2016), Dritter Flandern-Rundfahrt (2011), Dritter Mailand–Sanremo (2013), Dritter Paris–Roubaix (2014). Dreifacher Sieger E3 Harelbeke (2010, 2011, 2013), dreifacher Sieger Strade Bianche (2008, 2012, 2016).

Grosse Landesrundfahrten:acht Etappensiege in der Tour de France (Maillot jaune während 29 Tagen), zwei Etappensiege in der Vuelta (Leadertrikot während 5 Tagen).

Rundfahrten: Gesamtsieg Tour de Suisse (2009), elffacher Etappensieger Tour de Suisse, ein Etappensieg Tour de Romandie; Gesamtsiege Oman-Rundfahrt (2010), Tirreno Adriatico (2008), Dänemark-Rundfahrt (2006), Rhodos-Rundfahrt (2001/02).

Schweizer Ehrung: Schweizer Sportler des Jahres (2008).

Cancellara 2008 nach dem Olympiasieg in Peking mit Frau Stefanie und Töchterchen Giuliana. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Cancellara 2008 nach dem Olympiasieg in Peking mit Frau Stefanie und Töchterchen Giuliana. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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