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RAD: Der lange Tag für die kurze Fahrt

Der Zuger Martin Elmiger gewährt unserer Zeitung einen Blick hinter die Kulissen an einem Renntag – vom Frühstück bis zur Massage am Abend.
Stefan Klinger
Oben: Eine gute Zeit im Visier: Martin Elmiger gibt im Prolog Vollgas. Unten links: Willkommene Abwechslung an einem aufwühlenden Tag: Elmiger mit Frau Monika und Tochter Julia eine Stunde vor dem Start. Unten Mitte: Schon vor dem Prolog auf dem Rad – beim 40-minütigen Einfahren. Unten rechts: Gemütlicher Ausklang: Elmiger wird von Mike Iavarone massiert. (Bilder Stefan Kaiser und Stefan Klinger)

Oben: Eine gute Zeit im Visier: Martin Elmiger gibt im Prolog Vollgas. Unten links: Willkommene Abwechslung an einem aufwühlenden Tag: Elmiger mit Frau Monika und Tochter Julia eine Stunde vor dem Start. Unten Mitte: Schon vor dem Prolog auf dem Rad – beim 40-minütigen Einfahren. Unten rechts: Gemütlicher Ausklang: Elmiger wird von Mike Iavarone massiert. (Bilder Stefan Kaiser und Stefan Klinger)

Als alles vorbei ist an diesem für ihn so emotionalen, aufwühlenden Tag, an dem Martin Elmiger in seiner Heimat im Prolog der Tour de Suisse Zwölfter wurde, begibt sich der 36-Jährige in die Hände von Mike Iavarone. Es ist 19.30 Uhr. Wir befinden uns im Teamhotel seines Rennstalls IAM Cycling in Weggis, fernab von all dem Trubel im Tour-Tross, wo er und sein Team als Lokalmatadore ganz besonders im Fokus stehen. Für den Zuger Radprofi beginnt der gemütliche Teil des Arbeitstages.

Es steht der letzte offizielle Programmpunkt an: die Massage. 40 Minuten lässt Elmiger Iavarone seinen Körper bearbeiten. «Ich bin heute im Rennen zwar nur 5,1 Kilometer gefahren», sagt Elmiger, «dennoch ist die Massage an so einem Tag wichtiger als bei langen Flachetappen, weil ich die ganze Zeit Vollgas gegeben habe.» 5:50 Minuten Fahrzeit hört sich zwar nicht nach allzu viel an. Die dafür notwendige Leistung und die stets gebeugte Haltung hat der Oberschenkel- und der Rückenmuskulatur allerdings einiges abverlangt.

Es bleibt Zeit, sich zu entspannen. Noch ein letztes Mal wirft Elmiger einen Blick auf die tags darauf anstehende Etappe. Eine Etappe, die wieder bei ihm vor der Haustüre verläuft und bei der er glänzen möchte. Eine Etappe, bei der er sich vor Beginn der Tour de Suisse erhofft hatte, ins gelbe Trikot zu fahren.

Neun Sekunden aufs gelbe Trikot

Und jetzt? Sein Rückstand im Gesamtklassement beträgt nur neun Sekunden. Doch fünf Sekunden vor ihm liegt ja noch ein gewisser Sagan. «Es war und bleibt mein Ziel – aber es wird ungemein schwierig. Peter Sagan wird am Sonntag bestimmt auch alles versuchen, ins gelbe Trikot zu fahren», sagt Elmiger – und damit ist der Radsport für ihn für ein paar Stunden abgehakt. «Bei einer mehrtägigen Rundfahrt ist es extrem wichtig, dass du am Abend abschalten kannst und dir nicht die ganze Zeit sagst, morgen musst du das und das machen, oder dir Sorgen machst, ob das Wetter schlecht wird», verdeutlicht er, «das kostet nur Energie. Nur wer abends abschalten und sich das Positive bewahren kann, der ist ein guter Rundfahrer.»

Es ist die Erfahrung eines Athleten, der seit 2001 Profi ist und schon so viel erlebt hat im Radsportzirkus. Bei Tour-de-France-Teilnahmen die extreme Hektik im Peloton, die immense mediale Aufmerksamkeit über drei Wochen oder die langen Tage mit stundenlangen Transfers am Abend einer anstrengenden Etappe etwa. Oder bei seinen vielen Starts zu Paris–Roubaix den knallharten Kampf um jeden Zentimeter Platz, wenn es aufs gefürchtete Kopfsteinpflaster geht. Oder dass Stürze ein fester Bestandteil sind. Auch er ist schon auf den Asphalt geknallt und hat sich Knochen gebrochen, im April 2014 war es das Kahnbein im linken Handgelenk.

Und er kennt das schöne, erfüllende Gefühl eines Sieges. Elmiger war zwar nie bei den ganz grossen Rundfahrten im Gesamtklassement auf dem Podest, weil das eine Zeit lang für einen sauberen Profi schlichtweg unmöglich war, er bei den drei wichtigsten Rundfahrten stets in der Rolle des Helfers ist und erst seit seinem Wechsel zu IAM Cycling 2013 viel strukturierter trainiert und Rennen fährt. Doch auch er heimste bereits einige Siege bei internationalen Profirennen ein, gewann zum Beispiel 2007 die Tour Down Under und 2010 die Vier Tage von Dünkirchen, und wurde viermal Schweizer Meister.

Rückblick: Es ist Samstagmorgen gegen 8.30 Uhr. Es ist der Auftakttag der Tour de Suisse, Martin Elmigers 14. Schweiz-Rundfahrt. Und es ist der Moment, in dem der Teamälteste mal wieder ein Beispiel für seine Routine verkörpert. Ob im Frühstücksraum oder im Teambus, Elmiger versucht immer wieder die Stimmung in der Mannschaft mit einem lockeren Spruch aufzuheitern, gerade den jüngeren Fahrern die Nervosität zu nehmen. Frei nach dem Motto: Jungs, es ist noch einige Stunden hin bis zum Start – da bleibt noch genug Zeit, um sich von allem abzuschotten, sich voll und ganz auf die Etappe zu fokussieren. Und leider auch, um sich verrückt zu machen.

«Ich probiere immer, Lockerheit reinzubringen. Schlussendlich geht es nicht um die Weltrettung, und das vergisst man manchmal, wenn man so in seinem Zeug drin ist», sagt er, «ich sage mir immer: Es gibt x Leute, die alles dafür geben würden, mal einen Tag an meiner Stelle zu fahren – also geniesse es.»

Zwei Schalen Müsli, ein bisschen Kaffee – mehr nimmt Elmiger an diesem Morgen nicht zu sich. «Vor langen Etappen esse ich deutlich mehr Müsli und Nüsse», erklärt er, «aber bei einem kurzen Prolog wie heute schaue ich, dass ich nicht zu viel Energie tanke und einen leichten Magen habe.»

Anderthalb Stunden später, fast acht Stunden vor seiner persönlichen Startzeit um 17.57 Uhr, geht es für Elmiger zum ersten Mal an diesem Tag aufs Rad. Ein lockeres Einfahren mit den Teamkollegen ist angesagt. 19 Kilometer nach Brunnen und zurück. Das wars fürs Erste. Der Prologstrecke in Risch-Rotkreuz bleiben sie fern. Sie könnten sie wegen der Aufbauarbeiten und eines Amateurrennens ohnehin kaum befahren. Glück für Elmiger: Er, der Zuger, kennt sie ohnehin in- und auswendig.

Im Prolog ist Vollgas immer Pflicht

«Ich finde es ein bisschen schade, dass man im Radsport nicht wie bei den Skifahrern die Strecke auf Video aufnimmt und analysiert. Das wäre vielleicht auch mal was», sagt Elmiger, «denn du musst den Prolog perfekt im Kopf haben. Du musst genau wissen, in welcher Kurve du Speed rausnehmen musst. Denn im Rennen kommst du immer schneller daher als bei der Besichtigung, wenn noch nicht alles abgesperrt ist. Da hat es schon manchen böse überrascht.»

Es ist ein gutes Stichwort: Bei der Rückfahrt zum Hotel blickt Elmiger immer wieder zum Himmel. Am Tag vorher hat er sich für einmal doch einige Minuten den Kopf über das Wetter zerbrochen und verschiedene Wettervorhersagen studiert, damit er seine als Teamcaptain frei wählbare Startzeit nicht ausgerechnet dann hinlegt, wenn ein Gewitter kommt und die Strassen nass sind. Hoffentlich gibt es nun keine böse Überraschung. Hoffentlich wird er nicht allein wegen der Strassenverhältnisse Tempo rausnehmen müssen. «Im Prolog musst du immer Vollgas geben, auch wenn du dir keine Chancen auf den Prolog- oder den Gesamtsieg an der Rundfahrt ausrechnest», verdeutlicht er, «nachher bist du am nächsten Tag in der Fluchtgruppe dabei und verpasst am Ende wegen ein, zwei Sekunden das gelbe Trikot.» Verdammt bitter wäre das. Vor allem diesmal für ihn, den Lokalmatador.

Menü: Reis, Gemüse, Kartoffeln

Zurück im Hotel folgt fünfeinhalb Stunden vor seinem Start das nächste Essen. Reis, Gemüse, Kartoffeln, wie am Abend zuvor auch. Fleisch isst Elmiger selten, zu viel Fett. Es heisst immer, Radprofis hauen sich vor dem Wettkampf Omeletten und Teigwaren rein. Für Elmiger ist das vor langen Etappen zwar mitunter eine ganz willkommene Abwechslung, aber in der Regel bleibts bei Reis, Gemüse und Kartoffeln. Erst recht vor einem Prolog.

Szenenwechsel. Wir befinden uns im Startbereich, am Teambus von IAM Cycling. Es ist 17.15 Uhr, knapp 45 Minuten vor Elmigers Start. Bis eben hat er noch mit seiner Frau Monika, Töchterchen Julia (2) und ein paar Kumpels geplaudert und sich abgelenkt. Ein bisschen wie bei einem netten Sonntagsausflug sah das aus angesichts der Campingstühle und des sonnigen Wetters. Doch jetzt wird es ernst. Der 36-Jährige steigt auf ein am Boden befestigtes Rennvelo ohne Hinterrad und strampelt. 40 Minuten Einfahren ist angesagt. Der Puls steigt – und das nicht nur wegen der Belastung. «Heute war ich aufgewühlt und bin mit einem viel höheren Puls zum Start gerollt als vor anderen Prologen», gibt er später zu, «das war schon was ganz anderes, wenn du so viele Leute kennst und alle dich grüssen oder noch schnell ein Selfie mit dir machen wollen.»

Und das mit der «kleinsten Anstrengung» ist ohnehin Auslegungssache. Allzu tief ist die Wattzahl, die er an den Tag legt, auch wieder nicht. Erst recht nicht, wenn er Intervalle mit einer intensiveren Belastung einbaut. «Während der Rundfahrt gehen wir kaum mehr auf die Rolle, weil der Körper ja immer schon am Tag vorher eine Belastung hatte und du am Tag selbst auf den Etappen meist auch ein bisschen Anlaufzeit hast», sagt er, «aber im Prolog trittst du nach einer Rennpause an – und dann heisst es: Peng, jetzt musst du sechs Minuten voll da sein.»

Zeitfahrvelo 14 000 Franken wert

Und nun muss auch er das sein. Nun gilt es. Nun heisst es all die Emotionen beim Auftritt auf seiner Hausstrecke auszublenden. Die vielen bekannten Gesichter am Strassenrand und die Erinnerungen, als er am Golfpark Holzhäusern vorbeirast. Dort, wo er seit zehn Jahren seinem Hobby nachgeht – für das er aber in den letzten Jahren kaum Zeit hatte. Radprofi, Familienvater und die 2011 übernommene Firma für Leuchtreklame mit 14 Angestellten, die er gemeinsam mit seiner Frau betreibt – ja, er würde eigentlich gerne öfters wieder Golfen, das war doch immer so einer schöner Ausgleich ...

Diesen Gedanken blendet er nun aus. Er setzt sich auf seine rund 14 000 Franken teure Zeitfahrmaschine und setzt seinen windschnittigen Helm auf. Beides haben sie vor zwei Jahren bei Aerodynamik-Tests genau auf ihn zugeschnitten. Dann rollt er zur Startrampe. Die Zuschauer begrüssen ihn mit einem herzlichen Applaus, die TV-Kameras fangen ihn ein. Martin Elmiger ist zurück im Rampenlicht – und auf der Rennstrecke.

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