RAD: Der Giro, der nicht stattfand

Im Dorf Tualis bereitete man sich im Jahre 2011 lange auf eine Giro-Etappe vor, benannte sogar den Dorfplatz in Piazza Giro d’Italia um – doch der Giro kam nicht. Die Geschichte einer Enttäuschung.

Tom Mustroph
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2011 protestierten Bewohner des Dorfes Tualis mit Plakaten («Verräter»). (Bild: Sirotti/Imago (Tualis, 21. Mai 2011))

2011 protestierten Bewohner des Dorfes Tualis mit Plakaten («Verräter»). (Bild: Sirotti/Imago (Tualis, 21. Mai 2011))

Tom Mustroph

sport@luzernerzeitung.ch

Die Baumstümpfe am Strassenrand tragen noch eine blassrote Färbung. Auch einige Schilder mit Entfernungsangaben und Anzeige des Anstiegs auf den Monte Crostis sind noch zu finden. Die rosa Farbe ist blasser geworden, aber sie hat die sechs Jahre in Wind und Wetter verhältnismässig gut überstanden. Frisch wie am Tag der Installation prangt hingegen das Logo des Giro d’Italia an dem Schild.

Vor sechs Jahren sollte der Giro hier am 100-Seelen-Ort Tualis vorbeiführen, den Monte Crostis erklimmen und dann zum legendären Monte Zoncolan führen. Die Anwohner waren begeistert von der Idee. Der Dorfplatz war schon im Februar mit grossem Tamtam in Piazza Giro d’Italia umbenannt worden. Eine Skulptur in Form eines Velos steht mitten auf dem Platz, und eine Gedenkplakette wurde eingelassen. Jetzt steht das Denkmal für ein Ereignis, das nie stattfand. Denn die Abfahrt vom nahen Monte Crostis wurde urplötzlich für zu gefährlich erachtet und die Etappe verkürzt.

Kurzfristige Absage am Vorabend

Erst am Abend vor dem Start dieser 14. Etappe des Giro 2011 traf im Ort die Nachricht über die Streckenänderung ein. «Es war ein Schock für uns. Wochenlang hatten wir gearbeitet, die Strasse sicher gemacht. Bäume wurden gefällt. Sogar der grosse TV-Monitor war schon auf dem Berg errichtet», erinnert sich Beatrice. Die Bäuerin aus Tualis, die 40 Jahre lang auch in einer Fiat-Fabrik im nahen Tolmezzo gearbeitet hatte, gab mit anderen Frauen aus dem Ort gerade das Essen für die Arbeiter und das Sicherheitspersonal an der Strecke aus. Den ganzen Tag hatten sie gekocht und sich vor allem auf den nächsten Tag vorbereitet. Den grossen Tag, an dem der Giro in diese verlassene Gegend kommen sollte. «Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Wir waren fassungslos. Und wir waren empört», erzählt Beatrice.

Hintergrund war ein Protest einiger Teams. Ihnen war vor allem die Abfahrt zu gefährlich. Die Strasse war so schmal, dass die Begleitautos nicht erlaubt waren und die Versorgung mit Ersatzrädern nur über neutrale Motorräder erfolgen sollte. Einer der Protagonisten des Protests war damals Alberto Contador. Einer, dem es gar nicht passte, war Vincenzo Nibali. Der Sizilianer hatte Rückstand im Klassement. Und an diesem Berg wollte er attackieren. «Es wäre wirklich eine andere Etappe gewesen mit dieser famosen Abfahrt», sagte Nibali damals.

Ob die Abfahrt tatsächlich so gefährlich ist, darüber gehen die Meinungen in Tualis und im nahen Örtchen Comeglians auseinander. «Es ist nicht gefährlich. Alle, die mit dem Rad darüberfahren, schwärmen nur, wie schön es ist», meint Beatrice. Die Bedienung in der Bar in der Via Roma in Comeglians ist gleicher Ansicht. «Das sind doch alles Profis. Die sollten das können», meint sie, während ein Gast, ein älterer Herr, einwirft: «Es ist schon ziemlich gefährlich.»

Auch Davide Cassani, Ex-Profi und Ex-Nationaltrainer Italiens, beschrieb bei seinem klassischen Video-Erkundungsritt dieser Giro-Etappe die Abfahrt als «eine der schwersten, die ich jemals gefahren bin». Es ist also etwas dran an der Gefährlichkeit des Parcours. Nicht vergessen darf man auch, dass beim gleichen Giro der Profi Wouter Weylandt tödlich verunglückt ist – und dies auf einer Abfahrt.

In Tualis und Comeglians will man das aber nicht gelten lassen. Am besten fasst den Gemütszustand der Bevölkerung ein Plakat an der Hauswand eines Schönheitssalons in Comeglians zusammen. Wetterfest ist dort die Vergrösserung des Titelbilds einer Velosportzeitung angebracht, deren Titel lautet: «Wir sind den Monte Crostis gefahren.» Zu sehen sind auch die blauen Fangnetze, die am Strassenrand installiert wurden, um die Fahrer zu schützen, wie man es sonst im alpinen Skisport praktiziert. Die Abfahrt vom Monte Crostis hätte ein neues Kapitel im Prozess der Extremisierung des Radsports aufschlagen können.

Das Kapitel wurde aber nicht geschrieben. Was die Menschen vor Ort am meisten ärgert, ist, dass die Nachricht der Absage erst am Abend vor der Etappe kam. «14 Tage zuvor kamen die Leute vom Giro und haben alles für gut befunden. Sogar ein neuer Strassenbelag wurde auf dem Berg verlegt», erzählt Beatrice. Und noch jetzt schwingt Zorn in ihrer Stimme mit. Sie erzählt, wie damals die Piazza Giro d’Italia mit schwarzen Tüchern verhängt wurde und Trauerflor an allen Fassaden prangte. «Einen Monat lang haben wir alles schwarz gelassen», sagt Beatrice. In ihrer damaligen Empörung gingen die Bewohner noch einen Schritt weiter. «Wir beschlossen, am nächsten Tag den Giro zu stoppen. Wir blockierten die Strasse. Wir Frauen legten uns quer über die Strasse. Wir hätten sie nicht durchgelassen, obwohl mehr Polizei da war als Zuschauer.»

Die Giro-Begeisterung in der Region ist Geschichte

Dann aber verlegte die Giro-Leitung die Etappe ein weiteres Mal, liess die Zone des Protests umfahren. «Sie haben dafür eine Strasse, die sechs Monate lang aus Sicherheitsgründen gesperrt war, für den Giro über Nacht freigegeben. Nur für den Giro macht man so etwas. Auch jetzt, für den aktuellen Giro, haben sie für ihn eine Strasse geöffnet, die wir wochenlang nicht befahren durften», sagt Beatrice und winkt ab. Sie sei mit dem Giro fertig, schliesst sie. Auch im nahen Comeglians ist nicht viel Giro-Begeisterung zu verspüren. Dort fuhr der aktuelle Giro immerhin durch. «Ach, der geht da unten lang, da gehe ich nicht hin», meint die Barfrau, und weist auf die 50 Meter entfernt verlaufende Parallelstrasse.

Die Statue der Piazza Giro d’Italia steht nicht nur für ein Ereignis, das nicht stattgefunden hat. Sie symbolisiert auch die Sucht des Velosports nach extremen Erfahrungen, die Arbeit, die dafür vonnöten ist, sowie die Enttäuschung derjenigen, denen man eine Illusion raubt. Tualis sollte eine Demutsdestination für Rennorganisatoren werden.

Die gestrige Etappe führte zwar durch die Region, aber nicht durch Tualis. (Bild: Luk Benies/AFP Photo (Piancavallo, 26. Mai 2017))

Die gestrige Etappe führte zwar durch die Region, aber nicht durch Tualis. (Bild: Luk Benies/AFP Photo (Piancavallo, 26. Mai 2017))