RAD: Für Frank ist 2015 alles anders

Mathias Frank erzählt im Interview, welche Bedeutung die heute beginnende Tour de Romandie hat, warum er schweren Herzens die Tour de Suisse auslässt und wie er den Sturz am Sonntag erlebt hat.

Interview Stefan Klinger
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Die Trainingseinheiten sind für den Roggliswiler Mathias Frank (vorne) in diesem Frühjahr wichtiger als die Rennen. (Bild: Imago/Sirotti)

Die Trainingseinheiten sind für den Roggliswiler Mathias Frank (vorne) in diesem Frühjahr wichtiger als die Rennen. (Bild: Imago/Sirotti)

Mathias Frank, am Sonntag sind Sie das Rennen Lüttich–Bastogne–Lüttich nach einem Sturz nicht mehr zu Ende gefahren. Können Sie überhaupt bei der Tour de Romandie antreten?

Mathias Frank: Ja, es geht. Ich habe zwar ein paar blaue Flecken, Prellungen und Hautabschürfungen erlitten, aber ich habe mich zum Glück nicht gravierender verletzt.

Wie kam es denn zu diesem Sturz?

Frank: Die Stelle, an der es passiert ist, rund 40 Kilometer vor dem Ziel, gilt als Knackpunkt bei diesem Rennen. Also haben alle versucht, sich in eine gute Position zu bringen – und das bei hohem Tempo. Plötzlich ist vor mir ein Fahrer einem anderen hinten draufgefahren und kam zu Fall. Da konnte ich nicht mehr ausweichen und bin auch gestürzt.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie am Boden lagen?

Frank: Ich bin heftig auf den Rücken und den Kopf geknallt und habe deshalb erst ein paar Mal Luft holen und mich wieder besinnen müssen. Dann habe ich gesehen, dass mein Velo Schrott ist und ich auf das Begleitfahrzeug warten muss. Ich habe anschliessend zwar noch einmal probiert, mich wieder zurückzukämpfen. Aber der Rückstand war so gross, dass ich 20 Kilometer vor dem Ziel eingesehen habe, dass es keinen Sinn mehr macht. Und ganz ehrlich: Ich hatte auch keine grosse Lust mehr. Also bin ich einfach abgestiegen.

Nach der Flèche Wallonne sah das kürzlich ganz anders aus. Wir haben erfahren, dass Sie danach sogar noch die 70 Kilometer vom Ziel bis ins Hotel auf dem Velo gefahren sind.

Frank: Ja, ich bin an jenem Tag insgesamt 275 Kilometer auf dem Rennvelo gefahren. Ich wollte den Tag dazu nutzen, mal alle Speicher leer zu fahren. Die Aktion war mal ein neuer Ansatz.

Bei Ihnen scheint in diesem Jahr ohnehin vieles anders zu laufen als in Ihren sieben Profijahren davor.

Frank: Das stimmt. So einen Jahresbeginn wie in diesem Jahr habe ich noch nie gehabt. Bei mir ist in diesem Jahr alles auf die Tour de France ausgelegt. Ich will wissen, was für mich an der Tour de France möglich ist. Daher habe ich den Ansatz gewählt, den die Tour-Sieger der letzten Jahre auch immer hatten.

Wie sieht dieser Ansatz konkret aus?

Frank: Ich bin bisher im Frühjahr immer viele Rennen gefahren, um damit in Form zu kommen. Diesmal mache ich aber einen gezielten Aufbau auf die Tour de France hin und fahre nur bei ein paar Rennen. Stattdessen absolviere ich immer wieder ein Höhentrainingslager. Im April habe ich beispielsweise Rennen ausgelassen und dafür zwei Wochen in der Sierra Nevada trainiert. Nach der Tour de Romandie werde ich einen Höhentrainingsblock am Bernina machen. Mitte Juni folgt ein weiterer in Südfrankreich, bei dem ich auch die Schlüsseletappen der diesjährigen Tour de France in den Alpen und in den Pyrenäen abfahre ...

Anstatt bei der Tour de Suisse anzutreten – Ihrem wichtigsten Heimrennen, bei dem Sie vergangenes Jahr immerhin Zweiter geworden sind. Wie schwer fiel Ihnen diese Entscheidung?

Frank: Die Tour de Suisse hat für mich eine grosse Bedeutung, weil sie mein Heimrennen ist und mir sehr liegt. Ich will sie unbedingt eines Tages mal gewinnen. Es ist allerdings sehr schwierig, bei der Tour de Suisse um den Sieg zu fahren und im selben Jahr auch noch bei der Tour de France im Gesamtklassement möglichst weit vorne dabei zu sein. Es war ein emotionaler Kampf, bis ich mich entschieden hatte, aber ich will jetzt diesen Weg, der ohne Tour de Suisse verläuft, ausprobieren. Es ist ein Experiment. Ich bin 28 Jahre alt. Das ist jetzt die Zeit, in der ich versuchen muss, her­auszufinden, was möglich ist. Ich habe keine zehn guten Jahre mehr vor mir.

Von Veranstalterseite heisst es allerdings immer wieder, die Tour de Suisse sei ein gutes Vorbereitungsrennen auf die Tour de France.

Frank: Sehen Sie, ich persönlich kann an einer Tour de Suisse nicht einfach mitfahren, beim gleichzeitig stattfindenden Critérium du Dauphiné kann ich das dagegen. Zudem sind beim Critérium du Dauphiné in diesem Jahr drei Etappen identisch mit Etappen der Tour de France, und es gibt dort wie an der Tour de France ein Mannschaftszeitfahren. Weil es früher aufhört, bleibt mir danach bis zur Tour de France zudem mehr Zeit zum Erholen und zum Trainieren. Daher fahre ich in diesem Jahr das Critérium du Dauphiné statt die Tour de Suisse.

Gibt es schon einen Punkt, an dem Sie festmachen können, dass sich die andere Vorbereitung bereits auszahlt?

Frank: Es ist noch zu früh, um etwas sagen zu können. Auch deshalb, weil es ein paar Mal nicht optimal gelaufen ist, weil ich ein bisschen gekränkelt habe. Ich habe aber ein gutes Gefühl. Die Rennen Flèche Wallonne, Lüttich–Bastogne–Lüttich und Tour de Romandie sind nun ein grösserer Block, danach weiss ich mehr.

Was nehmen Sie sich denn für die Tour de Romandie konkret vor?

Frank: Ich möchte ein gutes Resultat herausfahren. Im letzten Jahr bin ich Vierter geworden. In diesem Jahr ist die Tour de Romandie allerdings etwas speziell. Weil es diesmal wie an der Tour de France ein Mannschaftszeitfahren gibt, werden einige Teams in Bestbesetzung, quasi mit ihrem Tour-Aufgebot antreten. Wenn ich diesmal Fünfter werden würde, wäre das vom Niveau her besser als der vierte Platz vom vergangenen Jahr.

Ihr sportlicher Leiter Rik Verbrugghe sagt, dass Ihr Team nun ein richtiges Kollektiv sei und sich Szenen wie 2014, als nicht alle an der Tour für Sie fuhren, nicht mehr wiederholten. Ist das auch Ihr Eindruck?

Frank: An der Tour de Suisse und der Tour de Romandie hatte ich letztes Jahr eine gute Unterstützung vom Team. Die Tour de France ist aber ein ganz anderes Rennen, es ist wie eine andere Sportart. Dort lastet ein ganz anderer Druck auf den Fahrern. Zudem ist es viel, viel hektischer als bei allen anderen Rennen, weil jeder vorne sein will – wodurch es viel mehr Stürze als sonst gibt. Weil einige von uns letztes Jahr zum ersten Mal dort dabei waren, haben sie sich nicht so verhalten, wie sie es normal tun. Ich denke, in diesem Jahr wird das anders sein.

2014 wurden auch Sie das Opfer eines Massensturzes kurz vor dem Ziel und mussten wie bei Ihrer einzigen Teilnahme davor verletzt aufgeben. Diesmal erlitten Sie gar einen Oberschenkelhalsbruch. Spüren Sie manchmal noch Nachwirkungen?

Frank: Nein, es ist alles wieder gut mit dem Oberschenkel, und auch die Muskulatur ist wieder wie vorher. Ich habe trotz allem auch ein bisschen Glück gehabt. Zudem hatte ich danach die besten Leute um mich herum. Das hat mir geholfen, dass ich bald wieder zurückgekommen und nun beschwerdefrei bin.

Sie sagen, dass bei Ihnen 2015 alles auf die Tour de France ausgelegt ist. Was ist denn dort Ihr Ziel?

Frank: Mein Ziel ist es, im Gesamtklassement die Top Ten zu erreichen. Wenn einem das an der Tour gelingt, dann kannst du dich wirklich als Rundfahrer bezeichnen. Mein Fahrplan stimmt. Auch wenn ich ein paar kleinere gesundheitliche Sachen hatte: Ich bin zuversichtlich.

Mathias Frank (28) wuchs in Roggliswil auf und lebt nun mit seiner Frau Nicole in Lausen BL. Frank wurde 2008 beim Team Gerolsteiner Profi, fuhr von 2009 bis 2013 für BMC und wechselte dann zu IAM Cycling. Seine grössten Erfolge: mehrere Tage im gelben Trikot der Tour de Suisse, 2014 Gesamtzweiter der Tour de Suisse und Etappensiege bei Rennen der zweithöchsten Kategorie (HC).