RAD: Ein Visionär in der Zwickmühle

Der zu Saisonbeginn gegründete Rennstall IAM Cycling setzt auf ein harmonisches Teamgefüge ohne Topstar. Doch der Wunsch, bei der Tour de France zu starten, wirft beim einzigen Schweizer Profiteam auch dicke Fragezeichen auf.

Stefan Klinger, Leuggern
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Velofahrer des Team IAM beim Einfahren. (Bild: Keystone)

Velofahrer des Team IAM beim Einfahren. (Bild: Keystone)

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da schien die Radsportkarriere von Martin Elmiger langsam, aber sicher zu Ende zu gehen. Der Vertrag des damals 33-Jährigen beim französischen Radrennstall AG2R sollte zum Ende der Saison 2012 auslaufen. Und so befasste sich der Zuger, der seit 2001 als Profi bei Rennen in aller Welt auf dem Sattel sitzt, vergangenen Sommer schon einmal mit den Alternativen zum schweisstreibenden Arbeitsplatz auf dem Rennvelo. Doch dann kam alles anders.

Elmiger soll Aufbauhilfe leisten

Es ist der Morgen vor einer Etappe der Tour de Suisse 2013. Martin Elmiger betritt das Foyer im Mannschaftshotel von IAM Cycling, dem zu Saisonbeginn gegründeten und zurzeit einzigen Schweizer Profiteam, und beginnt zu schwärmen. Vom Topmaterial, das den Fahrern schon in der Debütsaison zur Verfügung steht. Von der Ethik der Verantwortlichen, die im früher so verseuchten und wohl noch immer nicht ganz dopingfreien Radsport eine besondere ist. Und von der tollen Atmosphäre, die im Team herrscht. Kurzum: Martin Elmiger bereut es keine Sekunde, dass er seine Karriere fortgesetzt hat und nun für das neue Team fährt. Er fühlt sich richtig wohl bei IAM Cycling.

Ein Team, das er – der Routinier – helfen soll, mit aufzubauen. «Wir brauchen Fahrer wie ihn. Einen, der dank seiner Routine auch dann die Übersicht wahrt, wenn es hektisch wird und den Jüngeren dann auch mal sagt, wie sie sich nun am besten verhalten sollen», verdeutlicht Sportdirektor Marcello Albasini, «er ist wie der verlängerte Arm des Sportlichen Leiters im Peloton.»

8,5 Millionen Franken Jahresetat

Ein Team, das aber auch erst ganz am Anfang steht – und sich trotzdem schon jetzt laut Elmiger vom Gros der anderen Profi-Rennställe unterscheidet. Der Hauptgrund dafür: Teambesitzer Michel Thétaz. Der Genfer, der einst das Vermögensverwaltungsunternehmen IAM gründete, gilt als Visionär. Er ist einer, der die oft noch immer verkrusteten Strukturen im Profiradsport aufbrechen und die vorbelastete Sportart in eine neue, reine Zeit führen will.

Sein Credo dabei: «Wir betrachten die Fahrer nicht als Angestellte, sondern als Partner. Jeder soll seine Meinung sagen. Stimmt das Klima, stimmt die Motivation – und das überträgt sich aufs Leistungsvermögen.» Worte, die mehr als nur schön anzuhörende Phrasen sind. «Wenn du etwas monierst, wird hier viel schneller als in anderen Teams geschaut, dass sich etwas ändert», sagt Elmiger, «die Stimmung im Team ist gut, und wir haben gute Rahmenbedingungen.» 8,5 Millionen Franken wird IAM bis Ende 2015 jedes Jahr in das Team IAM Cycling investieren – und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Verpflichtung von Schweizer Fahrern legen. «Wir haben uns vorgenommen, dass etwa die Hälfte des Teams aus Schweizern besteht», sagt Albasini, «allerdings müssen sie auch über ein gewisses Leistungsvermögen verfügen. Es bringt ja nichts, Fahrer, die überfordert sind, anzustellen, nur weil sie Schweizer sind. Das wäre für beide Seiten unbefriedigend.»

In diesem Jahr befinden sich unter den 23 Fahrern des Teams neun Schweizer. Die anderen Athleten stammen aus aller Welt – nur nicht aus Spanien. Und darauf legt Thétaz grossen Wert. Denn um das Risiko, sich einen möglichen Dopingsünder ins Team zu holen, zu minimieren, habe man sich die Vergangenheit der Fahrer ganz genau angeschaut – und ist dabei laut Thétaz zu folgendem Schluss gekommen: «Spanier gibt es bei uns keine.»

Eine andere Massnahme, um ein sauberes Team zu haben, soll die enge Zusammenarbeit mit dem Uni-Spital Genf sein, die unter anderem dem Chef eine umfangreiche Überwachung der Profis ermöglicht. «Wir vermitteln den Fahrern dezidiert, dass wir kein Doping wollen und es dieses auch nicht braucht», sagt Thétaz, «ausserdem rapportieren die Ärzte direkt an mich.»

IAM-Kader für Tour zu unattraktiv

Doch so erfreulich sich die Ethik der Verantwortlichen und die Rahmenbedingungen anhören, die Neulinge im Profiradsport sind auch schon an ihre Grenzen gestossen. So erhielten sie, das eigentlich zweitklassige Team, Einladungen zu allen Rennen der höchsten Stufe – ausser dem Giro d’Italia und der Tour de France. Denn für die Veranstalter der prestigeträchtigsten Rennen der Welt ist IAM Cycling trotz ganz guter Resultate (noch) nicht attraktiv genug, um eine der begehrten Wildcards zu erhalten. «Wir sind jetzt schon gut besetzt und breit aufgestellt, aber wir brauchen noch eine kleine Verstärkung, damit wir für die Tour-Organisatoren so interessant sind, dass sie uns nächstes Jahr dabei haben wollen», sagt Elmiger, «dabei wird es aber sehr wichtig sein, da den richtigen Fahrer zu finden.»

Denn diesen Fahrer, der das Potenzial für einen Top-Ten-Platz in der Gesamtwertung einer dreiwöchigen Rundfahrt besitzt, zu verpflichten, birgt durchaus Risiken. Es steigt die Gefahr, das zurzeit so ausgeglichene und harmonische Teamgefüge, in dem es keinen Superstar gibt, zu sprengen. Und die Gefahr, sich einen belasteten Sportler ins Team zu holen.